Wir waren jung, sie war meine ganze Hoffnung, mehr hatten wir nicht. Ohne sie hätte ich nicht weiterleben wollen, und wir wollten dem Winter nach Spanien entfliehen. Von einem Ortsverein der Jungen Union auf der Sickinger Höhe hatten wir einen alten Ford Transit Kastenwagen gekauft und mit Spanplatten zum Campen ausgebaut. Auf ein Nicken von ihr hätte ich alles gebaut. In Garmisch schliefen wir auf dem Parkplatz eines Hotels der amerikanischen Armee. Der Schnee war in Gassen geräumt und türmte sich höher auf als das Auto. Wir schliefen in leichter Kleidung eng aneinander geschmiegt unter einer ausrangierten riesigen, klammen Daunendecke meiner Oma. Unser Atem war sichtbar und stieg im Kerzenschein auf wie Weihrauch zu den Laudes eines neuen Kultes für die Ewigkeit. Ich erwachte durch ihr Zähneklappern und ließ den Motor an, die Heizung auf volle Pulle. „Ich muss pinkeln.“ „Ich auch.“ Fast nur in Unterwäsche, ohne Socken in den Schuhen, stiegen wir gemeinsam aus dem Auto. Zu spät dachten wir an den defekten Verschlussmechanismus der seitlichen Schiebetür. Wir standen schlotternd vor dem Bus, dessen laufender Motor im Stand zum Überhitzen neigte.
Neulich habe ich mir die Fotos dieser Reise angesehen, aufgenommen mit der Kamera Made in USSR, die ich als Zehnjähriger mit Heidelbeerpflücken verdient hatte. Zu einer Zeit, als Russisches noch exotisch und eine Russen-Disko nur als Resultat eines dritten Weltkrieges vorstellbar war. Der Transit in einem Palmenhain, der Transit am Strand, der Transit im Verkehrsgewühl Barcelonas. Bis sie zufrieden war musste ich sieben oder acht Mal den Gran Via de les Corts Catalanes, wo auf vierspuriger Fahrbahn sieben Kolonnen nebeneinander fuhren, zur Plaça de Tetuan hinauffahren , von wo sie fotografierte, Dann SIE. Am Strand, so jung, so ahnungslos, unsägliche Traurigkeit überkommt mich, man hätte ihr das Leben nicht zumuten dürfen. SIE, lachend in den Trümmern einer alten Festung, so zerbrechlich und arglos. SIE in einem Restaurant am Meer, so unbekümmert, so unvorbereitet, so unschuldig lächelt sie über die Dekaden herüber. Nur ein Foto von mir, wie ich versuche, in einem Safari Park einen angeketteten Gepard zu streicheln. Immerwährende Angst vor der Furcht, immer den Mut dokumentieren zum Beweis für sich selbst. Details von dieser Reise haben sich nicht viele in meiner Erinnerung festgesetzt. Welche Bücher ich gelesen habe, was wir gegessen haben, vage, die Alhambra, aber auch nur wegen der unbeschwerten Heiterkeit, mit der SIE sich weigerte, dem Genius loci zu huldigen. „Stelle dir vor, welche Entscheidungen für unsere Kultur in diesen Mauern gefallen sind.“ „In allen alten Mauern sind große Entscheidungen für die Menschen getroffen worden, die darin lebten. Wenn ich vor Ehrfurcht immer die Luft anhalten wollte, würde ich ersticken.“ Und wir küssten uns öffentlich in Franco´s Spanien, wo darauf Gefängnis stand. Ja, wenn ich an diese Reise denke, ist es das Küssen, was mir spontan einfällt. Wir waren an den Mündern zusammengewachsene siamesische Zwillinge. Sie fragte „wieviel liebst du mich“ und ich antwortete „unendlich viel“, als ich die Enttäuschung in ihren Augen sah, fügte ich hinzu „und zehn Zentimeter.“ Damals hat sie es geglaubt und den Traum gerettet. Ich habe es gewusst. Wir hatten eine wunderbare Zeit, bevor wir erkennen mussten, dass „ewig“ keine Zeitmaßeinheit ist. Manchmal hat sie geweint vor Glück. Oft denke ich, wenn ich eine Phiole zum Auffangen ihrer Tränen zur Hand gehabt hätte, hätten wir die Formel besessen zum Schutz vor dem Leben und der Zeit.
Ich gehe nicht mehr an die Orte, wo wir jung waren. Die Buche, in deren glatte Rinde ich vor Äonen unser Herz geschnitzt habe, ist gefällt oder hat ihre Verletzung besser auskuriert als ich. Der einsame Waldweg mit dem Erinnerungsstein, wo wir uns geliebt haben, ist seit Jahren geteert. Während des Krieges war hier ein englischer Pilot abgestürzt, dessen rechten Handschuh mit Daumen mein Onkel in einem Holz-Polter gefunden hatte. Ich meide den Wald, wo hinter jedem Baumstamm die Erinnerung lauert wie ein zerlumpter Bettler, bereit mich jederzeit anzufallen. Wo die Sommerhalden smaragdene Tonnengewölbe für tristen Erinnerungskult bilden. „Was willst du tun, dich auf die Straße legen und sterben“ hatte sie oft gesagt, wenn wir Probleme hatten. Wir waren die Schwierigkeiten mit siegessicherem Schwung angegangen. Die Formel wirkt nicht mehr ohne ihre Magie. Ein Ave Maria würde es genauso tun. Es gibt Menschen, wie Mantelärmel die dich bedeutungslos streifen im Gedränge. Manche sind Brenneisen. Von den Beinen gerissen, wird dir Sehnsucht nach Zugehörigkeit eingebrannt und für den Rest deines Lebens suchst du heimatlos die versprochene Herde.
Damals auf dem Parkplatz in Garmisch war das größte Problem, in meinem Bekleidungs-Zustand das amerikanische Hotel zu betreten und einen Draht-Kleiderbügel zu erbitten. Ich liebe vergangene Peinlichkeiten. Genau wie ich überstandene Schmerzen nicht missen möchte, weil sie mir meine Stärke in Bedrängnis zeigen, und mir bewusst machen, wie wunderbar der schmerzfreie Zustand ist. Welches Gefühl ist besser, als der nachlassende Schmerz!
Viele Jahre später, längst war es zu spät, erkannte ich, dass wir auf diesem Parkplatz einen Blick hinter die Verhängung unseres gemeinsamen künftigen Lebens erhascht hatten. Vielmehr des Lebens an sich. Wir haben die Probleme am Weg immer gelöst und doch verloren, weil der Preis des Gewinnens zu hoch war. Und manchmal, nachts, wenn ich träume sehe ich SIE wie damals und sie fragt "wieviel liebst du mich" und ich sage "unendlich viel" und ich lache und bevor Enttäuschung ihre Augen verletzen kann füge ich hinzu "und ein paar Ewigkeiten" und wenn ich erwache ist oft mein Kissen nass.
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