Seine Geburtstagsparty feiert er stets an einem der ersten Maiwochenenden, je nachdem, wie das Datum fällt und was der Wetterbericht prognostiziert. In den Achtzigerjahren erfolgte dies stets mit Massen von Gästen unter Abspielen der angesagten Musik in größtmöglicher Lautstärke unter Missachtung sämtlicher otologischer Erkenntnisse. Zu deutsch: es gab immer kräftig auf die Ohren bis Blut lief. Er ist der einzige Vater meines Bekanntenkreises, bei dem sich der Sohn über die Lautstärke seiner Musik beschwerte. In den Neunzigern wurde die Musik etwas leiser, nur einmal noch, das war aber zu Silvester, hatte er über hundert Leute eingeladen.
Wenn ich nach unserem Verhältnis gefragt werde, sage ich immer „falls ich auf eine einsame Insel verbannt würde und ich müsste einen Mann mitnehmen“ (und du weißt ganz genau, ich würde lieber zehn Frauen als einen Mann mitnehmen), dann wäre er es. Ich glaube nicht, dass wir Freunde sind, das Wort ist zu wenig fassbar und schlüpft dir bei Bedarf aus der Hand wie ein geölter Fisch. Clara Rojas, die mit Ingrid Betancourt entführt worden war, sagte in einem Interview: „Ingrid war meine Freundin – aber natürlich wollte ich nicht in dieser Situation mit ihr sein.“ Wir haben uns in einem Lebensalter kennengelernt, als die Realität die großen Worte bereits aus unserem Vokabular gelöscht hatte. Ich denke, wir würden uns dennoch zusammen entführen lassen, weil keiner den Kick vermissen wollte und nicht als Feigling dastehen möchte. Wenn ich einen Bürgen bräuchte, der an meiner statt zu sterben bereit wäre, würde ich ihn erst gar nicht anrufen. Umgekehrt würde ich den Hörer nicht abnehmen. Aber man braucht ja selten jemanden, der mit seinem Leben garantieren muss. Wir waren Geschäftspartner, ohne dass einer den anderen je kontrolliert hätte. Er ist der einzige, bei dem ich als Beifahrer im Auto schlafen kann. Was kann man mehr über einen Mann sagen? Obwohl ich eine Zeitlang nicht mehr mit ihm gefahren war, weil er nach einem Sturzsaufen das Wageninnere verkotzt hatte. Ich habe ihm meinerseits bei einer Party in den Garten gereihert und seinen Schwiegervater mit Southern Comfort im Bier dermaßen abgefüllt, dass er beim Pinkeln am Gartenzaun herabrutschte wie ein angeschossener Flüchtling. Wir haben zusammen achtundvierzig Stunden am Stück gearbeitet und mit vierzig Fieber halb Europa durchquert. Wir hatten Erfolge, dass wir vor Begeisterung bei Tempo zweihundert auf das Autodach getrommelt haben, und Niederlagen, von denen wir sicher waren, wir würden nie mehr aufstehen. Ich bin jetzt in einem Alter, wo man bisweilen wirklich denkt, das Leben sei früher besser gewesen. Ich ertappe mich dabei, wie ich versucht bin, Jüngeren von „zu meiner Zeit“ zu erzählen und mich gerade noch einfangen kann. Früher oder später werde ich leider diese Schamschwelle überschreiten.
Dieses Jahr hat er die Gäste ohne Nennung des Ziels abholen lassen. Ich teilte mir die Ladefläche des Transporters, der nicht genügend Sitzplätze hatte (eine kleine Panne baut er immer mit Absicht ein, damit das Event im Gedächtnis haften bleibt wie beim Grenzumgang, wo man den Kids durch Prügel an den Grenzsteinen den Gemarkungsverlauf einbleut), mit zwei Damen, die Konfektionsgröße 36 trugen. Dieser Umstand ist nur deshalb anzumerken, weil ihre Hintern mit entsprechend wenig Fettpolsterung versehen waren, und jedes Schlagloch zur Tortur wurde. Die Fahrt endete auf der Altenbaumburg. Die topografische Lage des Stammsitzes der Raugrafen aus dem 12. Jahrhundert, entsprach der altersbedingten Gemütslage der Gäste: Weiter Überblick über Höhen und Täler, Kleinliches großzügig übersehend. Dort drüben, 202 Meter hoch und 1200 Meter lang ragt der Rotenfels auf, der seinen Namen von der Farbe des Ryoliths hat, die größte Steilwand zwischen den Alpen und Skandinavien. Auch als Selbstmordfelsen bekannt, weil hier viele den Freitod suchen. Hier hat der Berggeist, der im Berg-Innern eine kristallene Wohnung hat, Franz von Sickingen als Knaben vor dem sicheren Absturz bewahrt. Davor, diesseits des Tales, die Ebernburg, Geburtsstätte Franz von Sickingens und Zuflucht für viele Protestanten in der Reformationszeit, wie Ulrich von Hutten.
Wir saßen bei deftigem Essen und blickten über die sanft rollende Hügel des Nordpfälzer Berglands. Fünf weitere Paare waren noch geladen. Anstatt Musik auf die Ohren, wie Teenager mit zu wenig Substanz, um sich selbst zu unterhalten, gab es eigene Gedichte auf den Jubilar. Alle waren bei allen seinen früheren Geburtstagen anwesend und waren im Sieb der Auslese hängen geblieben. Viele waren durchgefallen im Laufe des Lebens, hatten Erwartungen nicht erfüllt, waren fremd geworden. Die Konturen der Gesichter waren weicher geworden, die Gemüter toleranter. Früher hat D. mich gehasst; im milden Licht des nahenden Alters glaube ich, wir mögen uns. Seinen Physik studierenden Sohn kenne ich schon seit seinem ersten Tag als Windeln füllenden Schreihals. Nun referiert er über die gesundheitlichen Vorteile von beruhigtem Wasser, und wir hören widerspruchslos zu. Als wir uns vor Mitternacht zum Gruppenbild vor der Ruinenmauer aufstellten, die dunklen Hügel mit dem im Mondschein leuchtenden Raps im Hintergrund, dachte ich, es wäre schön, noch ein paar Geburtstage in dieser Runde feiern zu können.