Heiner geht noch

Sonyas Verhältnisse waren außerordentich verworren. Zum einen lag das an ihrer ausgeprägten Entschlussfreude bei geringem Beharrungsvermögen, zum anderen an der Unmöglichkeit, das Ideal, das sie für sich anstrebte, mit ihren tatsächlichen Neigungen ein Einklang zu bringen. Trotzdem empfand sie ihre Situation als im Großen und Ganzen gut geregelt. Für ihre drei Söhne hatte sie vier verschiedene Väter. Sie weigerte sich, aus Gründen, die nur vermutet werden konnten, an der Aufklärung der Vaterschaft für ihren Ältesten mitzuwirken, so dass Volker Anhorn und Julian Zemper erbittert darum stritten – natürlich ohne die geringste Aussicht auf Klärung. Dem Jungen schade dies nicht, im Gegenteil, wenn man an die Geschenke zum Geburtstag und an Weihnachten denke, wo sich die beiden Väter durch den Umfang der Geschenke zu legitimieren suchten. Auch die Auswahl ihrer Männerbekanntschaften war nicht immer ganz astrein. Im statistischen Mittel waren sie altersmäßig angepasst, doch nur weil sie viel älter oder viel jünger waren. Nasser, aus begütertem Haus, musste Afghanistan in einer Nacht-und-Nebel-Aktion verlassen, nachdem bei einem Buzkashi, ein Sport, wo zwei Reiterhorden sich um einen Ziegenkadaver streiten, Sodomie-Gerüchte aufgekommen waren. Die Sache mit Bernd hatte das Zeug zu etwas Dauerhaftem.

Tammies Mutter

Mein Verhältnis zur Staatsgewalt ist ideologisch belastet. In meiner Jugend, auf der Suche nach einer Begründung, warum ich unbehelligt Kiffen und ohne Führerschein Auto fahren dürfen sollte, verfiel ich auf den Anarchismus. Zum einen war es in den Siebzigerjahren unmöglich, ernsthaft einen Standpunkt zu vertreten, der nicht ideologisch fundiert war; zum anderen von unschätzbarem Vorteil beim Aufreißen von Teenies, wenn man ein dialektisch unangreifbares intellektuelles Fort besaß. Die Ritter der 68er-Generation galoppierten hoch zu Theorie in die Minne-Schranken. Wie alle Teenager-Generationen seit der Erfindung des Lendenschurzes, wurde mehr argumentiert, um die eigene rhetorische Überlegenheit zu demonstrieren, als um ernsthaft Standpunkte zu vertreten. Politisches Verhalten also. Damals habe ich mir in zwei, drei durchkifften Nächten eine Ideologie zusammengezimmert, die Angriffen, hauptsächlich aus der kommunistischen Ecke, standhielt. Nicht etwa auf bestechende logische Schlüssigkeit, sondern auf dem einkalkulierten Nichtwissen des Gegners gegründet. Wer, bitteschön, sollte einen dialektisch gespannten Erörterungsbogen von Proudhon über Kropotkin, unter Berücksichtigung der Deutschen Mackay und Stirner bis zu dem meinen Neigungen am nächsten kommenden Bejamin Tucker intellektuell unbeschadet überschreiten?

Die Nacht mit Miriam und Clausewitz

Die Römer brannten entlaufenen Sklaven ein „F“ für „Fugitivus“, d.h. „Entlaufener“ in die Stirn, damit alle gewarnt waren, nach dem Motto „wer es einmal tut, versucht es wieder.“ Ich kenne etliche Personen, denen man ein „Ä“, wie „Ärger“ zum Wohle ihres Umfeldes in die Stirn brennen sollte. Miriam ist eine davon. Kennengelernt habe ich sie, als ich noch Freunde hatte. Georg hat sie angeschleppt, zehn Minuten später hat sie den ahnungslosen Christian gebumst, der deshalb von der ganzen Clique als Kameradenschwein geächtet wurde. Dabei hat sie dir den Hosenlatz aufgemacht, schneller als du Mercedes Benz sagen konntest. Miriam ging aus fast jedem Anlass an fast jede Hose. Wenn sie sich freute, wenn sie traurig war, wenn sie Angst hatte, wenn sie dankbar war. Bei jeder Gefühlsregung, und Miriam war eine gefühlvolle Frau, griff sie nach dem nächstbesten Hosenlatz. Man konnte den Eindruck haben, es handele sich um eine Art Begrüßungsritual, wie das Nasenreiben bei einigen Naturvölkern. Bevor er sich versah, war mein bester Freund, Fabian, auch schon von Miriam begrüßt worden und hatte sich unsterblich verliebt.

SIE

Wir waren jung, sie war meine ganze Hoffnung, mehr hatten wir nicht. Ohne sie hätte ich nicht weiterleben wollen, und wir wollten dem Winter nach Spanien entfliehen. Von einem Ortsverein der Jungen Union auf der Sickinger Höhe hatten wir einen alten Ford Transit Kastenwagen gekauft und mit Spanplatten zum Campen ausgebaut. Auf ein Nicken von ihr hätte ich alles gebaut. In Garmisch schliefen wir auf dem Parkplatz eines Hotels der amerikanischen Armee. Der Schnee war in Gassen geräumt und türmte sich höher auf als das Auto. Wir schliefen in leichter Kleidung eng aneinander geschmiegt unter einer ausrangierten riesigen, klammen Daunendecke meiner Oma. Unser Atem war sichtbar und stieg im Kerzenschein auf wie Weihrauch zu den Laudes eines neuen Kultes für die Ewigkeit. Ich erwachte durch ihr Zähneklappern und ließ den Motor an, die Heizung auf volle Pulle. „Ich muss pinkeln.“ „Ich auch.“ Fast nur in Unterwäsche, ohne Socken in den Schuhen, stiegen wir gemeinsam aus dem Auto. Zu spät dachten wir an den defekten Verschlussmechanismus der seitlichen Schiebetür. Wir standen schlotternd vor dem Bus, dessen laufender Motor im Stand zum Überhitzen neigte.

Lydias Rasur

Man ändert sich nicht. Außer Fußballspielen habe ich mich nie für Sport interessiert. Ich hatte deswegen immer ein schlechtes Gewissen. Als Teenager glaubte ich, Langstreckenlauf gehöre unabdingbar zur Ausbildung eines Kriegers, der ich sein wollte. Das war vor dem Erscheinen von Warren´s „Der Langstreckenläufer“, was der Sache ihr schwules Image verpasste. Danach wollte ich meine schwächliche Muskulatur durch Gewichtheben aufbauen, was mich in die Arme der Ringer trieb, von wo ich folgerichtig über Karate (Handbruch), bei den Boxern landete, die mir in der zweiten Trainigsstunde das Nasenbein zertrümmerten. Spätestens da kamen Selbstzweifel auf, ob ich mich wirklich als Kämpfer stählen wollte, oder nur als latent machoschistisches Arschloch meine Triebe ausleben wollte. Machoschismus brauchst du, um zu gewinnen, sogar um nur zu überleben. Sie werden dir weh tun, dir deine Seele bei lebendigem Leib häuten und das Salz deiner Tränen in die Wunden streuen. Aber das muss man nicht vorher üben, das kommt früh genug. Jahrzehntelang habe ich nichts schwereres gehoben als einen Stein Bier.


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