Sag mal, hast du schon einmal erlebt, wie eine einzige Begegnung zwischen zwei Menschen ein Leben trifft und pulverisiert, wie ein Kometeneinschlag? Wie nichts mehr bleibt, wie es einmal war, Wichtiges trivial wird, die Werteskala wie unter seismischem Druck zerbröselt, alles bisherige armselig erscheint? Nein? Sei froh!
Horst war unaufmerksam und geistesabwesend. Nicht die Unaufmerksamkeit, die sich nach 18 Ehejahren ohnehin einschleicht und zum Normalzustand wird und mit routiniertem Ritual überspielt wird. Es war mehr. Sie saßen auf der Restaurantterrasse. Der Rückzug der Gluthitze des Tages war wie das Wegziehen einer feucht-heißen Decke. Sie schenkten Schweigen aus Rotweinflaschen in geduckte Gläser. Maria hatte Angst. Angst vor dem Aufflackern von Jugend in seinen Augen. Angst vor dem Wiederaufflammen erloschen geglaubter Leidenschaft, die nicht ihr galt. Vor Träumen, in denen sie nicht vorkam. Vor seinem umflorten, in die längst als Werbungskosten der Vergangenheit abgeschrieben geglaubte Zukunft gerichteten Blick. Vor dem Zeitpunkt, wenn er sprechen würde was sie nie zu hören gehofft hatte.
Er war mit seinen Gedanken auf der Waldwiese neben dem Parkplatz, auf dem ihm die andere am Montag begegnet war, als er auf dem Weg zur Arbeit zum Pinkeln angehalten hatte. Er war nicht schnell genug gewesen. Als sie auf dem wie hochherrschaftlicher Villen-Einfahrts-Kies knirschenden Rollsplitt neben ihm einparkte, konnte sie sehen, womit er beschäftigt war. Die überstürzte Eile verursachte einen deutlichen Fleck auf seiner hellgrauen Sommeranzugshose. Sie ging dichter an ihm vorbei als notwendig und schicklich gewesen wäre. Eine Decke unter dem Arm. Bikini im Gepardenmuster, eng wie aufgemalt, spaltend, was geschlossen sein sollte. Sonnenbrille im Dekolletee, wo die Sünde ihren dunklen Nistplatz hatte. Beine bis in die Sphäre, wo nur noch atemlose Träume siedeln. Sie hatte in herausforderndem Ton etwas Belangloses gesagt. Er hatte es vergessen, wie die eigene Antwort, von der er nur noch wusste, dass sie lahm und espritlos war, wofür er sich genierte.
Seitdem lag sie auf der Wiese, wenn er Morgens zur Arbeit fuhr und Abends nach Hause und neuerdings bei seiner Kontrollfahrt in der Mittagspause. Sie wollte ihn aus der Reserve locken, herausfordern, sein Blut kochen, sein Gehirn mit dem Stabmixer ihrer Promiskuität püriren, davon war er überzeugt wie von der Weihrauch-umhauchten rettenden Dreifaltigkeit. Er war überzeugt, auch Sie hatte den verzehrenden Blitzeinschlag gespürt. War kein Schaudern durch ihren götzengliedrigen Körper gefahren? Hatte nicht die konkave Einbuchtung an ihrem Oberschenkel, direkt unterhalb der Scham, gequivert als sein flüchtender schamgehetzter Blick darüberleckte? Er würde alles aufgeben und mit ihr ... Gleichgültig, solange nur mit ihr. Am Dienstag war sie splitternackt. Er wusste, wem die Herausforderung galt. Er fuhr mehrmals vorbei, zu schüchtern, um initiativ zu werden.
Horst war am Freitag Morgen felsenfest entschlossen, von der Straße abzufahren und ihr den Rest seines Lebens zu Füßen zu legen. Maria hatte er am Vorabend auf der Terrasse ihres Lieblings-Italieners reinen Wein eingeschenkt und wegen ihres Weinens die ganze Nacht kein Auge zugemacht.
Als er das rot-weiße Absperrband der Polizei sah, beschleunigte er und fuhr weiter. In den Nachrichten des Lokalsenders zur vollen Stunde wurde bereits von dem Sexualmord berichtet. Und über den Suizid einer Frau aus der Gartenstadt, vermutlich mit Beziehungshintergrund. Über tote Träume wurde nichts vermeldet.
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