Autobahnkirche

Ja, er hat es getan. Er streitet es nicht ab. Obwohl, wenn du mich fragst, es gehören immer zwei dazu. Und man muss die Gründe berücksichtigen, nicht so aus der Lamäng urteilen ohne den Hintergrund zu beleuchten. Er hat schließlich gelitten, über Jahrzehnte. Wenn man bedenkt wo er herkommt, die hinterwäldlerische Umgebung, wo noch heute der Pfarrer und der Lehrer Ehrfurcht erwecken. