Schadenfreude

Zwei Männer gehen durch den Wald und treffen auf einen Bären. Der eine kramt seine Laufschuhe aus dem Rucksack. „Du kannst doch nicht schneller rennen als ein Bär“, meint der andere. „Muss ich auch nicht, nur schneller als du.“
Schadenfreude ist menschlich, Tiere sind zu dieser Emotion nicht fähig. Sie scheint eine sehr deutsche Angelegenheit zu sein. Wie „Gemütlichkeit“, „Kindergarten“ und „Weltschmerz“ machen andere Sprachen bei uns Anleihen, wenn sie das Gefühl beschreiben wollen, das Fräulein Tippse überkommt, wenn Herr Chef, der sie zum x-ten Mal grundlos zusammengestaucht hat, mit vollem Kaffeebecher auf der Bananenschale ausrutscht, auf den fetten Allerwertesten ploppst und die braune Brühe über das weißgestärkte Hemd kleckert. In englisch, französisch, italienisch, spanisch, portugisisch und polnisch heißt das treffende (Fremd-)Wort „Schadenfreude“. Rar, vielleicht deshalb so erhebend, sind Mitleidsbezeugungen für den Unterlegenen, wie das Gedicht von General Hao , einem Gesinnungsgenossen Sunzi´s, dem sein abtrünniger Schüler Ihsu nach dem Leben trachtete:

Was nun,
da der fiebrige Sommer deines Blutrausches verglüht,
ohne dein gierig dürstendes Schwert mit meinem Blut zu kühlen?
Was nun,
da deine Kriegskunst Blendwerk und Tand,
deine Heere im Winterlager der Verzagtheit, geflohen in die Berge der Verzweiflung?

Waldi und das Mädchen

Die besten Jahre meiner Jugend habe ich in Gefängnissen und psychiatrischen Anstalten zugebracht. Aus Scham. Weil ich nicht darüber sprechen wollte. Ich kann diesen ganzen Psychoscheiß nicht mehr hören. Von einem Beamten, der in der Landesklinik im selben Schlafsaal lag und Platon im Original las, habe ich mir Griechisch beibringen lassen. Παράνοια, im Griechischen heißt Paranoia nur „neben dem Verstand“, „verrückt“. Im Deutschen kann ich dir im Schlaf sämtliche Zusammensetzungen herunter leiern. Beim ersten Mal war es noch eine neurotische Form einer paranoiden Neigung. Später wurde bei mir eine schwere paranoid-psychotische Ausprägung diagnostiziert, angeblich mit schizophrenem Syndrom. Ich bin genauso wenig bescheuert wie du, ich wollte nur nie über die Gründe reden, warum auch? Gehst du etwa am nächsten Tag zu den Gastgebern einer Party zurück, die du kaum kennst, und sagst, „wenn Sie den suchen, der Ihnen gestern Abend in den Kleiderschrank gekotzt hat, brauchen Sie nicht weiter zu suchen, Sie haben ihn gefunden“? Natürlich machst du das nicht. Hat sich schon einmal jemand gemeldet, wenn einer im Bus gefragt hat, „welche Drecksau hat hier die Luft verpestet!?“ Du schon gar nicht; nix mehr von wegen „ich bin ein Zauberer, ich kann die Luft stinken lassen“. Aber gut, ich habe sie schließlich übel zugerichtet, alle.

Mit meinen eigenen Augen

Im zarten Alter von vierzehn Jahren empfand Gudrun ihre Jungfäulichkeit als derart demütigend, dass sie ihr Hymen, das Zeichen männlicher Ablehnung, von ihrer fingerfertigen Freundin auf der Toilette des „Rialto“ entfernen lassen wollt. Keine der beiden hatte eine Vorstellung, wie das Ding aussehen sollte. Sie gingen davon aus, dass der Normalfall die in Wirklichkeit nur ganz selten auftretende Hymenalatresie darstellt, wobei das Hymen die gesamte Vaginalöffnung verschließt. Was als angestrengte Aufgabe begann, endete, obwohl kein Blut floss und kein Einreißen feststellbar war, für beide Seiten derart angenehm, dass man den Versuch mehrmals wöchentlich in ruhigerer Umgebung wiederholte. Der ernsthafte und erfolgreiche Angriff auf ihr annular ausgebildetes Jungfernhäutchen sollte noch eine ganze Weile auf sich warten lassen. Obwohl sie selbst glaubte, sich willfährig, beinahe promisk, zu gebärden, kamen ihre Signale bei dem anderen Geschlecht als einschüchterndes, überhebliches Gehabe an. Das lag, glaube ich, an ihrer wahnsinnigen Schönheit. Ich werde nicht den bescheuerten Versuch einer Beschreibung machen. Stelle dir einfach die schönste Schwarzhaarige mit dunkler Haut vor, die deine Phantasie hergibt und du kennst Gudrun.

Glasperlentand

Eins um das andere, als mache der Herr des Maimarktes schweren Schrittes die nächtliche Runde durch sein Jahrmarkt-Haus, erloschen die Lichter der Süßwarenstände. Die Fahrgeschäfte spielten keine Musik mehr, und die Losverkäufer waren zu müde zum Animieren. Die Mutigen, die keine Angst hatten, nicht zu gehen, wenn es am schönsten ist, drängten sich in der Lichtoase des Schwarzwaldhauses und versuchten, durch rituelles Trinken von Wodka-Feige, Pflaumen in Zwetschgenwasser und Himbeermus in Himbeergeist, das kleine kurze Glück zu konservieren. Wenn man nur lange genug wartete, wer weiß, vielleicht käme das große Glück vorbei, ließe sich festhalten, mit nach Hause nehmen.

Tamara

Ich bin Trinker. Dazu bin ich nicht aus Kummer oder als Folge einer schweren Kindheit geworden, sondern aus Angst. Meine Selbstdiagnose, als die Schmerzen im Oberbauch in immer kürzeren Schüben auftraten, war eindeutig: Magenkrebs. Später änderte ich sie noch einmal in Bauchspeicheldrüsenkarzinom. Auf alle Fälle Endstadium. Ich werde mich nicht in die Hände von Ärzten begeben, die während ihrer Ausbildung Leichen aufgeschnitten haben. Ebenso wenig werde ich mich in ein Krankenhaus-Zimmer legen, das dermaßen verseucht ist, dass vor der Tür ein Desinfektionsspender hängen muss, damit sich das Personal beim Hinausgehen die Pestilenz abtöten kann, währen ich drinnen mit jedem Atemzug einen todbringenden Bakterien-Cocktail einatme. Das einzig wirksame Mittel gegen meine unerträglichen Schmerzen war ein richtig steifer Grog in einem heißen Bad. Als ich schließlich komatös in ein Krankenhaus eingeliefert wurde, wo man mir die Gallenblase entfernte, die nur noch ein Stein-Aufbewahrungs-Beutel war, war meine Haut vom Baden ruiniert, und ich hatte mich an Grog statt Tee zum Frühstück gewöhnt.Nein, das ist keine Entschuldigung oder Rechtfertigung, nicht einmal eine Erklärung.


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