Als er den Aufschlag hörte, das nie vorher gehörte dumpfe Ploppen mit dem sich ihr Körper und der Fels vereinigten und ineinander schoben, wurde ihm die engültige Unumkehrbarkeit bewusst. An diesem Tag, als er seine Frau in den offen gelassenen Steinbruch bei Imsweiler gestoßen hatte, entglitt Horst die Kontrolle über sein Leben.
Bislang mit mäßiger Fortüne in Geschäften unterwegs, heftete sich jetzt der Erfolg unerbittlich an seine Fersen. Sozusagen als Wiedergutmachung half er einem verzweifelten Familienvater, dem sein Haus versteigert werden sollte, und der versucht hatte, mit der ganzen Familie Selbstmord zu begehen. Er verhandelte mit Bank und Gläubigern und stellte ihn wieder auf die Beine. Er besorgte sich unter Umgehung der Datenschutzbestimmungen bei Banken Adressen notleidender Kreditengagements. Wo die Lage zu verfahren war, um mit der normalen Klaviatur der Bankinstrumente zum Ziel zu kommen, gewährte er selbst Überbrückungshilfen und gründete nach kurzer Zeit eine eigene Bank, die sich auf hoffnungslose Engagements spezialisierte und sich zu seiner gewinnträchtigsten Unternehmung auswuchs. Was immer er anfing, um Buße zu tun, ohne die geringsten Gewinnabsichten, entpuppte sich als lukrativer Geschäftszweig. Je mehr sich Horst ausgelaugt und überfordert fühlte, desto mehr wurde sein Rat gesucht. Dem starken Witwer, der den tragischen Unfalltod seine Frau so beispielhaft weggesteckt hatte, wurden von Vereinen und Verbänden Ehrenmitgliedschaften angetragen, die sämtlich an Beratungstätigkeiten geknüpft waren.
Privat hatte er Nachholbedarf entdeckt. Vor allem in Bezug auf Frauen. Mit einem Hang zu buchhalterischer Akkuratesse ausgestattet, führte er bald Buch über seine Eroberungen in Form von Strichlisten. In einer Art verquerer schöngeistiger Anwandlung erwarb er für den Eingangsbereich seines Hauses einen geschmacklosen Kronleuchter. Er beschloss, künftige Eroberungen dadurch zu dokumentieren, dass er ein Bleikristall gegen einen farbigen Behang austauschte. Ivonne, für die er selbst als Vater zu alt gewesen wäre, und die in Wirklichkeit wahrscheinlich Gruscha hieß und aus einem Kaff im Ural stammte, wurde als blutroter Swarovski-Stein markiert. Katja, im Intimbereich üppig tätowiert und gepierced, sonst aber ganz Dame, fand ihre verewigung durch einen Aquamarin. Bald wurde es für Horst reizvoller, den passenden Kronleuchterbehang auszuwählen, als die dazu gehörigen Damen.
Diese Umtriebe zehrte an den Kräften und er ertappte sich immer öfter bei Träumereien vom einsamen Leben mit einem den Tageszeiten angepassten Rhythmus. Eines Abends saß er nach einer Konferenz in Wien mit einer zu laut lachenden Schwarzhaarigen, deren aufdringliches Make-up er für Rasse hielt, die ihm allerdings alleine durch die Intonation des einheimischen Dialekts eine Erektion verschaffte, in einem Restaurant. Er fand diesen Umstand der sexuellen Stimulation durch den österreichischen, speziell den Wiener Dialekt, bemerkenswert und fragte sie, ob es dafür einen wissenschaftlichen Fachausdruck gäbe. Bei einem Toilettenbesuch entdeckte er im Vorraum einen zusammenklappbaren Rollstuhl. Um einen Augenblick Zeit zu gewinnen und der Erschöpfung Herr zu werden, setzte er sich hinein. Er hatte plötzlich das Gefühl am Ende zu sein. Sein Leben erschien ihm als Kontinuum von Überforderungen, als Junge in ständiger Konfrontation mit der Frage, ob er dies oder das schon könne, jetzt mit der Frage, ob er es noch könne. Er fuhr aus dem Schlaf hoch, als sich sein Rollstuhl in Bewegung setzte und eine üppige Blondine in breitestem Wienerisch sagte: „ Jo gehng´s, dorf i dem Härrn behilflich sein“. Bevor er die Situation erklären konnte, hatte sie ihn schon zurück in den Speisesaal geschoben. Die Schwarzhaarige war längst gegangen und seine neue Begleiterin setzte sich zu ihm. Sie war mit einer Gruppe von Frauen da, die sie ohnehin nicht vermissen würden. Der Kellner ließ sich seine Verwunderung über das umgekehrte Wunder des Gehenden, der als Lahmer von der Toilette zurück kommt, nicht anmerken. Blondie brachte Horst nach Mitternacht in sein Hotel, und er profitierte von der Scheu, die Gesunde davor haben, Behinderten Wünsche abzuschlagen.
