Die besten Jahre meiner Jugend habe ich in Gefängnissen und psychiatrischen Anstalten zugebracht. Aus Scham. Weil ich nicht darüber sprechen wollte. Ich kann diesen ganzen Psychoscheiß nicht mehr hören. Von einem Beamten, der in der Landesklinik im selben Schlafsaal lag und Platon im Original las, habe ich mir Griechisch beibringen lassen. Παράνοια, im Griechischen heißt Paranoia nur „neben dem Verstand“, „verrückt“. Im Deutschen kann ich dir im Schlaf sämtliche Zusammensetzungen herunter leiern. Beim ersten Mal war es noch eine neurotische Form einer paranoiden Neigung. Später wurde bei mir eine schwere paranoid-psychotische Ausprägung diagnostiziert, angeblich mit schizophrenem Syndrom. Ich bin genauso wenig bescheuert wie du, ich wollte nur nie über die Gründe reden, warum auch? Gehst du etwa am nächsten Tag zu den Gastgebern einer Party zurück, die du kaum kennst, und sagst, „wenn Sie den suchen, der Ihnen gestern Abend in den Kleiderschrank gekotzt hat, brauchen Sie nicht weiter zu suchen, Sie haben ihn gefunden“? Natürlich machst du das nicht. Hat sich schon einmal jemand gemeldet, wenn einer im Bus gefragt hat, „welche Drecksau hat hier die Luft verpestet!?“ Du schon gar nicht; nix mehr von wegen „ich bin ein Zauberer, ich kann die Luft stinken lassen“. Aber gut, ich habe sie schließlich übel zugerichtet, alle. Aber kein einziger ist dabei krepiert.
Es waren schwere Zeiten. Sie sitzen vor dir in ihren weißen Kitteln „Kooperieren Sie mit uns, so kann es nicht weitergehen, wir können Ihnen nicht helfen, wenn Sie uns nicht helfen lassen!“ Scheiß drauf, die Schande erlegt dir das Schweigegelübde auf, stopft dir das Maul. Du starrst an die Wand, bei Tag, bei Nacht bis du die Flammenschrift entziffern kannst. Die Vorhaut habe ich mir mit dem Zigarrenabschneider des Anstaltsleiters kupiert, weil ich nicht mehr reden wollte. Einfach so, während einer Sitzung, als er sich umdrehte, die Säufer-Hände hinter dem Rücken eingehakt in ein funktionsloses Stück Gürtel-Attrappe, die einzig dem Faltenwurf und somit seiner Eitelkeit diente, und in den herbstlichen Anstaltspark starrte, damit ich seine desinteressierten Augen nicht sehen sollte. Schnipp! Er hat es nicht einmal mitbekommen. Der Zigarrenabschneider lag wieder auf dem Schreibtisch bevor du „Bapp“ sagen konntest, als seien Spaghetti in Tomatensoße damit auf die richtige Länge gekürzt worden. Die abgeschnittene Vorhaut, schreckensblasses und blutleeres Ringelchen, vor dem Stuhl. Einpacken konnte ich nicht mehr. Als er sich umdrehte, starrten wir uns an, er stumm vor Schreck, ich vor Schmerz. Mein Blut schoss über den Stuhl auf den Teppich, der, als ich aufstand, ein morastiges Schmatzen von sich gab, das mich an einen Spaziergang im Landstuhler Bruch erinnerte. Als er bemerkte, dass ich nur die Vorhaut und nicht den ganzen Pimmel der heiligen St. Paranoia zum Opfer gebracht hatte, schüttete er Wodka aus seinem Schreibtisch über die Wunde. Das Gespräch war beendet.
