Jetzt schleifen wir unter Missbrauchsgeschrei alte Männer wegen ein paar Backpfeifen, die sie uns vor Jahrzehnten verabreicht haben, zusammen mit Kinderbefummlern an den Pranger. Ihre Schuld ist, nicht vor dem schnellen Zeitgeistwechsel gestorben zu sein. Schade, dass wir nicht mehr Hand anlegen können an Autoritäten z.B. des 18.Jahrhunderts. Mit heutigen Maßstäben und Rechtsnormen fängt kein damaliger Lehrer, Bürgermeister, Unternehmer, Richter, Gefängniswärter oder sonstiger Offizieller weniger als fünf Jahre. In den ersten Jahrzehnten nach dem letzten Weltkrieg haben fast alle Lehrer und alle Eltern geschlagen. Wenn du Scheiße gebaut hattest und blöd genug warst, dich erwischen zu lassen, war dir klar: jetzt setzt es einen Satz heiße Ohren. Unser Religionslehrer zerrte beidhändig an den Haaren, mit hohem Belustigungswert für die Restklasse. Unser Deutschlehrer war auf Arschtritte spezialisiert; noch heute trägt ein spezieller Tritt, der dir das Skrotum an den Bauch klatschen lässt, bei Ehemaligen seinen Namen. Uns hat es härter gemacht. Eine Ohrfeige hat mir das Trommelfell platzen lassen. Für lange Zeit konnte ich mit zugehaltener Nase Luft aus dem linken Ohr blasen. Und die Mädels meiner Klasse hielten ehrfürchtig ihre zarten Hände über meine Ohrmuschel, um den Luftstrom wie einen zarten Vogel einzufangen. Doch haben wir nicht alle mit brennenden Arschbacken Rache geschworen, wenn wir einmal groß wären? Jetzt ist es soweit! Wir werden den sadistischen alten Prüglern die Rente kürzen. So rächen wir uns und sanieren den Staatshaushalt.
Als Volksschüler warst du cool, wenn du nach zehn Schlägen mit dem Haselnussstock auf den strammgezogenen Arsch noch lächelnd auf deinen Platz zurückmarschiert bist. Natürlich war ein gehöriger Schuss Perversion dabei, wie bei Macht immer peinlich Verdrehtes im Spiel ist. Missbrauch ist die untrennbare Kehrseite der Macht. Ist Erziehung nicht immer pervers, weil sie das Unangenehme, das Schmerzhafte einüben muss? Hat der dicke Fritz etwas gelernt? Ein berüchtigter Pausenhofschläger, der über das ganze feiste Speckgesicht strahlend dem Lehrer einen „guten“ Haselnussstock aus den feuchten Moosalbwiesen brachte. Kerzengerade, fingerdick geschält. „Der zieht,“ feixte er. „Das wollen wir einmal überprüfen“, meinte der Lehrer, den ich hasste und von dem mir nur dieser eine Vorfall positiv in Erinnerung geblieben ist. Er zwang den dicken Fritz über die Bank, und nach vier Schlägen schossen Tränen in die feisten Äuglein.
Heute haben die Memmen, die Luschies, die Weicheier und Trantunten von damals die Meinungsführerschaft in unserer verständnistriefenden Betroffenheitsgesellschaft an sich gerissen und tragen ihre gemarterten Seelchen wie Monstranzen der besudelten Unschuld vor sich her. Die Schuld für ihr verkorkstes Leben schieben sie auf ein paar Ohrfeigen. Wären sie einige Jahre später in die Hände von antiautoritären Eltern und auf eine Summerhill-Schule geraten, würden sie das Lamento über ihre Lebensuntüchtigkeit mit Mangel an autoritären Guidelines begründen. Ich behaupte, für den Menschen kann nicht falsch sein, was für alle anderen Säugetiere die Norm darstellt, nämlich der körperliche Hinweis auf notwendige Verhaltenskorrektur. Schon als Kind habe ich die sofortige Absolution spendende, dem Vergehen auf den Fuß folgende Ohrfeige der sadistischen Freiheitsberaubung durch Stubenarrest, Fernsehverbot, Einziehung meiner Karl-May-Lektüre und ähnlichen nicht-körperlichen Quälereien vorgezogen. Diese „Erziehungsmittel“ sind keine artgerechten Maßnahmen. Zwar sehr kultiviert, jedoch im negativen Wortsinn, nämlich weit vom natürlichen Verhalten entfernt. Diese „kultivierten“ Strafen sind, weil sie Resourcen, beanspruchen nur in Überflussgesellschaften durchführbar, wo in ein-Kind-Familien der Quaschtersack Dreh- und Angelpunkt des elterlichen Daseins darstellt. Ebenso wenig, wie meine Generation von ihren müde gearbeiteten Eltern von der Disco abgeholt wurde, hatten die wenigsten unserer Mütter die Muse, zu kontrollieren, ob der Babbsack in seinem Zimmer bleibt.
