Ich war so lange ohne Auto, dass mir die Entschleunigung des Lebens beinahe als angemessener Gegenwert zum Verlust der spontanen Fortbewegung erschien. Auf alle Fälle übertrifft die Vorstellung des Wieder-Autofahrens den tatsächlichen Genuss, den die individuelle Bewegungsfreiheit auf vier Rädern tatsächlich bietet bei weitem, was ich in meinem Alter zwar wusste, da es sich um ein Gesetz des Lebens handelt, aber erst durch die Erfahrung bestätigt haben wollte. Früher ein Kilometerfresser auf der Autobahn, der zur Not auch mal in eine Orangensaft Flasche gepinkelt hat, wenn die Zeit bis zum nächsten Termin knapp war, fühle ich mich, eingepfercht in eine rasende Blechbüchse, den Blick starr auf ausgewalzten Asphalt gebannt, fremdbestimmt. Der Entschluss, dennoch nach Paris zu fahren hatte mehrere Gründe. Seit meiner Teenager Zeit war ich mehrmals im Jahr dort. Als Pfälzer-Wald-Bub hält sich meine Affinität zu Großstädten in sehr engen Grenzen, doch fühle ich mich zu dieser Stadt hingezogen. Ich würde nie behaupten, sie zu lieben. Sie fasziniert mich, wie eine Frau mit der man seit Jahrzehnten eine sporadische Beziehung hat, die aber niemals soviel Gewissheit zulässt, dass man sich vor ihr selbstvergessen entkleiden würde. Sie ist eine Kokotte, manchmal mit angeschmutzten Dessous und Flecken auf den schwarzen Strumpfbändern, von der man sich wünscht, sie hätte sich gewaschen, falls man nicht Napoleons Disposition zu Körpergerüchen hat. Aber es treibt einen stets zurück, weil man sie immer bereichert verlässt. Selbst wenn sie Ekel hervorruft, hat dieser nichts mit der gemeinen, abstoßenden Emotion zu tun, sondern ist raffiniert, anspruchsvoll und facettiert wie Lustschmerz. Wenn man sie, mit zunehmendem eigenen Alter, nicht mehr ergründen will, keine Fragen mehr stellt, sondern sich zurück lehnt und sie einfach gewähren lässt, entdeckt man erst ihre wirklich Faszination. Ein weiterer Grund war, dass die Freundin „mal raus wollte“ und ein dritter, dass ich im Kreisverkehr um den Arc de Triomphe testen wollte, ob ich das Autofahren noch beherrsche.
Das Hotel im Quartier Latin war eine Empfehlung und hätte, hätte ich mich einen halben Meter weiter aus dem Fenster lehnen können, nach links einen herrlichen Blick auf Notre Dame und nach rechts auf das Panthéon geboten.
Ich bin alt genug, um Frauen nicht beim Einkaufen, bzw. Shopping (es gibt zwischen den beiden Betätigungen gravierende Unterschiede, die etwas mit der Gegenüberstellung von Notwendigkeit und Lustgewinn zu tun haben, die dir eine weibliche Bekannte, vorzugsweise nicht die befangene eigenen Ehefrau, besser erklären kann) zu begleiten. Die Gründe sind in jeder mittelmäßigen Comedy-Show ausreichend erklärt, nichts desto weniger zutreffend. Die Zeit, die sie Les Grands Magasins durchstöbern würde, nahm ich zum Besuch des Friedhofs Père Lachaise. Nach den Katakomben des Panthéon wollte ich ihr nicht noch mehr meiner Morbidität zumuten. Der Grund, weshalb ich nicht schon zu früherer Zeit auf dem Père Lachaise war ist derselbe, aus dem ich an keiner Rundfahrt zu den Häusern der Hollywood-Stars teilnehmen würde. Ich war, „enttäuscht“ trifft das Gefühl nicht, ebenso wenig „überrascht“, aber irgendwo dazwischen. Die einzelnen Mausoleen wären auf dem städtischen Friedhof in Kaiserslautern Sehenswürdigkeiten, aber dort, aufgereiht an wenig begrünten, grauen, Kopfstein-gepflasterten Miniatur-Straßenzügen einer