Rache

Er wird sich wahrscheinlich wehren, was ihm aber nichts nützen wird. Starke Arme, erbarmungslos durch die Absolution des Nur-Gesetze-Befolgens, werden Majid fesseln. Ein gesetzestreuer Arzt wird ihn narkotisieren. Majid wird nicht zählen und auf den Schlaf warten, an dessen anderem Ende Heilung steht. Schreien wird er, bettelnd ihren Namen rufen und nie wieder einschlafen wollen, weil am anderen Ende seines Schlafes mit verschränkten Armen die Verzweiflung wartet. Nun kommt die Stunde der Ameneh Bahrami. Nein, es wird keine Stunde dauern. Obwohl sie es so lange ausdehnen möchte wie möglich, wird es in ihrer Erinnerung nur ein kurzer Augenblick sein. Ihre Hände werden sich orientieren auf dem Gesicht, das ihre für immer blinden Augen als Letztes gesehen haben. Die Augen wird sie suchen, deren Lider ein helfender Arzt (in diesem Berufsstand findest du immer einen, der alles mitmacht, wenn es nur gesetzlich erlaubt wird) offen hält. Zwanzig Tropfen Säure. Für jedes Auge. Als Rache. „Er hat sie geliebt, hat um ihre Hand gebettelt. Seine ganze Familie hat ihre Familie umworben“, werden seine Freunde sagen. „Er hat sie nicht geliebt, er war besessen“, sagen ihre Freunde.

Fuck off!

Auf dem Ostwind kam ein verstohlener Hauch von Meer, hauptsächlich von faulem Fisch, geritten. Weniger Salz, denn das Schwarze Meer, Tscherno more in bulgarisch, hat lediglich eine Salinität von etwa siebzehn Promille, das ist weniger als die Hälfte des Mittelmeers. Der müde Schein am östlichen Horizont waren die von den Wolken reflektierten Lichter von Warna. Im Norden türmte sich der träge Rücken des Balkans. Der Boden am Rande der kleinen Industriebrache war sandig und mit Flecken von hartstieligen Gräsern übersät wie die Felle der räudigen Hunde, die sie am Morgen in erbärmlichem Zustand in den Drahtverschlägen vorgefunden hatten. Die Tierschützer waren in einer zehnköpfigen Gruppe angereist. Das Gepäck überladen mit moralischem Anspruch, Enthusiasmus, wilder Entschlossenheit und Spendengeldern. Das Elend der Hunde sollte beendet werden! Yelina, ihre bulgarische Führerin und Übersetzerin sah sich die Hochglanzbroschüre mit deutscher Tierheimausrüstung an und meinte, „das ist schöner als unsere Kinderheime.“ Heike aus Berlin weinte als sie die eitrig verquollenen Augen der Tiere sah, die schwärigen Läufe, angeschwollen zu elefantöser Dimension, die offenen Wunden, in denen Maden sich wuselnd um Eiterbällchen balgten. Das Wasser, wenn es überhaupt welches gab, ein amorphes Algengeglibber.

Nie sollst du mich berühren!

Schmächtig war er, Horst, als Kind. Befallen von der Ängstlichkeit der Armen, die die eigene Kraft fürchtet. Von ängstlichen, ich-schwachen Eltern von jeder Art potentiell Regress verursachendem Spiel ferngehalten, war er ein Muster von Anpassung. „Wenn du Schaden verursachst, müssen wir ihn bezahlen, dabei kann das ganze Haus drauf rutschen,“ schärfte ihm seine Mutter ein. Steinewerfen? „Dabei können Fensterscheiben zu Bruch gehen“, beim Fußballspielen auch. Hockey spielen mit Glückskleedosen? „Wie schnell ist ein Bein gebrochen!“ Zurückschlagen, wenn ihn die Rabauken auf dem Schulhof drangsalierten? „Die legen sich auf unsere Kosten ins Krankenhaus.“ Mit Pfeil und Bogen schießen? „Ein Auge ist schneller ausgeschossen als du gucken kannst und du zahlst bis an dein Lebensende.“ Als er eingeschult und so dem mütterlichen Regimentsbereich entzogen wurde, geschah dies nicht, ohne dass man ihm ein paar prägende Verhaltensmaximen einer Pädagogik-Sonderbeilage des „Christlichen Pilgers“, Presseorgan des Bistums Speyer, entnommen, mit auf den Weg gab: 1. „Bei allem was du machst, frage dich zuerst, was würde deine Mutter dazu sagen“ Und schlimmer noch: 2.

Acapulco Gold

Als ich ihn kennenlernte, hatte er gerade sein Studium der Literatur und Theaterwissenschaften abgeschlossen und bewohnte eine große Wohnung in einem Abriss-Haus in der Luisenstraße, zusammen mit einem hässlichen Hund. Irgendwoher hatte er eine Jute-Tasche voll „Acapulco Gold“ das er sich mit dem Köter reindröhnte. Ich weiß nicht, wer auf das Zeug mehr abfuhr, er oder der beknackte Hund. Seine Wohnung war mit Laufstegen durchzogen. Dazu hatte er Holzbohlen auf Hohlblocksteine gelegt. Es gab Abzweigungen: zum Herd, zum Sofa, zum Bett. Die Bohlengänge waren sicher. Wer vom Weg abkam, trat in Hundescheiße, die in sämtlichen Aggregatszuständen von „Flüssig“ bis „Versteinert“ überall in der Wohnung herum lagen. Er war zu faul, um das Viech raus zu bringen, und der Köter war ohnehin nicht zu bewegen, die Bude zu verlassen. Einfach und harmonisch war das Zusammenleben mit der süchtigen Bestie nicht, die schon morgens zähnefletschend eine Dröhnung durch die hohlen Hände in die Schnauze forderte und umsichbiss, wenn es zu lange dauerte. Die Jute-Tasche war noch nicht halb leer, als sich niemand mehr dem Gestank der Bude und der üblen Laune des Köters aussetzten wollte und er mit seinem Hund und dem „Acapulco Gold“ tagein tagaus alleine vor sich hin törnte.

Das Kalb

Schwer schlug die schwielige Hand an die Haustür aus Kiefernholz. Eine Klingel besaßen sie nicht, tagsüber stand die Tür offen, nachts erwarteten sie keinen Besuch. Sie schreckte hoch, als er schon auf dem Weg zum Fenster war. Während er leise aus dem Fenster sprach, war sie schon wieder in die Sicherheit des behüteten Schlafes geglitten. Er zog sich hastig im Dunkeln an und stieg die knarrende Treppe des ehemaligen Bauernhauses hinab. Er bedeutete dem enttäuschten Setter, dass er nicht mitkommen könne. Fröstelnd überquerte er die Straße, seinen Atem als wabberndes Band hinter sich herziehend, und trat in den Kuhstall. Der Nachbar trug seinen speckigen Hut, der einmal olivgrün gewesen war, und dessen Cord-Rillen teilweise abgegriffen oder durch Schmutzanlagerungen eingeebnet waren, in schüchternem Winkel auf dem Kopf. Es war kurz nach drei Uhr morgens, die Bäuerin stand nervöshändig in einer Ecke, der Sohn ging verlegen den Mittelgang auf und ab. Zwei Männer aus der Nachbarschaft, die ebenfalls geweckt worden waren, unterhielten sich halblaut und schleppend. Die Augen der Kuh waren Schmerz-geweitet, sie dünstete Erschöpfung aus.


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