Er wird sich wahrscheinlich wehren, was ihm aber nichts nützen wird. Starke Arme, erbarmungslos durch die Absolution des Nur-Gesetze-Befolgens, werden Majid fesseln. Ein gesetzestreuer Arzt wird ihn narkotisieren. Majid wird nicht zählen und auf den Schlaf warten, an dessen anderem Ende Heilung steht. Schreien wird er, bettelnd ihren Namen rufen und nie wieder einschlafen wollen, weil am anderen Ende seines Schlafes mit verschränkten Armen die Verzweiflung wartet. Nun kommt die Stunde der Ameneh Bahrami. Nein, es wird keine Stunde dauern. Obwohl sie es so lange ausdehnen möchte wie möglich, wird es in ihrer Erinnerung nur ein kurzer Augenblick sein. Ihre Hände werden sich orientieren auf dem Gesicht, das ihre für immer blinden Augen als Letztes gesehen haben. Die Augen wird sie suchen, deren Lider ein helfender Arzt (in diesem Berufsstand findest du immer einen, der alles mitmacht, wenn es nur gesetzlich erlaubt wird) offen hält. Zwanzig Tropfen Säure. Für jedes Auge. Als Rache. „Er hat sie geliebt, hat um ihre Hand gebettelt. Seine ganze Familie hat ihre Familie umworben“, werden seine Freunde sagen. „Er hat sie nicht geliebt, er war besessen“, sagen ihre Freunde. „Liebe ist Besessenheit.“ Wenn die Iranerin Ameneh dem Mann, den sie verschmäht und der ihr deshalb mit Schwefelsäure das Gesicht verätzt und das Augenlicht genommen hat, gemäß dem Gerichtsurteil die Säure in die Augen tropfen wird, wird er nicht schreien, sie wird das Resultat nicht sehen, sie wird nicht einmal die Säure tropfen hören wie den plätschernden Schwefelregen über Sodom und Gomorrha.
Entsetzen macht sich breit in unserem Kulturkreis ob dieser Barbarei. Doch Rache, Vergeltung und Talion sind die Grundlage aller Rechtsbegrifflichkeit. Schon im Codex Hammurapi ist der Fall „Auge um Auge“ angeordnet. Der älteste Beleg des ius talionis findet sich in den Rechtssätzen des Königs Ur-Nammu ca. 2112 – 2095 v. Ch. Nach germanischem Rechtsbegriff traf den zur Rache Verpflichteten ein Fluch, wenn er sie nicht ausübte. In der griechisch-römischen Antike erscheint die Rache als Erwiderungsmoral nach dem Motto: Nütze denen, die dir Gutes tun und schade denen, die dir Schaden zufügen. Es gab die heilige Pflicht zur Rache. Die alten Griechen waren harte Hunde. Es wurden oft Kinder ausdrücklich gezeugt, um die Rache des Vaters weiterzubetreiben. Der römische Kriegsgott hieß auch Mars Ultor, Mars der Rächer. Augustus errichtete ihm zu Ehren einen Tempel nach seinem Sieg über die Cäsar-Mörder Cassius und Brutus, den er als „Rache Caesars“ bezeichnete. Der Gott des Alten Testamentes, der Gott der Juden, Christen und Muslime, ist ein rächender Gott, der Auge um Auge, Zahn um Zahn fordert. Im 1. Buch Mose 4,24 prahlt Lamech seinen Frauen gegenüber, er räche jede Verletzung siebenundsiebzigfach. Die ungerächte Tat setzt den Verletzten in seiner sozialen Stellung herab. Wo käme man hin, dürften Hinz und Kunz nach Belieben schalten und walten, ohne Vergeltung fürchten zu müssen! Nietzsche setzt die „Rache“ in eine strukturelle Verbindung zur „Dankbarkeit“. Nur die Neutestamentler, die fleischlosen, deren Priester ihre Berufung am besten als Kastraten erfüllen könnten, erheben den Verzicht auf Rache zur christlichen Tugend. Lassen wir uns keine Charakterfehler einreden, wenn wir Vergeltung fordern von denen, die uns schaden wollen, es handelt sich um eine gesunde menschliche Reaktion. Nicht umsonst fasziniert uns die Vendetta. Wenn der Schurke in der Gluthitze des sommerlichen Siziliens Zuflucht sucht an den sirrenden Berghängen, deren Luft erfüllt ist vom Geruch wilden Thymians, den sein schlurfender Schritt aufwirbelt. Vergeblich. Das Einschüchternde und Ehrfurcht gebietende an der Rache ist ihre unbegrenzte Dauer, über Generationen hinweg, nach menschlichen Maßstäben in alle Ewigkeit. Die Gewissheit der Unabänderlichkeit und der Unvermeidbarkeit gibt ihr eine religiöse Dimension, die sie zelebrierbar macht: die Übeltäter jagen, in ihre Baue treiben. Aus ihren unsicheren Zufluchten in Eishöhlen jenseits der Vegetationsgrenze widerhallt ihr Reueruf von den unbewegten Gletscherwänden, ohne ihnen Erbarmen zuteil werden zu lassen.
In den Ländern des Islam, wo die meisten unserer Mitbürger mit Migrationshintergrund herkommen, wird dieses Urteil gegen Majid als gerecht empfunden. Dies erklärt einen Teil des Problems im Kampf der Kulturen. Es handelt sich nämlich um einen Kulturkampf bei dem, was auf unseren Straßen passiert, auch wenn strickende Grüne und Sozen der Toskanafraktion noch immer von Integration und Multikulti schwafeln. Glaubst du im Ernst, jemand, der die Shari´a verinnerlicht hat, respektiert einen Staat, der einem Richter Meinders in Bremen gestattet, Jugendliche, die einen Studenten zur Schwerstbehinderung geprügelt haben, mit Freisprüchen und Bewährungsstrafen davonkommen zu lassen? Bemerkenswert, in allen Kulturen, die derzeit mit unserer konkurrieren, hat „Respekt“ eine überragende Bedeutung, ein Wort, das uns peinlich geworden ist. Die Ehre des Verletzten wird durch die Vergeltung wiederhergestellt. Geschieht dies nicht, verliert man den Respekt vor ihm. Vor einem Staat, der Intensivtäter auf Segeltörns oder Pfadfindertripps nach USA schickt, hat keiner Respekt. Kultur ist die Überwindung des Natürlichen, des Ursprünglichen. Die Geschichte zeigt jedoch, dass bislang alle Hochkulturen von weniger entwickelten übernommen wurden. Wir haben das Gewaltmonopol an den Staat abgetreten und damit die Verwaltung der Rache. Daher können wir vom Staat erwarten, dass er wehrhaft unsere Zivilisation verteidigt. Es war ein Vorrecht und eine Ehre, römischer Bürger zu werden. Es ist ein geschätztes Privileg, als American Citizen aufgenommen zu werden. Wir sollten unsere Kultur nicht so billig wegwerfen. Man schätzt nur das, was nicht leicht zu erwerben ist. Wir wollen keine Augen verätzen, aber wir haben ein Recht auf das Supremat unserer Werte und auf angstfreie Abendspaziergänge in unseren Städten.
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