Mein Verhältnis zur Staatsgewalt ist ideologisch belastet. In meiner Jugend, auf der Suche nach einer Begründung, warum ich unbehelligt Kiffen und ohne Führerschein Auto fahren dürfen sollte, verfiel ich auf den Anarchismus. Zum einen war es in den Siebzigerjahren unmöglich, ernsthaft einen Standpunkt zu vertreten, der nicht ideologisch fundiert war; zum anderen von unschätzbarem Vorteil beim Aufreißen von Teenies, wenn man ein dialektisch unangreifbares intellektuelles Fort besaß. Die Ritter der 68er-Generation galoppierten hoch zu Theorie in die Minne-Schranken. Wie alle Teenager-Generationen seit der Erfindung des Lendenschurzes, wurde mehr argumentiert, um die eigene rhetorische Überlegenheit zu demonstrieren, als um ernsthaft Standpunkte zu vertreten. Politisches Verhalten also. Damals habe ich mir in zwei, drei durchkifften Nächten eine Ideologie zusammengezimmert, die Angriffen, hauptsächlich aus der kommunistischen Ecke, standhielt. Nicht etwa auf bestechende logische Schlüssigkeit, sondern auf dem einkalkulierten Nichtwissen des Gegners gegründet. Wer, bitteschön, sollte einen dialektisch gespannten Erörterungsbogen von Proudhon über Kropotkin, unter Berücksichtigung der Deutschen Mackay und Stirner bis zu dem meinen Neigungen am nächsten kommenden Bejamin Tucker intellektuell unbeschadet überschreiten? Um die dünne Soße einzudicken, eine kleine Mehlschwitze aus Agitprop-Parolen des individuellen Anarchismus gegen Bakunins kommunistischen Anarchismus, und schon war angerichtet. Ich gebe zu, in dieser Zeit sowohl das Marx´sche „Das Kapital“ als auch Bakunins „Staatlichkeit und Anarchie“ mit vorwärts wanderndem Lesezeichen gut sichtbar herumliegen gehabt zu haben. Zusammen mit meinen Exegesen der Liedertexte von King Crimson (erinnerst du dich an 21st Century schizoid man? „Cat´s foot iron claw / neuro-surgeons scream for more / at paranoia´s prison door.“) war ich damit in der Lage, ein breites Spektrum an Frauenwünschen abzudecken. Später, in den USA, habe ich einmal, mit dem erhofften Erfolg, einer Beth versichert, „The Communist Manifesto“ im Original gelesen zu haben. Längst ist mein naiver Glaube an gesellschaftliche Verantwortung des Individuums an den Klippen der Realität zerschellt.
Es muss 1968 gewesen sein, als ich mich auf der Abiturfeier von Tammie, Lolas Freundin, mit dem Lebensgefährten ihrer Mutter stritt. Das Arschloch (wie kann man „Manni“ heißen?) hat Bernie Cornfelds IOS-Fonds verkauft und dumm über Thomas Morus´ „Utopia“ gelabert, das weder er noch ich gelesen hatte, was wir aber nicht wussten. In jener Nacht, nachdem wir Southern Comfort gesoffen hatten als wollten wir uns in Alkohol konservieren, passierten merkwürdige Dinge. Die immer akribischer werdende Diskussion hatte die Nerven aufgereizt und empfindsam für leichteste Schwingungen gemacht. Für nie ausgesprochene Wünsche wurden plötzlich Indizien der Erfüllbarkeit entdeckt. Ähnliches hatte ich erlebt als sexbesessener Vierzehnjähriger in einem überfüllten Bus vom Walddorf in die Stadt. Dicht gedrängt neben einer parfümierten Göttin, die direkt aus den Selbstbefriedigungsträumen Pubertierender entstiegen war, war ich überzeugt, dass sie in jeder Kurve mit berechnender Absicht ihren Schenkel, der sich in dem engen Rock obszön hart anfühlte, gegen meinen Unterleib drückte und jedes Ruckeln des Busses zum Anlass nahm, ihre in einem spitzen BH hoch aufgerichteten Brüste über meinen Oberarm streichen zu lassen. Ich wäre beinahe erstickt, weil ich vor Aufregung nicht zu atmen wagte. So fiebrig und überreizt war die Atmosphäre jener Abi-Party, die kein Ende fand. Einige Gäste gingen, andere schliefen am Boden sitzend ein, wieder andere zogen sich in Zimmer zurück. Verworren wie ein Knäul alter Wolle waren die Beziehungsgeflechte am folgenden Tag. Ich war aufgewacht neben Tammies Mutter in einem Gästebett. Die Situation war wegen ihrer Erstaunlichkeit nicht eindeutig und vertrauenswürdige Erinnerung war abhanden gekommen. Unsere Klamotten waren derangiert und meine rechte Hand roch. Tammies Mutter sagte „Du“ in einem Ton, der fragend, scherzhaft drohend und bewundernd war und von dem ich in der Folge nie genug bekommen sollte.
Manni, das Arschloch, war mit einer Klassenkameradin von Tammie in ein Hotel verschwunden. Später heirateten die beiden. Die Ehe hielt über ihr Studium hinaus; die Scheidung fiel, wenn ich mich recht entsinne, mit dem Niedergang von IOS zusammen, jedenfalls hatte Manni seinen SL schon nicht mehr. Für mich wurde mit Tammies Mutter zwar kein Traum wahr (ich war überzeugt, ältere Frauen würden abgehen wie Silvester-Raketen), aber alles in allem war es ein guter Sommer. Die uns trennenden 31 Jahre hinderten sie daran, Forderungen zu stellen. Ich kam und ging, wann ich wollte, ohne Vorwürfe zu hören. Sie hat mich benutzt, um ihrem Ego Luft in den Arsch zu blasen wie einem Frosch am Dorfteich. Doch der Preis war hoch. Wenn ich zurückdenke, war es demütigend für sie, um die Kurzlebigkeit der Beziehung zu wissen und das Wissen auszusprechen, als sei es eine Beschwörungsformel, die das Ende hinauszögern könnte. Liebe braucht Ewigkeit. Sie war eine kluge Frau, Tammies Mutter. Hätte sie ihr Alter ignoriert, ich hätte es nicht bemerkt und wir hätten eine paradiesische Zeit gehabt. „Das machen dir deine jungen Dinger nicht“, sagte sie, wenn sie mir das Frühstück am Bett servierte, „du wirst noch an mich denken.“ Ich denke jedes Mal an sie, wenn ich Frühstück und meine Eier „over easy“ bestelle. Das hatte ich von zu Hause nicht gekannt, das habe ich von ihr gelernt und werde ich nie vergessen. „soll ich dir die Eier von beiden Seiten braten,“ hat sie mich am ersten Morgen gefragt, und ich hielt es für ein versautes Vorspiel. Für mich sind Eier over easy, (ich kenne den deutschen Ausdruck nicht und wenn ich nach der Beschreibung bestelle, lachen die Kellnerinnen, wenn sie Humor haben oder schauen böse, wenn er fehlt) untrennbar mit Tammies Mutter verbunden. Meine Besuche wurden seltener und hörten irgendwann ganz auf, weil Lola mehr von meiner Zeit forderte - aber das ist eine andere Geschichte.