Horst kehrte nach zwei Wochen in einem Rollstuhl nach Hause zurück. Die Aufregung war groß. Fragen, was passiert sei beantwortete er vage und ausweichend und setzte immer ein „das wird schon wieder“ hinzu, aber in einer Art, dass alle wussten, die Sache war hoffnungslos. Hier nachzubohren wäre unsensibel und respektlos. Horst genoss die Rücksichtnahme und die Vergünstigungen, die er allerorten erfuhr. Niemand kam auf die Idee, ihn mit Alltäglichem zu belasten. Nur der Behang seines Kronleuchter wurde immer farbiger, teils aus Mitleid teils aus Neugier der Damenwelt.
Nach einem halben Jahr begann die Sache langweilig zu werden, und Horst plante einen längeren Sanatorium Aufenthalt in einer Reha-Klinik, bei der er sich inzwischen eingekauft hatte, um geheilt zurückzukehren. Zum einen wäre dies ein guter PR-Gag für die Anstalt und zum anderen würde er den Nachstellungen seines Versicherungsvertreters entgehen, der ihn zur Unterschrift auf dem Antrag der Unfallversicherung drängte. Er ließ sich von Helga, die er am Vortag kennengelernt hatte, baden und zu Bett bringen. Als sie gegangen war, genehmigte er sich zu Feier des letzten Behinderten-Abends ein paar Cuba libre zu viel, stürzte auf dem Weg zum Keller, wo er Cola-Nachschub holen wollte, die Treppe hinab und schlief ein.
Bevor er am nächsten Morgen wach wurde, hatte die erschreckte Zugehfrau den leeren Rollstuhl und den vollen Horst entdeckt, den sie schwer verletzt wähnte, und den Notarzt gerufen. Die Röntgenbilder des total Verkaterten ergaben trotz Wiederholung keinen Anhaltspunkt, weshalb dieser im Rollstuhl sitzen sollte. Als erste bliesen die Frauen zur Treibjagd, denen er im Bett einiges, auch Unanständiges, wozu sie sich unter normalen Umständen nie hergegeben hätten, abverlangt hatte. Danach rollte die Lawine der sozialen Ächtung. Verträge wurden angefochten, Betrugsvorwürfe erhoben, Vereinbarungen rückabgewickelt, Partei- und Vereinsausschüsse zugestellt, kurz, kein Hunde hätte von Horst ein Stück Wurst geschweige denn ein Stück Brot genommen.
Auf einmal war auch die Sache mit dem Unfalltod seiner Frau verdächtig. In einer kleinen Stadt bleibt nichts ungesühnt. Ein bisschen Dreck findet sich immer in Geschäften und so kam Horst in U-Haft, wo ihn ein Zuhälter mit einem Drogen-Cocktail im Kopf über das Geländer warf.. Er verfing sich unglücklich im Schutzgitter, das in der ersten Etage gespannt war und saß nach seinem Freispruch den Rest seines Lebens im Rollstuhl.