Ich bin Trinker. Dazu bin ich nicht aus Kummer oder als Folge einer schweren Kindheit geworden, sondern aus Angst. Meine Selbstdiagnose, als die Schmerzen im Oberbauch in immer kürzeren Schüben auftraten, war eindeutig: Magenkrebs. Später änderte ich sie noch einmal in Bauchspeicheldrüsenkarzinom. Auf alle Fälle Endstadium. Ich werde mich nicht in die Hände von Ärzten begeben, die während ihrer Ausbildung Leichen aufgeschnitten haben. Ebenso wenig werde ich mich in ein Krankenhaus-Zimmer legen, das dermaßen verseucht ist, dass vor der Tür ein Desinfektionsspender hängen muss, damit sich das Personal beim Hinausgehen die Pestilenz abtöten kann, währen ich drinnen mit jedem Atemzug einen todbringenden Bakterien-Cocktail einatme. Das einzig wirksame Mittel gegen meine unerträglichen Schmerzen war ein richtig steifer Grog in einem heißen Bad. Als ich schließlich komatös in ein Krankenhaus eingeliefert wurde, wo man mir die Gallenblase entfernte, die nur noch ein Stein-Aufbewahrungs-Beutel war, war meine Haut vom Baden ruiniert, und ich hatte mich an Grog statt Tee zum Frühstück gewöhnt.Nein, das ist keine Entschuldigung oder Rechtfertigung, nicht einmal eine Erklärung. Mir macht es Spaß, so wie du nicht ohne deinen Kaffee in die Gänge kommst, „sprich mich nicht an, bevor ich meinen Kaffee getrunken und mindestens einmal an einer Zigarette gezogen habe, sonst kann ich für nichts garantieren“, nehme ich vor dem Zähneputzen einen Rachenputzer. Rauchen und Kaffee habe ich aus gesundheitlichen Gründen aufgegeben, hat mir sowieso keinen Spaß gemacht. Spaß macht mir Tamara.
Tamara sagt, bevor ich ihr richtig Spaß mache, müsse sich einiges an meinem Lebenswandel ändern. Tamara kommt aus Sibirien und fackelt nicht lange. Die Reihenfolge der Veränderungen hat sie mir erklärt, „erst aufhören mit bledsinniges Sauferei, dann heiraten; was du glaubst, ich machen Nutte und Putzfrau fir dich?“. Ich mach´ den Chamberlain, appeasement: „Guter Sex ist doch noch kein Grund zum heiraten.“ Nachdem die Fäden an meinem Skrotum gezogen waren, die Operation war notwendig geworden, weil ihr Tritt in meine Familienjuwelen eine Hodentorsion verursacht hatte, war Tamara äußerst fürsorglich und ausdauernd mit der Wundpflege beschäftigt. „Warum quaatschst du immer so bled, muss ich mich aufregen, siehst du, was du hast, aber ich machen beesser, moi ljubimij.“ Wenn sie mein Geliebter in Russisch sagte, war das beinahe so effektiv wie Wienerisch. Wienerisch ist für mich als ob du an einer Alarmanlage die Sicherung herausdrehst. Du kannst mich Hilflosen ausrauben, schlagen, treten, mir Hundenamen geben. Ich erinnere mich an eine Parkbank im 8. Bezirk, OK, wir werden nicht abschweifen. Jedenfalls hat dieser Tritt in die Eier mir den nötigen zeitlichen Freiraum geschaufelt, um meine Situation einer rationalen Analyse zu unterziehen:
Meine beiden Kumpels, mit denen eine Alters-WG abgesprochen war, deren Kernidee sechs junge polnische Pflegerinnen bildeten, die monatlich ausgetauscht und durch frische ersetzt werden sollten, hatten die individuelle Variante versucht. Einer durch Heirat, der andere durch eine langjährige Dauerbeziehung. Vergessen die Abende, die wir in der Weinstube verbracht und alles bis ins Detail besprochen hatten. Bis auf die Länge der weißen Mini-Röcke, die unverzichtbarer Bestandteil der vorgeschriebenen Pflergerinnen-Uniform sein würden. Meine engsten emotionalen Bindungen waren auf meine Kübel-Pflanzen beschränkt, die ich vor einigen Wintern nicht rechtzeitig aus der Kälte geholt hatte und die samt und sonders eingegangen waren. Keine einzige hatte sich erholt. Daraus hat sich bei mir eine ausgewachsene Winter-Neurose entwickelt. Beim ersten Frost machte ich mir Selbstvorwürfe und fühlte mich minderwertig, weil ich offensichtlich nicht in der Lage war, die Meinen zu schützen. Mein Psychiater riet mir, die Situation als Neuanfang zu betrachten und offen für neue Begegnungen zu werden. Tamara, an Kälte gewöhnt, war für diesen Naustart ideal geeignet. Sicher, eine Konversation über philosophische oder auch nur politische Fragen, wir wollen der Wahrheit die Ehre geben, auch nur über die Erstellung eines Einkaufzettels, war mit ihr nicht möglich. Wir hatten keine gemeinsamen Erlebnisse, auf die wir emotional hätten gründen können. Wir hatten keinen gemeinsamen kulturellen Hintergrund. Sie empfand es als westliche Dekadenz, wenn ich einem Straßenmusikanten eine Münze in die Blechbüchse warf. Ich schämte mich , ohne Protest zu wagen, wofür ich mich später hasste und als Memme beschimpfte, wenn sie meinen Lieblings-Italiener mit einem russischen Redeschwall überschüttete, der auch ohne entsprechende Sprachkenntnisse, allein durch deutsche Wortfetzen wie „Klauer, Halsschneider“ oder die Frage „was macht so teuer, hast du Eier von deine Papa serviert?“ als kein Versuch zur Völkerverständigung auszumachen war. Doch was hatte ich zu verlieren? Tamara war ein viertel Jahrhundert jünger als ich. Ihr Körper war prall und knackig, angefüllt mit Süße wie eine Kirsche im Spätsommer kurz vor der Fäulnis. Natürlich würde sie eine fette Matrone sein, wenn sie mein jetziges Alter erreicht haben würde. Interessiert mich das aber wirklich? Bis dahin werden die Würmer, die mich verspeist haben werden, längst die Servietten wieder abgebunden haben. Als ich in die Küche kam: „Matrjoschka, ich habe nachgedacht, ich will die paar Tage, die mir noch bleiben nicht damit verbringen, Kohlsuppe mit Bastschuhen auszulöffeln, wir sollten heiraten. Sie steckte, wie immer, wenn sie erstaunt war, den rechten Daumen in den Mund und verschluckte sich an dem Heftpflaster, das sie nachlässig über eine Schnittverletzung geklebt hatte. Ich fürchtete, sie würde ersticken. Sie rief sofort ihren Bruder in Köln an, der die Position des Familienoberhauptes innehatte.
Aljoscha bestand darauf, dass sich Tamara zuerst von ihrem Mann in Russland scheiden lässt und die Kinder zu sich nach Deutschland holt. Seit der Zeit streiten wir uns darüber, ob sie mir je von Mann und Kindern erzählt hatte, wie sie behauptet.