Ich habe mich gestern aus Mitleid mit Ben Johnson fotografieren lassen. Der einstmals schnellste Mann der Welt war zu einem Eierlauf an den Altenhof gekommen. „Renn gegen Ben“- vor der Handwerkskammer. Den Mann, dem einst Stadien voller Enthusiasten zugejubelt hatten, wollten weniger Menschen sehen, als ihn früher Kamerateams filmen wollten. Ich hasse die Schleimer, die sich an Prominente heranmachen, wann immer sie einen aufspüren können. Aber als er so da stand, an diesem diesigen Herbstnachmittag, kleiner, unscheinbarer, schwarzer, entbehrlicher Mann, sah ich Peinlichkeit und Heimatlosigkeit in seinen Augen. Ich überwand meine Scheu und ließ mich von seinem eigens mitgebrachten Fotografen mit ihm ablichten. „You are the greatest“, sagte ich, und er war dankbar, obwohl er wusste, dass ich log. Auf dem Foto legen wir uns gegenseitig die Arme auf die Schultern, obwohl ich Nähe hasse.
Mit der folgenden Geschichte hat dieser Vorfall nichts zu tun. Außer, dass mich die verzweifelten Augen, die Hoffnungslosigkeit, die ihm die Spannung der Lider raubte, an Elvira erinnerte. Ein wohlmeinendes, besserwisserisches Bekanntepaar hatten sie früher einmal mit meinem Freund Horst verkuppelt. Unter dem Vorwand, eine Unterschrift zu benötigen, hatte der Bekannte Horst zum Italiener bestellt. Nothing fancy, die Pizzeria um die Ecke. Müde und ungeduscht zog er einen hochgeschlossenen Pulli über das Nachthemd, das in der Jeans beulte und wollte es schnell hinter sich bringen; ein paar Spaghetti inklusive. Als er aufkreuzte, erwarteten sie ihn zu dritt. Der Bekannte, seine Partnerin und sie, Elvira. Er war stocksauer, weil er sich vorgeworfen fühlte. Sie gab sich leutselig, weil gerade ein Artikel über sie in der Tageszeitung stand; mit Foto. Seneca wurde unversehens zum Thema des ungewollten Tischgesprächs. Er kannte eben mal den 70. Brief an Lucilius über Tod und Suizid und wusste, dass Seneca bekennender Frauenhasser und für einen Stoiker viel zu reich war. Das Wenige, das er über Seneca wusste, war ausreichend, um zu wissen, dass sie noch weniger wusste. Sie wollte ihren Tatendrang demonstrieren und zitierte: „Nicht weil es schwer ist, wagen wir es nicht, sondern weil wir es nicht wagen ist es schwer.“
Aufgestachelt vom offensichtlichen gegenseitigen Desinteresse, das keiner ohne Schaden zu nehmen auf sich sitzen lassen wollte oder konnte, schickte Horst ihr am nächsten Tag eine Auswahl von Seneca-Zitaten, und sie ihm einen Brief verwirrend ausweichenden Inhalts. Er korrumpierte die selbsternannte Stoikerin durch Einladungen in epikuräische Lokale. Im Bett passte gar nichts. Auch wenn sie es auf dem Fußboden trieben, um Boheme rein und Bourgeoisie raus zu bekommen. Mit den Klamotten fielen aber auch Teile der Rüstung und Panzerung der Seele und gab Blicke auf Verwundbares preis. Sie trennten sich, als sie bemerkten, dass Gemeinsamkeit mehr trennt als annähert und sie ihre Gedanken nicht voreinander verbergen konnten. Das geschah gerade rechtzeitig, um ein Quatum Geheimnis zu retten, das anhaltendes Interesse begründete. Sie trafen sich auch noch sporadisch, als die kurze Affäre längst vorbei war. Aus Eitelkeit und Selbstbeweihräucherung, weil sie sich aneinander spiegeln konnten und die Reflektion im anderen genauso erschien, wie sie sich dargestellt sehen wollten. Sie mussten sich nichts vortäuschen, weil es der jeweils andere auf Gegenseitigkeit übernahm. Sie hatten genügend Vertrautheit und gleichzeitig genug Distanz bewahrt, um sich gegenseitig zu respektieren.
