Leise, um die Aufmerksamkeit der Nachtschwester nicht zu erregen, schloss er behutsam die Tür zu Zimmer 11, Haus 9, Ebene 7 des Städtischen Krankenhauses hinter sich, schlüpfte durch die Stationstür, ohne den automatischen Türöffner zu betätigen, bestieg den Fahrstuhl eine Ebene tiefer und trat durch den Haupteingang in die desinfektionsmittelfreie Nachtluft, die ihm wider besseren Wissens ein Gefühl von Gesundsein vermittelte.
Er hatte zu lange gewartet, um hoch erhobenen Hauptes zu gehen. In dem verlassenen Einzelzimmer ließ er die ausgebreitete Schande, die unauslöschliche Scham in dem eingekoteten Bett zurück. Er konnte sich nicht bewusst erinnern, je in seinem Leben ins Bett geschissen zu haben. Gepinkelt, ja. Das war damals unendlich peinlich, weil es im Suff im Bett einer Bekannten geschah. Er war im Traum umhergeirrt, zuerst auf der Suche nach einer Toilette, dann nach einem unbeobachteten Eckchen. Doch jedes Mal tauchten Leute auf und störten ihn. Als er endlich einen Baum gefunden hatte, lehnte er sich mit der Stirn dagegen und ließ es einfach laufen. Er hörte auch nicht auf bevor er fertig war, als er durch die flüssige Wärme, die in die Kuhle seines Schoßes lief, aufwachte. Er lächelte milde bei der Vorstellung der ehemaligen Bekannten, die ihre Lover wahrscheinlich noch immer auf dem verpissten Bett empfing.
Wenige Verrichtungen sind derart erlösend wie das Pinkeln, erfüllender noch als ein Orgasmus. Den Tod stellte er sich vor als eine ins Unermessliche gesteigerte Empfindungskombination von Pinkeln und Orgasmus, ein endgültiges, finales Ausströmen und vollkommenes Loslassen. Oft hielt er das Wasser zurück bis zur Unerträglichkeit, um diesen kleinen Tod erleben zu können. Das fiel in die gleiche Kategorie wie sein Hungern. Hungern war allerdings nicht so ergiebig, wenn er den richtigen Zeitpunkt verpasste, konnte er tagelang hungern, ohne in den Fressrausch zu verfallen, den er so sehr herbei sehnte. Er war ein Mann der Extreme. In Amerika fuhr er vierundzwanzig Stunden auf einem Highway ohne anzuhalten und ohne zu essen, damit er sich Toilettenstopps ersparte. Er trank Gatorade und pinkelte in die Flaschen mit dem weiten Hals, die er anschließend aus dem Fenster warf.
Es war eine Sache, im Alkoholrausch ins Bett einer Bekannten zu pinkeln, und eine völlig andere, mit der Diagnose Darmkrebs in ein Krankenhausbett zu scheißen. Er hatte klare Vorstellungen, wann er sich aus dem Leben verabschieden wollte. Unter keinen Umständen würde er mit vollgeschissenen geriatrischen Windeln vor sich hindämmern, bis eine Pflegerin, die mit dem hier verdienten Geld eine Großfamilie in einem Entwicklungsland zu versorgen hatte und deshalb jeden Job annehmen musste, ihm den Arsch sauber machen und mit Babyöl und Penatenpuder einreiben würde.
Ganz heikel war die Angelegenheit wegen Schwester Rosa. Vorgestern, bei der Aufnahme hatte sie ihn betreut. Sie war im Reife-Kirschen-Alter - kurz vor dem Verderben. Morgen vielleicht schon ungenießbar, doch heute von betörend wollüstiger Süße. Außerdem besaß sie einen trockenen Humor, den er schätzte. Als sie ihm das karge Zimmer zeigte, meinte er: „Euer Innenarchitekt hat aber auch keinen Designaward gewonnen.“ „Dafür haben wir noch nie Klagen über die Innenausstattung unseres Sarglieferanten gehört.“ Durch ihre weiße Hose zeichnete sich deutlich der knappe Slip ab, wider besseres Wissen konnte er von festen Schenkeln ausgehen. Er war ein bisschen verliebt, so zum Spaß ohne wirkliches Verlangen. Ihm fiel der Spruch aus seiner Jugend ein „Es sind schon immer geil gewesen, Krankenschwestern und Frisösen“. Er hätte ihn gerne auf seinen Wahrheitsgehalt überprüft. Doch dazu würde sie einem Bettschisser nie eine Chance geben.