Sie konnten mich ja nicht für immer wegsperren. Jedes Mal, wenn ich raus kam, experimentierte ich weiter. Zum Glück haben sie nicht alle gefunden, die ich angezündet habe. Wenn ich einen erwischt hatte, habe ich ihn in den Wald gelockt, manchmal auch unter Gewaltanwendung. Die Verletzungen, die ich dabei erlitt interessierten mich nicht. Ich habe sie an Bäume gebunden, dicht an den Stamm. Dort, wo der Schwanz zum Körper übergeht, musste ich die Flammen stoppen. Ich benötigte wässrige, teigartige Mischungen, die sich auf den Körper auftragen ließen und das Feuer zuverlässig löschten. Magnesium-Aluminium-hydroxy-carbonat widmete ich eine Versuchsreihe. Später experimentierte ich mit Ammonium-pentaborat. Borsäure ließ das Feuer ebenso überspringen wie Wasserglas und Gerbsäure-Gemisch, aber hauptsächlich wegen der unbefriedigenden Konsistenz. Die Schwänze rieb ich anfänglich mit Benzin ein. Der Transport war aber zu unsicher. Woher sollte ich wissen, wann sich die Gelegenheit bot, einen abzugreifen. Später nahm ich einfach Brennpaste, die ich in eine Nivea Dose umfüllte.
Die Presse bekam Wind von der Sache und bauschte sie reisserisch auf. Die Jungs müssen halt auch ihre Familien ernähren oder bei der Freundin auf dicke Hose machen, weil die sonst weg ist, so wenig Zeit wie die haben. Die warten auf eine solche Nummer. “Schwanzbrenner“ „Monster legt Lunte an Dackel-Lunte“ Gefährlich waren die verzogenen, halbschwulen Dackel, die heim zu Mammi rannten und dabei das Sofa in Brand setzten. Ein gutes hatte die Sache jedoch. Ein niederländischer Kerzenfabrikant war begeistert von meinen Lösungswegen, die Flammen zum Erlöschen zu bringen. Ich erhielt eine Sondererlaubnis des Justizministeriums und durfte, unter strenger Aufsicht im Keller der JVA Versuchsreihen mit Chemikern des Holländers durchführen. Inzwischen bin ich Mitinhaber des Patents zur Herstellung selbstlöschender Kerzen. Meine Löschpaste wird in zwei Zentimeter Abstand vom Kerzenboden in den Docht gepresst. Die Kerze kann nicht mehr ganz abbrennen, was sich schon in der Brandstatistik niederschlägt.
Inzwischen kann ich mir auch manchmal vergegenwärtigen, wie das damals war, als mich das Mädchen, ich habe ihren Namen vergessen, mit nach Hause nahm. Ich hatte mich ausgiebig mit ihr beschäftigt, als ihr Vater klopfte. Im angrenzenden Zimmer der abwesenden Schwester fand ich unter dem Bett Zuflucht, während ihr Vater ihr Gute Nacht sagte. Mit dem Vater war aber auch Waldi hereingestürmt. Roter Langhaar-Dackel, der mich bald entdeckt hatte und auf mich zustürmte. Er beschnupperte mein Gesicht und schien etwas in die Nase zu bekommen, was ihn in Ekstase versetzte. Mit seinen verkrüppelten Stumpfbeinen versuchte er sofort, meinen Kopf zu umklammern und begann sich konvulsivisch juckelnd mit ständig sich erhöhendem Tempo zu bewegen. In Abwehrhaltung bekam ich ihn zu fassen, wobei er sich entlud, als sei ein Wasserballon geplatzt. Ich vergesse nie den rosa-bläulichen Schaft mit der Geschwulst am Ende und die Schweinerei überall. Doch dann wedelte er wie verrückt mit dem Schwanz , der ein eingetauchter Pinsel war und mich über und über bepinselte. In diesem Zustand musste ich über zwei Stunden verharren. Ins Badezimmer konnte ich nicht, weil die Eltern wach waren, ebenso wenig konnte ich weggehen. Das Mädchen holte mir zwar ein nasses Handtuch, aber was war das schon. Nach einer viertel Stunde waren meine Haare steif gegeelt wie ein Brett. Ich glaubte ein leises Krächeln zu vernehmen, wenn ich meine Gesichtsmuskeln bewegte. Seit dieser Zeit sind Langhaar-Dackelschwänze eine Frage der Ehre, die nur durch die Läuterung des Feuers wieder hergestellt werden kann.
Wenn du gewinnen willst musst du bereit sein, alles zu verlieren. Jetzt, mit meinen Lizenzgebühren aus der Kerzenproduktion werde ich mich in West-China niederlassen und eine Langhaar-Dackel-Farm aufziehen.
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