Viele Frauen und Männer später, er hatte sich gerade von einer Frau getrennt, die sich ruinierte, um ihn zu verletzen, weil sie glaubte von ihm verletzt worden zu sein, sie hatte eine weitere Strecke auf der Ochsentour durch Langweiler-Betten zurück gelegt, saßen sie im Cafe. „Ich habe mich verliebt“, sagte sie. „Heimlich. In einen verheirateten Mann. Er weiß nichts davon.“ Er lachte, er kannte ihre Exaltiertheit, ihre Koketterie, Standpunkte einzunehmen, die ihrer Intelligenz Hohn sprachen und die ihr niemand ernsthaft abnehmen konnte. Ihr Beharren machten ihn ärgerlich, sein Ärger verletzte sie. „Dann geh doch einfach zu ihm und sage ihm, dass du dich in ihn verliebt hast. Ein solches Geständnis bauchpinselt das durchschnittliche Spießer-Ego ohne Ende. Er wird Weib und Brut verlassen und sich an deine Fersen heften.“ Ihre Enttäuschung füllte den Raum, ihre verlangende Einsamkeit kratze an ihrem Gefängnis als sie die Tauben und Stare auf der mit früh gefallenen Ahornblättern gesprenkelten Grünfläche vor dem Cafe beobachtete. „Liebe ist die hormonelle Fortpflanzugsversicherung der Natur“, sagte Horst. „Ich glaube an die Liebe“, sie sagte es nachdenklich als habe sie eben erst eine profunde Entdeckung gemacht. „Es bedeutet nichts. Liebesschwüre sind bedeutungslos, nicht einforderbar.“ Sie stand pickiert auf und ging. Sie drehte sich noch einmal kurz um und meinte „ich muss mir doch nicht von einem Borderliner die Liebe erklären lassen.“
Die Stadt ist so klein, dass kein Kanarienvogel unbemerkt furzen kann, und schon bald machte es die Runde, wer bei Elvira eingezogen war. Er hatte Frau und Kinder verlassen und nahm, der beamtete Chefspießer, die Häme und das Getuschel in Kauf. Der Besuch eines Lokals, des Theaters, ja ein einfacher Stadtbummel geriet zum Spießrutenlauf. Elviras Hang zur plakativen Rebellion kam voll auf seine Kosten, während er litt wie ein Hund. Sie sah in ihm den schon immer erwarteten Helden, der der Welt trotzt. Nach einiger Zeit hatte sich ihr Umfeld beruhigt, und der Alltag zog ein. Nun zeigte sich, dass sie lediglich einen hohen Beamten mit durchgeplantem Tagesablauf dazu gebracht hatte, seine gewohnte Routine bei ihr anstatt bei seiner Familie abzuspulen. Er war klug, aber nicht originell, hartnäckig, aber nicht mutig, fleißig, aber nicht leidenschaftlich, überdurchschnittlich, aber nicht außergewöhnlich. Erschwerend kam hinzu, dass sich seine Frau schnell getröstet hatte und mit ihrem Neuen aufblühte wie eine mit Pferdemist gedüngte Rose. Elvira warf ihn raus, als er zum zweiundsiebzigsten Mal lautstark Ordnung auf der Badezimmerspiegelablage einforderte. Sie hatte ihn auf der ganzen Linie überschätzt. Doch sie hätte ihm nie den Mumm zugetraut, sich eine Kugel in die Stirn zu schießen, was er, stümperhaft – er lag noch zwei Tage auf der Intensivstation bevor er starb –, aber immerhin, tat. Dadurch zog er ihre, nunmehr nimmermehr stillbare, Leidenschaft erneut auf sich. Seit dieser Zeit hat Elvira Augen wie Ben Johnson nach dem Eierlauf. Ob sie weiterhin an die Liebe glaubt, weiß ich nicht.