Gespräch mit Dr. H., re: meine Schwester

Es gab eine Zeit, als ich mir fast jeden Abend gewünscht habe, meine Schwester würde entführt. Nicht, dass ich sie nicht leiden mochte oder ihr etwas Böses gewünscht hätte. Im Gegenteil, ich war verrückt nach ihr und hätte sie gerne gerettet, um es allen zu zeigen. Die Polizei würde zu meinen Eltern kommen und ihre Ratlosigkeit eingestehen. „Sie ist einer ganz üblen Bande in die Finger gefallen, die bereits für die Entführung mehrerer Staatsoberhäupter verantwortlich zeichnet. Sie agiert im Grenzgebiet zwischen Anatolien und der Elfenbeinküste (ich mochte diese beiden exotischen Wörter). Wir sind mit unserem Latein am Ende. Was uns bleibt ist Hoffen und Beten.“ Mich würde man völlig ignorieren, was sollte ich auch schon ausrichten gegen diese hartgesottenen Verbrecher! Doch jetzt war meine Stunde gekommen. Im Herzen so kalt wie der Stahl des Krummdolches, den mein Großvater einem molukkischen Nahkampfexperten an der Somme in letzter Sekunde aus der todbringend niedersausenden Hand entwunden hatte, und der jetzt an der nackten Haut meines Oberschenkels befestigt war, kletterte ich lautlos an der Dachrinne hinab und verschwand ohne auch nur das Knacken eines Zweiges durch den Garten, hinter dessen Mauer ich mich für einen möglichen Beobachter in Luft auflöste.

Monikas Entdeckung

Während wir alle durchschittliche Leben führen, sondert das Schicksal, oder wie immer du die allmächtige Verteilerstelle nennen willst, die entscheidet, ob du in den Streichelzoo oder ins Versuchslaboratorium kommst, einige von uns aus der Masse ab und lässt ihnen eine Spezialbehandlung angedeihen. Manchmal mit erschreckend geringem Aufwand. Ewald saß in der Sexta direkt vor mir. Ich wusste, wie seine Fürze stinken, aber auch, wie ein Papier-Katapult, mit einem ordentlichen Einweckgummi geschossen, beim Auftreffen auf den schmalen Hautstreifen zwischen seinem Haaransatz und Hemdkragen, klatschte. Bis ich die Tertia wiederholen musste und ihn aus dem engeren Gesichtsfeld verlor, hätte man ihn als „vielversprechend“ einstufen können. Doch in keine Richtung auffällig. Es gab ein Mal einen Verdacht, der sich jedoch schnell zerstreute, er habe der kleinen Gruppe angehört, die beim Schulausflug in den Odenwald Feuerwekskörper in einen Bullenstall geworfen hatten. Falls er dabei gewesen sein sollte, fehlte ihm die Standhaftigkeit, dabei zu bleiben und sich das Resultat anzusehen.

Lola, ungerettet

Die Erinnerung an die Olymischen Spiele 1968 hat sie mir unvergesslich mit Zigarettenglut in meinen rechten Unterarm eingebrannt, ohne dass ich einen Mucks gemacht hätte. Auch später nicht, als alles vereitert war. Sie hieß Lola und sagte „so vergisst du mich niemals mehr“. Nein, wir haben uns nicht geliebt. Sie hat mich gebraucht, um das Leben am leidenden Objekt zu sezieren und ich hätte ohne sie nie den selbstzerstörerischen Grad meiner Unbeugsamkeit ausloten können. Wären wir auch nur ein wenig selbstsicherer gewesen, hätten wir uns gelangweilt. Lola war the real thing und ist der Grund für meine ab und an durchbrechende Vorliebe für Frauen, die eigentlich in psychiatrischen Institutionen untergebracht sein müssten. Seit mehr als dreißig Jahren lebt sie nun schon im Klinikum für Psychiatrie in Klingenmünster. Ich kann also sehr wohl unterscheiden zwischen langweiligen Frauen, die an ihrer Mittelmäßigkeit leiden und Exzentrik nur spielen, indem sie sich mit weißer Nase wie Berserker aufführen und wirklich durchgeknallten Mädels. Wir hätten uns nie treffen dürfen. Einzeln waren wir harmlos wie Wasserstoff und Sauerstoff, zusammen ergaben wir eine Knallgasexplosion.

Nevermore

Es gibt Restaurants, in denen du dir vorkommst wie im Speisesaal eines Altersheims, wo eine affluente bürgerliche Mittelschicht mit bösem Vorsatz das Erbe der ungeliebten Verwandtschaft durchbringt. Hier herrscht antiquierte Gediegenheit in Eiche rustikal und Terracotta, die Wehmut nach einer Zeit hervorruft, die unwiederbringlich tot ist, deren Leiche aber noch nicht stinkt. Das Publikum mit Durchschnittsalter knapp über siebzig, zwängt keine vom Schlankhungern ausgemergelten, schrumpeligen Biafra-Glieder in die gerade angesagten Mode-Labels und trägt keine Baseball-Caps. Den Nachmittag hat keiner der anwesenden im Fitnessstudio verbracht und das Hüftgold hängt über der Brax- oder Bognerhose. Die Frisuren der Damen sind keinem Stilisten, sondern einem Friseur zuzuschreiben.

Brecht im Bett

„Jeder Mann wird sich schäbig fühlen, wenn er nicht irgendwann einmal Soldat war.“ Dieser bescheuerte Satz stammt von einem englischen Beknackten. Doch nach meiner Erfahrung stimmen die meisten Sentenzen – oder ihre Umkehrung. Du fühlst dich irgendwann schäbig, wenn du Soldat warst. „Ein Mann darf nie von einem Mann Befehle annehmen.“ Das ist einer meiner Leitsprüche für´s Extreme. Er ist nicht zutreffend, auch nicht in seiner Umkehrung, aber er hilft durchzuhalten.


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