Lotto

Gerhard und Horst hatten ihr samstägliches Ritual, das Regelmäßigkeit in ihren Wochenablauf brachte und auf das sie sehr ungern und nur aus wichtigem Grund verzichteten. Sie trafen sich immer gegen 11.00 Uhr, schlenderten über den Wochenmarkt, grüßten hier Bekannte, unterhielten sich dort kurz ohne sich festzureden und besuchten anschließend in variabler Reihenfolge einige Läden, bis sie sich zum Abschluss ihres Jour fixe gegen 13.00 Uhr zu einem Bier setzten.

Der Gewinner

Ralf war Durchschnitt mit verkorkstem Leben, weil man Überdurchschnittliches von ihm einforderte. Als frühen Beweis seiner Lebensuntüchtigkeit hatte der Dreijährige eine Tasse frisch aufgebrühten Kaffee vom Tisch gezogen. Die Brandwunde auf der Wange heilte, doch hinterließ sie eine rote Narbe wie ein flammendes Kainsmal. Die Kinder hänselten ihn damit und nannten ihn „Rotbäckchen“; später mieden ihn die Mädchen und nannten ihn „Makaken Arsch“. Die schönsten Jahre seines Lebens war die Studienzeit in Heidelberg. Die Juristerei entsprach zwar nicht seinen Neigungen, doch der dynastisch denkende Vater gefiel sich in der Rolle des Begründers einer juristischen Familientradition. Schnell fand er unter den Kommilitonen einen Freund, und Krankenschwester Iris, eine lokale Schönheit mit wilder Blondmähne und zartem Schamflaum schenkte ihm ihre Gunst. So verlor er am Neckar seine Unschuld und vielleicht auch sein Herz, was beides wahrscheinlich nur einmal möglich ist und hatte den besten, genau genommen den einzigen Sex seit er als 14-Jähriger den Job des Hundesitters bei den Nachbarn verloren hatte. Sie hatten Heiratspläne. Er trat in die väterliche Kanzlei ein, Iris zog in seine Stadt, obwohl er es nicht wagte, sie den Eltern vorzustellen. Er wohnte bei den Eltern und verschaffte ihr eine Stelle im San-Bereich des Gefängnisses.

Ratschläge von der Grenzlinie

Ich habe mich gestern aus Mitleid mit Ben Johnson fotografieren lassen. Der einstmals schnellste Mann der Welt war zu einem Eierlauf an den Altenhof gekommen. „Renn gegen Ben“- vor der Handwerkskammer. Den Mann, dem einst Stadien voller Enthusiasten zugejubelt hatten, wollten weniger Menschen sehen, als ihn früher Kamerateams filmen wollten. Ich hasse die Schleimer, die sich an Prominente heranmachen, wann immer sie einen aufspüren können. Aber als er so da stand, an diesem diesigen Herbstnachmittag, kleiner, unscheinbarer, schwarzer, entbehrlicher Mann, sah ich Peinlichkeit und Heimatlosigkeit in seinen Augen. Ich überwand meine Scheu und ließ mich von seinem eigens mitgebrachten Fotografen mit ihm ablichten. „You are the greatest“, sagte ich, und er war dankbar, obwohl er wusste, dass ich log. Auf dem Foto legen wir uns gegenseitig die Arme auf die Schultern, obwohl ich Nähe hasse.

Hilfloshelfer

Nachts kannst du die Uhr nach ihm stellen. Alle zwei Stunden erwacht er aus breiigen Morastträumen. Um sein Bett herum stehen mehr leere Flaschen als im Leergutlager einer Großkneipe. Er trinkt mit geschlossenen Augen. Drüben antwortet der heißere Krammetvogel den traumwirren Rufen des Pestgeiers. Er will den Wohnblock nicht sehen, der seinen Hinterhof bedroht. Am Grau, das durch seine Lider dringt, erkennt er , ob es schon gröbelt; sein Zimmer geht nach Osten. Giselher ist Spiegeltrinker. Manchmal, an der Tagesscheide, blitzt Verständnis auf und er glaubt, die Zusammenhänge des Lebens verstanden zu haben, aber er kann das Wissen nicht festhalten. Der Verlust macht ihn unsäglich traurig. Manchmal liegt er in seinem Kinderbett, auf dem Hof scharren glucksige Hühner und Mutter hantiere in der Küche. Bald ist Frühstück. Durch das geöffnete Fenster strömt der süßliche Duft der Krummetmahd; der Wald hallt wider von unbeschwertem Lachen. Die Borden leiern, wenn Mutter vorsichtig an seinem Zimmer vorbeischleicht, um ihn nicht zu wecken. Er zieht den Alkohol um seinen schlotternden Körper wie eine flauschige blaue Decke.

Le cul qui rie, der lachende Arsch

Es gab auf den ersten Blick keinen Grund, weshalb Gerd Obermann bei den Frauen keinen Erfolg hatte. Dennoch hatte sein Sexualleben nicht nur nicht den Umfang, den er sich gewünscht hätte, es fand überhaupt nicht statt. Dabei war er Mitte vierzig, vielleicht etwas kleiner als der Durchschnitt, dafür im Vollbesitz seiner Haare, die nicht einmal Grauspuren oder Zeichen baldigen Ausfalls aufwiesen. Seine Erscheinung wäre in der Rubrik „Herzenswünsche“ der Lokalzeitung treffend mit „gepflegt“ beschrieben gewesen. Er kleidete sich nicht stutzerhaft oder auffällig, unterschied sich jedoch garderobemäßig deutlich von Prekariatsangehörigen. Er war in der Buchhaltung einer namhaften Firma für ökologisches, artgerechtes Tierspielzeug beschäftigt - in leitender Funktion. Gut, vom Temperament her war er nicht der Typ des Alleinunterhalters bei Betriebsausflügen oder einer, über dessen Erlebnisberichte vom Wochenende die Kollegen in der Raucherecke sich montags die Schenkel klopften. Aber er konnte durchaus in frivole und abenteuerliche Stimmung kommen. Dann wechselte er vom üblichen Old Spice Rasierwasser zu einem Eau de Toilette von Dolce und Gabana. Seine Ansprüche an die Frauenwelt waren auf Rudimentäres beschränkt, mehr als Verfügbarkeit zu erhoffen, hätte er als Spielversuch außerhalb seiner Liga erachtet.


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