Totenstadt, von der Zeit des aufrechten Standes im rechten Winkel beraubt, erschienen sie wie die Behausungen boshafter kleinwüchsiger versteckt lauernder bedrohlicher Plagegeister, die nur auf eine Unachtsamkeit deinerseits warten. Noch nie habe ich mich auf einem Friedhof eine derart maligne Präsenz gespürt. In der Angst einflösenden Ruinenstadt dieses Pariser Friedhofs, der übrigens 1804 nach Vorbild des ein Jahr früher angelegten Hauptfriedhofs Mainz, zu dieser Zeit Verwaltungssitz des Départements Donnersberg, gestaltet worden war, suchte mein Hirn, unfähig zu eigener Formulierung der überwältigenden Emotionen, Zuflucht zu Vorformuliertem. „Die endgültige Bestimmung eines jeden Bauwerks ist die Ruine“, schoss mir in den Kopf. Und kurz darauf erinnerte ich mich an ein Fragment, von dem ich zu gerne den Urheber wüsste, aber trotz Recherche zu Hause nicht herausfinden konnte: „Nach langem Wachen tiefer Schlaf / ein Hafen nach stürmischer See / Friede nach langem Krieg / und Tod nach des Lebens Mühesal“. In die Realität zurückgerissen hat mich ein Friedhofsführer, der mich in Deutsch ansprach und mir unbedingt das Grab von Max Ernst gegen kleines Geld zeigen wollte, während ich wissen wollte, woher er wusste, dass ich Deutscher bin. Gesagt hatte ich nichts, eine Tracht trug ich ebenso wenig. Er wollte sein Berufsgeheimnis nicht preisgeben und ich wollte das Grab von Max Ernst nicht sehen. Mitgefühl für die Amerikaner kam auf, die überall erkennbar sind. Nachdem ich die Müllhalde von Jim Morrisons Grab besucht hatte, fuhr ich in die Stadt zurück, parkte in der Tiefgarage der Galeries Lafayette und begegnete dem Tod. Der Tod ist weiblich. Sie kam mir am Ausgang entgegen, um die sechzig, ganz in schwarz und einer Bugwelle von Eleganz und Präsenz, wie ich sie noch nie gespürt habe. Ich hielt ihr die Tür auf und sie machte mich mit einem „merci, Monsieur“ zum Sklaven. Sie hatte nichts, wirklich nicht das Geringste an Erotik. Simone de Bouvoir bemerkte einmal, wahrscheinlich nicht ganz uneigennützig, Männer seien so lange lebenstüchtig, wie sei Frauen ihres Alters erotisch finden könnten, und für gewöhnlich bin ich lebenstüchtig. Doch diese Erscheinung in einen triebhaften Zusammenhang zu bringen, wäre so pervers, wie der Versuch, einer Marienstatue unter den Rock zu gucken. Vielleicht war sie Maria selbst, in einer heidnischen, allumfassenderen Mystik die Lebensspendende und Todbringende in Personalunion. Zu Hause angekommen, beschloss ich, in meinen Garten eine Ruine zu bauen. Ich gab Isabelle, einer befreundeten Bildhauerin, den Auftrag, den Text des Fragments in Stein zu meiseln. Er wird in der Ruine einen prominenten Platz bekommen. Ich liebe das selbstvergessene Arbeiten mit den Händen, die Befriedigung, die aus Schöpfung entsteht. Diese Arbeit wird mich sicher den ganzen Sommer über beschäftigen. Im Herbst werde ich einen Rosenbusch pflanzen, der irgendwann seine Blütenpracht durch die Festergitter meiner Ruine treiben wird. Gibt es ein besseres Sinnbild für das Leben an sich, als bewusst unter Mühe etwas Sinnfreies zu erschaffen?
- Weblog von S.Münch
- Anmelden oder Registrieren um Kommentare zu schreiben
- 351 Aufrufe
Neueste Kommentare
vor 2 Jahre 9 Wochen
vor 2 Jahre 9 Wochen
vor 2 Jahre 10 Wochen
vor 2 Jahre 30 Wochen
vor 2 Jahre 37 Wochen
vor 2 Jahre 44 Wochen
vor 2 Jahre 47 Wochen
vor 3 Jahre 2 Wochen
vor 3 Jahre 2 Wochen
vor 3 Jahre 2 Wochen