"Gallia est omnis divisa in partes tres...- Gallien ist in seiner Gesamtheit in drei Teile geteilt...", beginnt Caerars, bei Schülern so gefürchteter, "De bello Gallico". Mit den menschlichen Charaktereigenschaften verhält es sich einfacher. Sie sind lediglich zweigeteilt. Es werden Wälzer zum Thema Menschenkenntnis geschrieben, eine Seminarindustrie nährt sich an ihrem mageren Busen, und Journalisten zahlen mit ihrer Hilfe das Studium ihres Nachwuchses. Dabei verhält es sich mit der Menschenkenntnis wie mit der Intelligenz. Kaum jemand bringt die Einsicht auf, in minderem Maße damit gesegnet zu sein. Die Evolution hat uns mit einem Automatismus ausgestattet, indem wir bauchgefühlsmäßig wenige Sekunden nach dem Kennenlernen unseren Gegenüber mögen oder ablehnen. Was über diesen archaischen Reflex hinausgeht, müssen wir uns mühsam erwerben, ohne es in der Praxis sonderlich gut anwenden zu können. Alfred Adlers Standardwerk "Menschenkenntnis" lässt uns ebenso im Stich wie einschlägige Focus-online-Tests. Ich persönlich komme mit einem simplen zweigliedrigen Ordnungssystem ganz gut zurecht: Ich teile, die Menschheit in Geparde und Wölfe.

Der Gepard ist der Depp unter den Jägern, der Verschwender von Resourcen. Gefährlich nur auf kurzer Distanz. Mit Spitzengeschwindigkeiten um die 120 km ist er das schnellste landlebende Säugetier der Welt. Im Beschleunigungsvergleich von 0 auf 90 km/h lässt er den Porsche Carrera GT ganz schön alt aussehen. Seinen Wahnsinns-Antritt hält er jedoch nur 400 m durch, danach ist er für Stunden fix und alle. Seine anvisierte Beute kann ihm dann eine lange Nase drehen. Zum raubkatzigen Töten durch Genickbiss sind seine Kiefer zu schwach. Meist ist er auf die Mithilfe seiner Opfer angewiesen, die sich oft das Genick brechen, wenn sie in panischer Angst im vollen Lauf von den Beinen gefegt werden. Ansonsten muss er seine Opfer mit einem Würgebiss am Hals in erniedrigender Würgeschlangenmanier ersticken . Es wurden junge Springböcke beobachtet, die als Zeitvertreib "Geparden verarschen" spielten. Durch seine Selbstüberschätzung lässt er sich leicht provozieren und wirkt lächerlich. Bei der Jagd sucht er sich heruntergekommene alte und kranke Beute. Trotzdem braucht er viele Anläufe und hungert lange bevor er erfolgreich ist, weil ihm die Hauptvoraussetzung für den Erfolg fehlt: Durchhaltevermögen und Beharrlichkeit.

Die menschlichen Geparden sind die Sprinter nach Erfolg, die Großankündiger, der Analphabet, der vom Chefredakteur-Sessel träumt, der Bierzapfer, der sich zum Eventmanager berufen glaubt bis die geliehene Kohle verbraten ist. Der großmäulige Lehrer der tumben Erkenntnis, dessen Sätze stets mit "Folgendermaßen" beginnen, weil er seine Ahnungslosigkeit hinter Belehrungen anderer zu verstecken versucht. Der ausgehaltene Rentenkassen-Gigolo, der mit Harz IV Mitteln das große Ding aufziehen wird während er sich im Cafe Geld unter dem Tisch zugestecken lässt.

Der Wolf jagt mit langsamem Antritt, lässt aber seiner auserkorenen Beute kaum eine Chance. Anfänglich mag sein Opfer schneller sein. Sich über den ungraziösen Trott amüsieren, das Fehlen von Eleganz, das Zottelfell belächeln. Doch das Lachen vergeht, sobald sich die Beute in Sicherheit wähnt, wenn sie glaubt, ihn abgehängt zu haben. Ermattet am Baumstamm lehnend, nach Luft schnappend, gewahrt sie ihn, wie er um die Wegbiegung gezottelt kommt. Die Eleganz des Laufschritts des Opfers büßt an Eleganz ein, die Zeit für Verschnaufpausen wird kürzer, das Rauschen des Blutes im dröhnenden Schädel, das keuchende Japsen der gehetzten Lunge wird untermalt mit gleichmäßigem Wolfs-Hecheln. Er verfolgt die hoffnungslose Beute über die sieben Berge, durch die Verlassenheit der unwegsamen Nebelschwaden-getrübten Verzweiflungstäler bis sie vor Erschöpfung sein Kommen als Erlösung ersehnt. Wenn er seine Beute nimmt, geschieht es beiläufig, nahezu gelangweilt. Als Mensch ist er selten. Er ist Erbauer von Kathedralen, Bauer auf der Scholle seiner Ahnen, Patriarch, nicht auf Jahresbilanzen schielend, sondern Dekaden überplanend. Er steht ruhig am Fließband, ist nie murrender Waldarbeiter oder trotzt als Schäfer dem Wintersturm, festgemauert, das Gesicht herausfordernd der westlichen Regenpeitsche zugewandt.

Wir leben im Zeitalter des Geparden, der Jäger des schnellen Geldes, der schmarotzenden Mietnomaden, der Abzocker und Täuscher, der Versager, die stets ihr Bestes geben, das nie ausreicht. Niemand fürchtet den Geparden, der Erfolglose hat keine Neider. Aber die Zahl wird zu groß. Es ist an der Zeit, dass die Wölfe das Revier reinigen. Wie in der germanischen Mythologie, wo der Fenriswolf als ein Hauptakteur beim Weltuntergang Ragnarök zu Beginn der Götterdämmerung den Mond, später den Siegesgott Odin verschlingt. Die Zeit der Geparden ist eine gute Zeit für Wolfssiege. Cave lupum, acinonyx! Hüte dich vor dem Wolf, Gepard!