Zwei Männer gehen durch den Wald und treffen auf einen Bären. Der eine kramt seine Laufschuhe aus dem Rucksack. „Du kannst doch nicht schneller rennen als ein Bär“, meint der andere. „Muss ich auch nicht, nur schneller als du.“
Schadenfreude ist menschlich, Tiere sind zu dieser Emotion nicht fähig. Sie scheint eine sehr deutsche Angelegenheit zu sein. Wie „Gemütlichkeit“, „Kindergarten“ und „Weltschmerz“ machen andere Sprachen bei uns Anleihen, wenn sie das Gefühl beschreiben wollen, das Fräulein Tippse überkommt, wenn Herr Chef, der sie zum x-ten Mal grundlos zusammengestaucht hat, mit vollem Kaffeebecher auf der Bananenschale ausrutscht, auf den fetten Allerwertesten ploppst und die braune Brühe über das weißgestärkte Hemd kleckert. In englisch, französisch, italienisch, spanisch, portugisisch und polnisch heißt das treffende (Fremd-)Wort „Schadenfreude“. Rar, vielleicht deshalb so erhebend, sind Mitleidsbezeugungen für den Unterlegenen, wie das Gedicht von General Hao , einem Gesinnungsgenossen Sunzi´s, dem sein abtrünniger Schüler Ihsu nach dem Leben trachtete:
Was nun,
da der fiebrige Sommer deines Blutrausches verglüht,
ohne dein gierig dürstendes Schwert mit meinem Blut zu kühlen?
Was nun,
da deine Kriegskunst Blendwerk und Tand,
deine Heere im Winterlager der Verzagtheit, geflohen in die Berge der Verzweiflung?
Was nun,
da deine Bundesgenossen auf die Seiten des künftigen Siegers gewechselt,
deine Helden als feige Memmen zittern und der Lehrer unbesiegbar?
Nun,
im sehnsüchtigen Hauch des Frühlings, werde ich, das weiße Tuch über den Augen,
unter dem Kirschbaum sitzend meinen Sieg betrauern.
Ich liebe kitschig schwülstige Erbauungslyrik, die dir das Herz aufgehen lässt und dir das Gefühl verschafft, ein guter Mensch zu sein. Gerade so, als wenn du einem adretten Bettler, den ein übellauniges Schicksal ohne eigenes Verschulden aus seinem Vorstandsbüro bei einer deutschen Großbank direkt auf die Strasse katapultiert hat (gehe direkt in die Karstadt-Passage, gehe nicht über Los, nimm keine 200 Euro), einen Fünfer in die Hand drückst und seine Augen strahlen wie ein Christbaum in Äthiopien. Im wirklichen Leben geht das natürlich nicht so ab. Der Penner-Banker würde mit deinen fünf Euro durch kluge Investitionsstrategie zum Multimillionär, sich in seine alte Stellung zurück kämpfen und dir dein Haus und dein Auto pfänden lassen, weil du die Raten zwei Tage zu spät gezahlt hast. Und deine Nachbarn würden sich schlapp lachen, weil ihnen Erbauungslyrik am Arsch vorbei geht. Genau wie dem Erich. Die beiden, er und Manu, waren eine mittlere Ewigkeit lang verheiratet. Er, die ganze Zeit malocht wie ein Tier, Bypass, genau gesagt, vier Bypässe vor drei Jahren, Prostata-Krebs vor zwei, letztes Jahr Diabetes. Von seiner Potenz konnte er sich damals mit Küsschen links, Küsschen rechts verabschieden und sich statt dessen seinen Traum vom 911er verwirklichen. Sie behielt ihren Mazda Cabrio, der sich mit offenem Verdeck hervorragend zu Freiluft-Vögeln eignete, ihren langjährigen Lover und war weiterhin in den Boutiquen gern gesehen. Kurz darauf hat sie es Erich mitgeteilt, sie war nicht besonders schonungsvoll. Sie nahm die Villa und den Porsche, er den Mazda, die kleine Eigentumswohnung und das Bargeld (welches Bargeld?). Bedingung war, dass er sofort auszieht, Scheidung war so eilig nicht, die würde sie einreichen, wenn sie sich orientiert hätte. Mitte April, nachdem der Kitzel des Verbotenen und die Angst vor Entdeckung der Routine Platz gemacht hatte, und der Lover jeden Abend neben Manu einschlafen musste,(besser: durfte, wenn er Glück hatte), nahm dieser sich öfter Auszeiten in der örtlichen Gastronomie. In der Aprilnacht, gegen zwei Uhr, fuhr er Erichs (präzise:ehemals Erichs) 911er sturtzbesoffen in die Garage. Aus Angst, Manu könnte noch wach sein, und Leistungen verlangen, die er längst als Opfer und herausgepresste Tributzahlungen denn als Vergnügen ansah, wollte er noch eine Zigarette im Auto rauchen und schlief ein. Den Rest kennst du ja aus der Zeitung: Der Porsche brannte aus, das Haus ab und der Lover an. Er war übel zugerichtet, kam aber mit dem Leben davon. Der 911er hatte nur eine Haftpflichtversicherung und der Brandversicherungsschutz für das Haus war wegen ausstehender Prämien längst gekündigt, sodass Manu Totalverlust zu beklagen hatte. Wie gesagt, Erich war nicht lyrisch angekränkelt und schmiss Lokalrunden in seiner Stammkneipe. „Schadenfreude ist die schönste Freude“, ließ er jeden wissen. „Jetzt hat die Alte alles verloren.“ Erich war erstaunt, als Manu am nächsten Abend in der Eigentumswohnung aufkreuzte. „Mein Schatz, wir haben das Haus verloren, wir müssen uns einschränken.“ „Du hast das Haus verloren.“ „Wir, wir leben doch im gesetzlichen Güterstand.“ Jedenfalls wohnt sie wieder bei Erich und ich bin heil froh, dass ich Manu, mit der ich vor einer langen Ewigkeit kurz verheiratet war, damals so billig losgeworden bin.
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