Wir leben ein endliches Leben auf einem endlichen Planeten in einem endlichen Sonnensystem, das sich in einem endlichen Universum bewegt. Dieses Wissen bietet alles andere als die Voraussetzung für überbordenden Optimismus. Die sich aufdrängende Schlussforderung lautet: Früher oder später ist alles am Arsch. Wir haben also alles, außer dem geringsten Grund zur Hoffnung. Dennoch verhalten wir uns, als ob wir der Käse wären, obwohl wir nur stinken. Ein gewisses Maß an Wahrnehmungsstörung ist also für das Projekt Mensch systemimmanent; nicht zuletzt ist die Schizophrenie eine der am häufigsten gestellten Diagnosen im stationären Bereich der Psychiatrie.
Auf der anderen Seite kann jeder Einzelne von uns auf eine Reihe von Vorfahren blicken, die zurückreicht bis zur Entstehung des Lebens und ist das Endprodukt einer unglaublich erfolgreichen Evolutionskette, obwohl sie oft scheinbar unlogische Abzweigungen und Wendungen eingeschlagen hat.
Das Verdrängen, Ignorieren und Umdeuten von Fakten, das Handeln wider besseres Wissen ist für die menschliche Natur zum Überleben also unverzichtbar, womit wir, hoffentlich nachvollziehbar, bei Griechenland angekommen wären.
Denn der Glaube an die Stärke des Euro konnte sich noch nie auf Gesetze der Logik gründen. Wer würde sich bereit erklären, sein Geld mit den Nachbarn zusammenzulegen, die weniger verdienen, wo die Frau ihre Dolce-und-Gabana- und Gucci-Sucht auslebt und der Gatte mit dem geleasten Porsche auf die Spielbank fährt, weil das die einzige Bank ist, wo er mit etwas Glück noch Geld bekommen kann? Wer glaubt, durch dieses Zusammenlegen der Haushaltskassen würde jeder der beiden Familien mehr Geld zur Verfügung stehen, hat auch geglaubt, die Haffa-Heiße-Luft AG besitze einen höheren Börsenwert als Daimler – was übrigens nicht wenige waren. Aber genau das haben uns die „Experten“ vor der Euro Einführung versprochen, ebenso wie sie uns jetzt weismachen wollen, die weltweit in den Geldkreislauf gepumpten Billionen hätten keine Inflationswirkung. Wie erklärten uns die Monetaristen die 14% Inflationsrate von 1979, wenn nicht mit zuviel Geld im Umlauf? Vielleicht liegt das Problem in der unüberschaubaren Komplexität der Sachfragen. Zu anderen Zeiten besaßen politisch Handelnde einen Vorsprung durch Machtwissen. Diesen gibt es nicht mehr. Politik ähnelt heutzutage der modernen Malerei. Keiner versteht sie, aber einige selbsternannte, vermeintlich elitäre Spezialisten mit starkem wirtschaftlichem Interesse haben die Interpretationshoheit erobert und es gelingt ihnen, durch herablassendes Gehabe ihre Entlarvung als Scharlatane zu verhindern. Der Rückgang der Wahlbeteiligung hängt damit zusammen, dass viele Wahlberechtigte klug genug sind, um zu wissen, dass sie die Verästelungen politischer Entscheidungsmöglichkeiten nicht mehr verstehen und dies auch den Politikern absprechen. Wir sind eine Gesellschaft von vermeintlichen Spezialisten, denen vor Fachwissen der Überblick über die Zusammenhänge des Ganzen fehlt.
Unser Kulturkreis weißt zunehmend Tendenzen zur Konfliktscheue auf und strebt allumfassende Einvernehmlichkeit an. Dies ist eine Folge der Verweiblichung der Politik im Sinne der ausgleichenden Konsensfindung, die nicht immer nur von Frauen ausgeht. Wir geraten ins Hintertreffen gegenüber Kulturen, die Konflikte nicht scheuen, wie jeder bei einem Nachtspaziergang durch unsere nächtliche Innenstadt feststellen kann. Ich würde weiß Gott was geben, wenn ich die Zoten in arabischen Kabinetten nach einem Staatsbesuch unseres Außenministers hören könnte. Und wir gehen Schmarotzern auf den Leim. Der Euro Raum gemahnt an die Kommunen der sechziger und siebziger Jahre. Dort bumsten eine Menge Faulenzer mit Solidaritätspostulaten auf Matratzenlagern mit den Mädels, während sie ein paar Dumme zum Broterwerb für die Gemeinschaft zur geregelten Arbeit schickten. Nur, dass in der Euro-Kommune die Dummen auch noch den Part der Mädels übernehmen müssen.
Natürlich soll der trotz eigener Anstrengungen unverschuldet in Not geratene die Hilfe der Solidargemeinschaft erfahren. Aber warum lässt man dabei nicht die täglichen Umgangsregeln inkraft? Wenn du finanzielle Probleme hast, sagt dir deine Bank genau, was von dir erwartet wird, anderenfalls dreht man dir den Geldhahn zu. Die Aussage, der Staatsbankrott Griechenlands wäre der Untergang Europas, ist dümmliches Geschwafel. Im Gegenteil, es wäre unter anderem ein Signal gegen die so verhassten Spekulanten, die in Wahrheit nur das tun, was in unserer Wirtschaftsordnung von jedem Vermögensverwalter erwartet wird, nämlich das Streben nach Gewinnmaximierung. Spekulanten sind keine Heuschrecken, sondern Beutegreifer, die sich das schwächste Wild vornehmen, in der Natur erachten wir dies als nützliches Bestandsregularium. Durch eine Pleite Griechenlands würden die Spekulanten vorsichtiger, weil sie erkennen würden, dass sie auch Geld verlieren können.
Die Euro Zone wandelt sich in einen Hartz-VIl-Raum. Einige Länder verhalten sich wie ein mir bekannter AlG-II-Empfänger: die Intelligenz so tief gelegt wie der 3er BMW eines 18-Jährigen Prekariatsangehörigen, Privatinsolvenz am Hals, aber in der Bierschwemme schwadronieren vom kurz bevorstehenden Millionen-Immobilien-Deal. Wir verteilen finanzielle Mittel mit einer Beliebigkeit, als sei Gelderwerb nicht von einer Gegenleistung abhängig.
Ein Bekannter, den ich abbügeln wollte, als er den gängigen Vergleich unseres Zeitalters mit dem späten Rom bemühte, hat mich dennoch nachdenklich gemacht: Wir erleben eine Völkerwanderung, unsere Kultur ist derart stark durchmischt, dass man von Übernahme sprechen kann, wir sind wehrlos satt, wir verlieren unseren Glauben und die Führungsnationen wählen Angehörige von Minderheiten an ihre Spitze.
Dennoch bleibe ich Optimist, denn die heutigen Römer lassen sich letztendlich auch von den Nachfahren derjenigen subventionieren, von denen sie überrannt worden waren.