Was jetzt zu geschehen hatte, hatte er seit seinem vierzigsten Geburtstag immer wieder im Geiste ablaufen lassen. Es war sozusagen eingeübt wie ein Evakuierungsplan. Nein, er war kein Held. Nur Idioten sind furchtlos. Aber er hatte eine so wahnsinnige Angst, vor sich selbst als Feigling dazustehen, dass er ständig auf der Suche nach Gefahr war, an der er sich beweisen konnte, dass er seine Angst überwinden konnte. Mut ist, wenn man Angst hat und es trotzdem tut. Da das Leben keinen Sinn hat, kann man nichts falsch machen. Das Resultat am Ende wird immer dasselbe sein. Jetzt kam es darauf an! Man kann ein ganzes Leben als Held leben, wenn man aber im Angesicht des Todes schwach wird, war der lebenslange Heroismus umsonst. Deshalb hatte er nie einen Arzt aufgesucht. Er hasste es, wenn sich Gespräche um körperliche Befindlichkeiten drehten. Er weigerte sich, sich von Fremden in nichtsexueller Absicht für Geld den Finger in den Arsch stecken zu lassen, Prostata- , Cholesterinwerte, Blutdruck, Knochendichte und weiß der Teufel welche medizinischen Parameter waren ihm gleichgültig, sie waren unmännliches Jammerlappengestöhne. Er würde sich nie einem ärztlichen Diktat fügen. Die Macht der Ärzte, die noch im Mittelalter einen unreinen Beruf ausübten, stammt aus unserer Furcht. Man darf das Leben nicht ernst nehmen, dazu ist es zu vergänglich. Die größte Macht ist die Selbstbestimmung unseres Todeszeitpunkts.
Für seinen Abgang hatte er verschiedene Szenarien geplant, je nach seiner körperlichen Verfassung.
Er würde nicht bis zum Jüngsten Gericht die Creation eines Star-Sargdesigners von innen bestaunen. Die Vorstellung von auf den Sargdeckel geworfener Erde verengte seinen Brustkorb. Die Vorstellung der absoluten Stille in der Enge der Erde machte ihm das Rauschen seines Blutes in den Ohren bewusst, das auch aufhören würde. Sein Leichnam sollte allen Zersetzern zugänglich sein, auch den Zerreisern und Zerpickern. Frischer, reinigender Regen soll eindringen in seine von Raben geleerten Augenhöhlen, durch die Tränenkanäle laufen und durch die Nase wieder austreten. Er würde nichts zurück lassen, was von Bedeutung wäre. Ihm waren so viele Menschen gleichgültig geworden, dass er sich selbst nicht mehr wichtig war. Es gibt Siege, von denen man sich nie erholt.
Als Schwester Rosa im Pulk der Morgenvisite ins Zimmer 11 trat, war sie ein wenig enttäuscht. Sie würde ihn vermissen, den lustigen Hypochonder, der heute entlassen würde. Der Darmkrebs, von dem er so felsenfest überzeugt war, hatte sich als harmlose Gastritis herausgestellt. Nichts, was nicht mit Antibiotika in ein paar Tagen vorbei sein würde. Vielleicht könnte man sich ja trotzdem treffen, außerhalb des Spitals. Der Gedanke machte sie nervös. Sie war enttäuscht, dass er nicht in seinem Bett war, auch nicht im Zimmer.
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