Ich bin kein Raucher. Schon lange nicht mehr. Ich war einer der ersten, die das Zigarettenrauchen auf dem Altar der Ökonomie opfern mussten. Zu Beginn des volkswirtschaftlichen Niedergangs der Republik in den 90er Jahren des letzten Jahrhunderts, fand ich mich mit der Entscheidung konfrontiert: Rauchen oder Saufen. Beides zusammen konnte ich nicht mehr ausführen. Ich habe mich für das entschieden, was ich öfter tue und das Rauchen aufgegeben. Um die Grausamkeit eines solchen Entscheidungszwangs begreiflich zu machen, muss man wissen, dass ich meine Sozialisation in einer Zeit erfahren habe, als Rauchen ein Männlichkeitsritus und Statussymbol war. Nur wenn du rauchen konntest ohne zu husten, durftest du in der Schonung den begehrten Part des Doktors spielen. Mit fünf gab ich schon den Chefarzt, dem die einzige verfügbare Patientin des Viertels, die sechsjährige Helena, sich öfter zwecks ausgiebiger Untersuchungen anvertraute als irgend einem anderen der siebzehn niedergelassenen Ärzte, die teilweise schon sieben oder acht Jahre alt waren.
Mit Wehmut und, zugegebener Maßen, ein wenig Neid, denke ich an die Zeit, als Männer nach dem sonntäglichen Kirchgang im „Goldenen Adler“ rauchend und Bier trinkend bis zum Mittagessen Karten spielten. Die Geruchsmischung von Weihrauch, Bier und Landeweyk-Qualm verbinde ich noch immer mit der Freiheit eines Mannes, der mit seinem Schöpfer und der Welt in Einklang steht. Der in seinen Loyd 600 Arabella einsteigt und ohne Gurt-Fesselung und Geschwindigkeitsbeschränkung die Straßen dieser Welt mit unerschütterlicher Zuversicht unter die Räder nimmt.
Aufgewachsen in einer Zeit als Maurer mit 50-kg-Sack Zement auf der Schulter, Bierkiste in der Faust und Kippe im Mundwinkel Leitern hoch stiegen, das Land aufzubauen, als respektierte Lehrer, mit gelblich geräuchertem Zeigefinger den Takt vorgebend, Ovid´sche Hexameter skandierten, als dicke geradlinige Politiker, die Zigarre, Marschallstab der neuen Zeit, reckend, entschlossen den Weg in die Zukunft wiesen und als weise Großväter, auf den Stock gestützt, 10er Stumpen kauend, den Enkeln Märchen erzählten. Wie widerlich der Kontrast zu den heutigen Perrier nippenden IG-Bau-Mitgliedern, den ängstlichen, hypernervösen Frühverrentungsanwärtern im Schuldienst, den zick-zack-kursigen Kettenrauchern der Politik, die ein Foto mit Zigarette mehr fürchten als ein Nacktfoto mit der Geliebten, den Solarium-mumifizierten Greisen, die sich würdelos auf Titanfahrrädern, zwischen Hungerbrunnen und Hirschsprung quälen.
Es geht nicht ums Rauchen, es geht um die Freiheit, die man uns nehmen will. Mit der Bonner Republik begann die Entmündigung unter dem Deckmäntelchen der Fürsorglichkeit. Scheibchenweise. Rauchverbot im Bahnhof, Rauchverbot in der Kneipe als Schutz der Nichtraucher, nächstens generelles Rauchverbot als Schutz der Raucher vor sich selbst. Ich will mich ungeschützt vor mir selbst. Mein Verhältnis zu Leuten, die mir meine Autoschlüssel zu „meinem Besten“ abnehmen, die ich mir mithilfe der Exekutive zurückholen muss, ist, gelinde gesagt, problematisch. Ich will rauchen, saufen, ludern, beten, mich einer Geschlechtsumwandlung unterziehen, meine Brüste vergrößern lassen oder schwul werden (nicht wirklich, sag´ich bloß so) wann und falls ich will. Ich will keine amerikanische Verhältnisse, wo es Landkreise gibt, in denen Alkoholverbot herrscht, Bundesländer, wo Anal- und Oralverkehr mit Gefängnis bestraft werden. Keine finnischen Zustände, wo Selbstmord eine strafbare Handlung darstellt. Wenn ich genug habe, will ich „auf die Stirn den Schlusspunkt mit Blei setzen“, falls mir danach ist.
Längst habe ich mich an die saubere Luft in den Kneipen gewöhnt, die nicht mein vorzeitliches Frühwarnsystem gegen die Gefahr des Verbrennens in ständiger Bereitschaft hält. Meine Bronchien haben sich erholt, ich vermag wieder frei zu atmen. Es geht nicht um das Rauchen, es geht um die Freiheit. Und wenn das allgemeine Rauchverbot kommt, werden sie mich in Handschellen wegschleppen müssen. Wenn das Rauchverbot kommt, werde ich wieder anfangen zu rauchen, Opfer auf dem Altar der Selbstbestimmung. Keine Zigarettenbreite Boden dem Feind.
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