Viele Tische blieben unbesetzt im Restaurant der Gebrüder Meurer. Vielleicht lag es an der Finanzkrise oder an der Jahreszeit. Die verweichlichte Gartenlandschaft in Großkarlbach bibberte im pfälzischen Winter nach südlicheren Gefilden wie ein verarmtes Jüngelchen ohne Mantel. Wir waren nicht mehr hier seit man uns rausgeschmissen hatte; vor über zwanzig Jahren. Die Grandezza des Sommers, damals auf der Terrasse, hatte der grauen Bescheidenheit von angeschmutzten Schneehaufen Platz gemacht. Die phallisch strotzenden Zypressen wirkten aufgesetzt, die Orangen- und Zitronenbäumchen waren in Sicherheit gebracht. Sogar die hochnäsigen Bedienungen, bei denen ich früher immer den Eindruck hatte, beim letzten Mal die Rechnung nicht bezahlt zu haben, quälten sich ein Lächeln ab, als hätte man eine Stellschraube an den Wangen angezogen. Samt und sonders zu jung, um sich an damals zu erinnern. An die heiße Sommerwoche, die sie zu Besuch war. Als wir fast täglich mit der Abendkühle die Haardt herunter fuhren, der Wagen angefüllt mit dem süßlichen Parfüm unserer frisch geduschten Körper mit einer Kopfnote von Sex, unsere Deos ineinander verwirbelt. Dort drüben, ganz rechts, direkt an der Mauer, etwa, wo jetzt die Schneeschaufel lehnte, stand unser Tisch. Ich erinnerte mich, ihr Kostüm, unter dem sie nichts trug, war von einem reinen Weiß wie die Tischdecke. Wenn sie sich abstützte und ich meine Augen etwas außer Fokus schwimmen ließ, sah es aus, als lägen ihre Hände abgetrennt auf dem Tisch, weil ihre Arme mit dem Weiß der Damastdecke verschmolzen. Dazu trug sie Lack-Pumps von einem so durchdringenden Rot, als sei dafür das Blut liebeskranker Selbstmörder konzentriert worden; mit Absätzen, deren Trägerin keine Höhenangst haben durfte. Ich bückte mich öfter, um einen Blick in das Halbdunkel unter ihrem Rock zu werfen. Wir stellten uns vor, keiner der Anwesenden würde Unterwäsche tragen und sich den anderen vermeintlichen Spießern überlegen fühlen. Wer schließlich den Reißverschluss öffnete, ob sie es wirklich mit dem Fuß geschafft hat, oder ob ich nachgeholfen habe nach dem Fisch und ein paar Schluck in die zweite Flasche Colli Bolognesi di Monte San Pietro, ist mir nicht mehr erinnerlich. Als die etwas schusselige Aushilfskellnerin den Weinkühler umschüttete, in meine Richtung, sie den Damast wegriss und ich reflexgesteuert aufsprang, stand ich jedenfalls mit einem an meiner Körpermitte frei baumelnden schreiend roten Damenpumps auf der voll besetzten Terrasse. Der Halt des Schuhs erschlaffte schlagartig unter der konzentrierten Aufmerksamkeit, setzte das Meisterstück der Schuhmacherkunst der unbarmherzigen Schwerkraft aus, die es blitzartig zu Boden zog und mich in eine erbärmliche Situation brachte.
Doch jetzt war Winter, und die Peinlichkeit von damals war zur erheiternden Erinnerung von heute gewandelt. Beleg überschäumender Lebenskraft. Wir kannten uns lange, seit sie vierzehn war, ein ganzes Leben. Wir haben uns weh getan, früher sie mir, später ich ihr, aber immer mit stumpfen Gegenständen, nie bösartig, haben nichts zunichte gemacht, uns die verletzlichen Stellen unserer Seelen gezeigt und mit Drachenblut geschützt. Unser Erstgeburtsrecht ließen wir uns nie nehmen, nicht von Ehepartnern oder Affären. Als Erste würden wir zugeben, dass unsere Liebe etwas Künstliches hat, nicht der Natur entsprechend, wenig belastbar und doch real. Wie die Meurersche Orangerie würden wir sie niemals den Frösten des Alltags aussetzen, die noch keine Liebe überdauert hat. Wir treffen uns in Abständen von Jahren, sie lebt auf einem anderen Kontinent, und telefonieren selten, meist ist dann einer von uns betrunken und braucht Bestätigung. Dann versprechen wir uns, wir würden uns eine Woche Zeit nehmen, nur für uns. Wir würden in einem Burghotel hoch über dem Fluß wohnen und aus Spitzbogenfenstern weit in das Hinterland des gegenüber liegenden Ufers schauen. Keine Gefahr könnte uns überraschen. Mein Kopf würde in der Kuhle über ihrem Hintern ruhen, wenn draußen der Regen prasselt.
Jetzt saßen wir im Gewölbekeller und folgten den Adern unserer Handrücken als seien sie vertraute Urwaldflüsse. Die Tischdecke mit weißen Rosen, wie ein Leichentuch, sagte ich. Sie ließ die neue Zeitgeist-Melancholie nicht zu, wandte sich mit Glücksobsession gegen Schopenhauers These vom Optimismus als einer falschen und verderblichen Lehre. Sie würde sich nicht gegen das Alter stemmen, töricht mit Botox und Skalpell, aber leben würde sie, ohne Furcht. Kein Übel wird kommen, wenn du die Angst fernhalten kannst, denn die Furcht ist das Übel. Entgegen meiner Gewohnheit erzählte ich von meiner Enttäuschung, vom Verlust des Vertrauens, von der Erfahrung der Boshaftig- und der Hinterhältigkeit. Von dem Krieg, den zu führen mir Mitleid und Barmherzigkeit ver- und gegnerische Kaltschnäuzigkeit gebietet. Von der Zögerlichkeit, weil der unausweisliche Sieg schon jetzt bitter schmeckt. Wenn Krieger Bedenkenträger spielen, sind sie scheinheilig und sentimental, sagte sie. Und: man kann mit dem Wolf tanzen, wenn er es will, zähmen kann man ihn nie, sonst hätte ich ihn längst in meinem Zoo.
Ich schaute in ihre Augen ohne ergründen zu wollen, und sie sah meine Dankbarkeit und drückte meine Hand und ich fühlte mich für einen Augenblick unbesiegbar.