Ich rede nicht den Schlägern von damals das Wort. Ich erinnere mich zu genau, wie es sich anfühlt, gedemütigt, allein und vermeintlich ungeliebt die Kissen vollzuweinen. Ich kenne noch den Geschmack der aufsteigenden Wut, die Süße der Vergeltungsträume wenn sie langsam die Oberhand über die verzweifelte Ohnmacht gewinnen. Natürlich prägt ein Erziehungsstil eine Generation, eine Epoche. Jede Generation muss mit den vorgefundenen Umständen zurechtkommen. Die es nicht schaffen, sind die Loser, die ebenfalls jede Generation aufweist, Nachtreten ist foul! Gewalt ist, auch wenn dies in unserer von weiblichen Werten dominierten Gesellschaft gerne negiert wird, ein fester Bestandteil menschlichen Zusammenlebens und lediglich in ihrer ineffizienten Primitivform körperlich. Die kultivierten Stufen heißen „Wettbewerb“, „Konkurrenz“, „Übernahme“. Mut, Durchhaltevermögen und auch Leidensfähigkeit sind Erfolgsvoraussetzungen. Wir werden in einer globalisierten Welt wieder um Wohlstand kämpfen lernen müssen. Milch kommt nicht von Tetrapack, Fleisch wächst nicht im Supermarkt und Hartz IV ist kein wohlanständiger Beruf.
Als Schüler hätte ich mir wehrlose Lehrer gewünscht. Nicht die nervlich zerrütteten Frühverrentungsaspiranten von heute, aber zahme eben. Dabei hatte ich wohl nicht bedacht, wer den Dicken Fritz im Zaum halten soll. Die Alis, Kevins und Igor, genannt der kasachische Bär, weil er den Lehrer anbrummt bis er kuscht, die heute das Gewaltmonopol an Schulen beanspruchen, waren jenseits meiner Vorstellungskraft.
Nehmen wir die alten Männer, die meist das Gute wollten, auch wenn bisweilen schlecht umgesetzt, gegen die kraftlosen Schwächlinge in Schutz. Diese hätten sich damals wehren können. Mit zehn habe ich der Lehrerin, die mich meiner Meinung nach zu Unrecht verprügeln wollte, den Stock entrissen und zerbrochen. Die fünffache Tracht von meinem Vater war mir die Durchsetzung meines Rechtsempfindens wert.
Ich war auch einer der Naiven, die sich von dem hoch angesehenen Pädagogen und Zeitungsschreiber in sein Wochenendhaus nach Dansenberg locken ließen. Als es dann an den Hosenschlitz ging, und mir dämmerte, was da abgehen sollte, garantiere ich dir, dass der feine Herr, dessen Treiben stadtbekannt war ohne seinem guten Ruf Abbruch zu tun, bereut hat, mich mitgenommen zu haben. Ich habe den ganzen Fußmarsch zurück durch den Wald mit Freude an seine blutige Nase gedacht. Komisch, warum findet er keine Erwähnung, obwohl ich weiß, dass sich bei etlichen der Hosenstall nicht als uneinnehmbare Festung erwies. Weil er tot ist? Viele der „Schläger“, deren Namen genannt werden sind es ebenfalls. Oder ist es peinlich sich nicht gewehrt zu haben?
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