Die Rose

Der Makler war jung und dynamisch; beides in einem Ausmaß, dass ihn die seriösere Klientel der Stadt mied. Den Erfolg suchte er durch Methoden zu zwingen, die er auf seinen Amerikareisen gesehen hatte. Hans hatte ihm den Auftrag erteilt, weil er seinen Vater kannte und es ihm peinlich gewesen wäre, jemand anderen zu beauftragen und er es ohnehin nicht besonders eilig hatte. Er bereute es, als der junge Mann an zwei Pfosten eine riesige Werbetafel im Vorgarten aufstellte. Durchgestilt, in gediegen daherkommenden Brauntönen gehalten, vermeldete es :“Wieder ein Haus durch Bauer Real Estate Inc. zu verkaufen.“ Dazu ein Konterfei des Jungtycoons, das konfirmandenhaft wirkte, dazu Geschäftsadresse, E-Mail Adresse, Telefonnummer, Faxnummer, Handynummer und Homepage, nur die Konfektionsgröße der Unterwäsche fehlte. Der Nachwuchsmakler war zufrieden. Nur den Garten könne man so nicht lassen. „Wir reden hier über mindestens fünfzehntausend Euro Abschlag, wenn Sie die verwahrloste Dschungellandschaft nicht beseitigen lassen.“ Er empfahl auch sofort eine Firma, die einem seiner Freunde gehörte, von dem er vermutlich für jeden vermittelten Auftrag einen satten Kickback einsackte.

Heimkehrer

Sie kommen zurück. Aus München, Berlin, Paris, Zürich, Filderstadt, New York, Schottland oder einem kleinen Kaff in Australien, das auf keiner Karte zu finden ist. Sie kommen zurück, getrieben von einem nicht benennbaren Instinkt der Sehnsucht.Manche verließen die Stadt als kraftstrotzende, unbändige junge Überflieger, unter deren brachialem, unzähmbarem Tatendurst man die Nähte der zu engen Heimat bersten zu hören glaubte. Manche schlichen fort mit eingezogenem Schwanz, konnten Erwartungen nicht erfüllen, Hürden nicht überwinden, hofften auf ein leichteres Umfeld in der Fremde. Und manche gingen, weil es das Schicksal einfach so entschied, folgten Männern oder Frauen, nahmen Versetzungen an, die den Weg zurück versperrten. Irgendwann fanden sie sich so weit draußen, dass sich die Umkehr nicht mehr zu lohnen schien angesichts der lockenden Gestade auf der anderen Seite. Einige hat man zwischendurch gesehen, wenn sie die Eltern besuchten, Unaufschiebbares erledigten oder im Urlaub vorbeikamen, weil es auf dem Weg lag. Anderen wird man wieder vorgestellt und sucht in dem gefurchten Mienenfeld ängstlich nach den bekannten jungen Gesichtszügen von einst.

Steffens Geburtstag

Seine Geburtstagsparty feiert er stets an einem der ersten Maiwochenenden, je nachdem, wie das Datum fällt und was der Wetterbericht prognostiziert. In den Achtzigerjahren erfolgte dies stets mit Massen von Gästen unter Abspielen der angesagten Musik in größtmöglicher Lautstärke unter Missachtung sämtlicher otologischer Erkenntnisse. Zu deutsch: es gab immer kräftig auf die Ohren bis Blut lief. Er ist der einzige Vater meines Bekanntenkreises, bei dem sich der Sohn über die Lautstärke seiner Musik beschwerte. In den Neunzigern wurde die Musik etwas leiser, nur einmal noch, das war aber zu Silvester, hatte er über hundert Leute eingeladen.

Schädlingsbekämpfung

Im letzten Sommer, aus heiterem Himmel, ohne erkennbaren Anlass war er da: Schädlingsbefall!
Zunächst ist das peinlich, man spricht nicht darüber, aus Angst, man könnte für schmutzig gehalten werden. Von nichts kommt nichts. Syphilis fängt man sich auch nicht auf der Klobrille ein. So etwas hatte ich noch nie erlebt, mir fehlten gänzlich die Abwehrmittel. Kleine, unspektakuläre, eineinhalb Zentimeter große Falter kreuzten in unbeholfener Flugbahn den Luftraum meiner Küche. Sie waren nicht nur schlechte Flieger, sie waren auch noch faul und saßen an den Wänden herum. Auf den ersten Blick von langweiliger, düster grauer, freudloser Farbe, waren sie bei näherem Hinsehen jedoch herausgeputzt und aufgemotzt wie Grufti-Penner zum Freibierfassen. Das Dunkelgrau hatte filigrane Ton-in-Ton-Muster von perfekt abgestimmtem Hellgrau.

Unbesiegbar

Viele Tische blieben unbesetzt im Restaurant der Gebrüder Meurer. Vielleicht lag es an der Finanzkrise oder an der Jahreszeit. Die verweichlichte Gartenlandschaft in Großkarlbach bibberte im pfälzischen Winter nach südlicheren Gefilden wie ein verarmtes Jüngelchen ohne Mantel. Wir waren nicht mehr hier seit man uns rausgeschmissen hatte; vor über zwanzig Jahren. Die Grandezza des Sommers, damals auf der Terrasse, hatte der grauen Bescheidenheit von angeschmutzten Schneehaufen Platz gemacht. Die phallisch strotzenden Zypressen wirkten aufgesetzt, die Orangen- und Zitronenbäumchen waren in Sicherheit gebracht. Sogar die hochnäsigen Bedienungen, bei denen ich früher immer den Eindruck hatte, beim letzten Mal die Rechnung nicht bezahlt zu haben, quälten sich ein Lächeln ab, als hätte man eine Stellschraube an den Wangen angezogen. Samt und sonders zu jung, um sich an damals zu erinnern. An die heiße Sommerwoche, die sie zu Besuch war. Als wir fast täglich mit der Abendkühle die Haardt herunter fuhren, der Wagen angefüllt mit dem süßlichen Parfüm unserer frisch geduschten Körper mit einer Kopfnote von Sex, unsere Deos ineinander verwirbelt. Dort drüben, ganz rechts, direkt an der Mauer, etwa, wo jetzt die Schneeschaufel lehnte, stand unser Tisch. Ich erinnerte mich, ihr Kostüm, unter dem sie nichts trug, war von einem reinen Weiß wie die Tischdecke.


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