Der belgische Bademeister des Brüsseler Hallenbads L´Espadon in Etterbeek, Bastien Brewers, war Nichtschwimmer. Das bemerkt man erst, als ihn die deutsche Studentin Berta Altblut im Gedränge unabsichtlich über den Rand des Schwimmerbeckens bugsierte. Nur durch beherztes Zupacken an den Haaren rettete sie ihn in letzter Minute vor dem Ertrinken. Um den Preis seines Jobs, den er mithilfe gefakter Leistungsnachweise des Natation Koninklijke Belgische Zwembond erschlichen hatte. Der zunächst Chlorwasserfontänen, später Mittagessensreste Speiende war nicht in der Verfassung, von seiner Retterin – oder Verderberin, je nach Sichtweise - gebührend Notitz zu nehmen. Bei ihrer zweiten Begegnung, die glimpflicher verlief, erkannte er sie kaum wieder. Sie kam aus dem Zara Store in der Ave. Louise, wo sie sich eine Kuscheldecke gegen die Kälte und Einsamkeit ihrer Studentenbude gekauft hatte und stieß auf dem Bürgersteig mit ihm zusammen. Er lud sie auf einen Kaffee in der Gulden Vlieslaan ein. Sie trafen sich danach öfter. Er bemühte sich um sie, und obwohl sie keinen Flügelschlag im Bauch verspürte, weder von einem Schmetterling noch von einem Adler, wurden sie ein Paar. Er zeigte sie herum wie eine Trophäe, sie war froh über ein wenig Gemeinsamkeit.
Der Bademeister war ein Lügner und Loser, und die Studentin zu klug, um es nicht zu bemerken. Zunächst war der Verdacht, dann kamen Bestätigungen. Sie sah ihn in der Metro, als er nicht in der Stadt sein sollte. Er war mit anderen im Kino, als er angeblich beim Onkel war. In seinem Bad stand eine fremde Zahnbürste. Sie hielt ihm zugute, dass er auf Hygiene bedacht war und nicht ihre auslieh. Im Tauschhandel der Gefühle wurde Tand mit Gold aufgewogen. Sie schickte ihn in die Wüste, ein für alle Mal. Er bettelte wie ein Krüppel am Weg. Er bombardierte sie mit SMS im Minutentakt und schrieb für sie Gedichte, die sie schon von Rilke kannte. Er stellte eine Kinderbadewanne voll Wasser vor ihre Tür. Darin schwamm ein selbstgeschnitztes Rindenboot, dessen Segel beschriftet war: „Das Boot meiner Hoffnung auf dem See meiner Tränen um Dich“. Sie fühlte sich in ihrer Überlegenheit geschmeichelt, leckte die süße Melasse der Macht. Er arbeite an sich, sagte er, lese über weibliche Gefühle. Später fand sie einen Bücherstapel unter seinem Bett mit Titeln wie „Böse Männer kommen in jedes Bett“, „Double your Dating“, „Wer f...will muss freundlich sein“ oder „Die perfekte Masche“. An dem Abend allerdings, als er ihr die Trakehnerstute beschrieb, die er ihr kaufen würde, sobald er richtig Geld verdiente, kastanienbraun, Mähne, Fesseln und Schweif glänzend schwarz, Louanne würden sie sie nennen, schickte sie ihn nicht mehr nach Hause. Aus steuerlichen Gründen stimmte sie ein Jahr später der Heirat zu. Die Studentin wurde eine erfolgreiche Psychologin, der Bademeister zeigte, dass er auch im Meer des wirklichen Lebens Nichtschwimmer war. Doch er sah gut aus, hatte eine sonore Stimme, und eine gewisse Beredsamkeit konnte man ihm auch nicht absprechen. Berta ertrug und alimentierte den Versager stoisch. Manchmal, von Freundinnen angesprochen, sagte sie:“Wir Psychologen können allen helfen, außer uns selbst.“
Als ihm Mitte Dreißig eine Alopecia praematura einen Kahlschlag auf dem Schädel verursachte, verfiel der Bademeister in eine Depression. Er bettelte dermaßen herzerweichend, dass Berta mit dem Geld, das sie auf ein Pferd gespart hatte, sie wussten beide, er würde nie genug verdienen, um auch nur ein Shetlandpony zu kaufen, die Kosten für eine Haartransplantation übernahm, die fehlschlug. Anstatt neuem Haupthaar, breiteten sich auf Bastiens Kopfschwarte zunächst nässender Schorf, dann eitrige Geschwulste aus. Der Befund besserte sich durch das seiner Eitelkeit geschuldete Tragen eines Toupets nicht. Im Gegenteil, Anfang Juli, sechs Wochen nach dem Eingriff, rann gelbliche Flüssigkeit unter dem Haarteil hervor, und die Wunde entwickelte einen Verwesungsgeruch, dass ein Krankenhausaufenthalt unumgänglich war.
An einem warmen Abend eines ereignisarmen Sommertages, kurz vor ihrem dreiunddreißigsten Geburtstag, als ihr Mann im Krankenhaus lag, sie nichtsahnend auf ein Läuten die Tür öffnete, sprang die Liebe Berta Altblut mit der Wucht eines alles verschlingenden Tigers an die Kehle. Vor ihr stand ein Mann, dessen Pupillen sich bei ihrem Anblick weiteten, dessen Atem stockte und dessen Halsschlagader einen irren Takt pulste. Er stotterte, wollte fliehen. Als er seine Scham überwunden hatte und doch blieb, als er anfing zu sprechen, als er fragte, ob ihr Mann Bastien heiße, sprudelte es aus ihm hervor. Sie wurde still, hörte zu, bemerkte den öffnenden Schnitt. Ein Gewicht fiel von ihr wie Erlösung.
Er war gekommen, um Bastien zur Rede zu stellen. Er solle seine Frau in Ruhe lassen. Keine Treffen mehr, keine Chats, keine Mails. Die Demütigung der Affäre solle aufhören. Er blieb lange, sie redeten, als würden sie sich schon immer kennen. Verschämt zunächst, dann offen, zeigten ohne Scham die Wunden ihrer Herzen, als sei Heilung vom anderen zu erwarten. Als er gegangen war, öffnete sie Bastiens Laptop, das er unbedingt ins Krankenhaus gebracht haben wollte. Fand die Dating Portale, las seine Profile, nahm seine Träume zur Kenntnis, war erstaunt, wie jung er sich gemacht hatte, wie viel Hoffnung er sich noch einräumte, war peinlich berührt von seinen Berufsangaben, Ingenieur, Manager, Biochemiker. Sie öffnete seine E-Mails. Bald hörte sie auf, die Namen zu zählen, wollte nicht weiter lesen, die immergleichen Phrasen der perfekten Masche. Gegen Morgen, als das Licht des neuen Tages schon zu riechen war, starb ihr Interesse an Erschöpfung. Ohne Nachthemd, das am Fußende des Bettes lag, schlüpfte sie zwischen die kühlen Leintücher. Durch das geöffnete Fenster rief eine erste Amsel das Ende der Nacht aus.
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