Im letzten Sommer, aus heiterem Himmel, ohne erkennbaren Anlass war er da: Schädlingsbefall!
Zunächst ist das peinlich, man spricht nicht darüber, aus Angst, man könnte für schmutzig gehalten werden. Von nichts kommt nichts. Syphilis fängt man sich auch nicht auf der Klobrille ein. So etwas hatte ich noch nie erlebt, mir fehlten gänzlich die Abwehrmittel. Kleine, unspektakuläre, eineinhalb Zentimeter große Falter kreuzten in unbeholfener Flugbahn den Luftraum meiner Küche. Sie waren nicht nur schlechte Flieger, sie waren auch noch faul und saßen an den Wänden herum. Auf den ersten Blick von langweiliger, düster grauer, freudloser Farbe, waren sie bei näherem Hinsehen jedoch herausgeputzt und aufgemotzt wie Grufti-Penner zum Freibierfassen. Das Dunkelgrau hatte filigrane Ton-in-Ton-Muster von perfekt abgestimmtem Hellgrau.
Grundsätzlich töte ich keine Lebewesen, genauso wenig, wie ich Türklinken anfasse, der Akt beschmutzt. Leben ist ein absoluter Zustand Der Elefant hat nicht mehr davon als die Spinne, nur weil er größer ist. Dem Schachtelhalm ist das Leben ebenso wichtig wie mir, sonst würde er nicht leben. Manchmal, wenn mir das wirklich voll zu Bewusstsein kommt, macht es mich ganz hippelig. Dann sehe ich die Spargelstecher als gedungene osteuropäische gnadenlose Killerbanden systematisch die Front der Spargelwälle entlangschreiten, unter denen sich ängstlich die verzweifelten Spargelköpfe vergeblich zu verbergen suchen. Ich höre die Schreckensschreie der Salatköpfe, denen die vermeintlich harmlose Hausfrau und Mutter im Garten den Lebensstrunk durchschneidet, dass deren weißlich transparenter Blutsaft klebrig an ihren Händen haftet. Dann faste ich für eine Woche, um dem Töten ein Ende zu machen. Doch auch damit ist es nicht beendet. Mit jedem Atemzug inhaliere ich tausende von Mikroorganismen, die ich ohne eigenes Zutun schon in meinem Rachenraum abtöte. Meine weißen Blutkörperchen, diese perfekten Killermaschinen, patroullieren meine Blutbahn und zerstören erbarmungslos, was ihnen als Feindbild erscheint. Auf alle Fälle werde ich mein verdammtes Karma nicht wegen einiger Parasiten gefährden. Also habe ich versucht, die schrägen Falter aus dem geöffneten Fenster zu vertreiben. Mit mäßigem Erfolg. Die gespinstartigen Knäuel in den Lebensmitteln brachte ich nicht mit den schräg aufgemachten Faltern in Zusammenhang. Lange Rede ohne Sinn, es war eine Frau, die entsetzt feststellte „du bist ja mit Schädlingen verseucht.“ Da war nichts mehr, danach. Wie sie die Diagnose traf, der Gesichtsausdruck zwischen Mitleid und Entsetzen, gepaart mit Ekel ob der Verwahrlosung, sie hätte auch das Ebolavirus feststellen können. Ich hatte also ein Problem. Denn: Wenn du nicht mehr fragen kannst „gehen wir zu dir oder zu mir“, hast du ein Problem, ein echtes Problem. „Gehen wir zu dir, denn bei mir herrscht die Seuche“, bringt dich nicht wirklich ans Ziel.
Als mir auch noch klar war, dass die ekelhaften Eiergelege in sämtlichen trockenen Lebensmitteln die Brut und somit Invasionsgrundlage der grauen Bande war, war dicht im Schacht, das Ende des Harmoniebedürfnisses erreicht, Schluss mit Mitleid und Lebensrecht für alle, lieber du in Angst und Verzweiflung als ich. Schädlinge wissen nie, wann Schluss ist, sie sind dumm und ersetzen fehlende Intelligenz durch Aggressivität. Denen kannst du nicht in Obama-Manier kommen „lass´ uns mal darüber reden“. Nachdem ich mit Steil über „die Ausgabe des Falls Clausewitz“ gesprochen hatte, war die Stoßrichtung vorgegeben: Schädlingsbekämpfung. Ich ging stehenden Fußes nach Hause und verschloss alle Fenster, um etwaigen Rückzug oder Flucht zu verhindern. Zum Auftakt, als Fanal, was die Stunde geschlagen hat, habe ich alle Motten, deren ich habhaft werden konnte, mit der Fliegenklatsche an die Küchenfliesen gedonnert, dass der Flügelstaub nur so in Wolken gesprüht ist. Dann habe ich den modifizierten Fall der verbrannten Erde ausgegeben. Alle Lebensmittel, befallen oder nicht – auch dem verstecktesten Mottenei in der untersten Tiefe der Couscouspackung keine Chance!- auf den Müll. Vom Gewürzstand auf dem Wochenmarkt habe ich mir die schärfsten Chilischoten besorgt und überall verteilt. Ich ging davon aus, dass auch Ephestia kuehniella, die Mehlmotte, ein schärfeempfindliches Ausscheidungsorgan besitzt, das eine Woche Chilidiät nicht klaglos verkraftet. Wir haben uns diese Woche lang in ungelüfteten Räumen gegenüber gelegen. In der Nacht vermeinte ich das Nagen an Chillisamenkörnern zu hören und das Sadistenschwein meiner Herzgrube grunzte. Am Morgen konnte ich deutlich das Stöhnen und Wehklagen aus den Mehlmottentoiletten vernehmen und mein Schwein quiekte. Ich zerriss alles Papier, auf dem eine Kapitulationserklärung hätte verfasst werden können. Nun kam Leben in die Bude. Nachts wurde nach Auswegen gesucht, es bildeten sich Trauben an den Fenstern, Mehlmotten seien überhaupt gar keine Schädlinge. Aus der überheblichen Invasionstruppe war ein klägliches Häufchen vom Rückzug abgeschlossener Jammerlappen geworden. Ein erbärmliches Möttchen versuchte sogar seinen brennenden Arsch durch einen Insolvenzantrag zu retten. Um 13:00 bin ich hineingegangen. Eine hocheffektive Spraybombe aus umweltverachtenden amerikanischen Beständen hat die Offensive eingeleitet. Ich stand in der Küchentür, breitbeinig, und drückte die Sprühköpfe zweier Insektenvernichtungsmitteldosen heimischer Provenienz. Seit 13:14 Uhr Mitteleuropäischer Sommerzeit ist in meiner Küche keine Bewegung mehr festzustellen. Ich sitze in der Sonne und blättere in einem Biker-Magazin. Die Gabelbrücken für die Harley Softail sind als Direktimport erschwinglich. Heute Abend werde ich im Eurythmie-Kurs den zweiten Buchstaben meines Namens tanzen lernen.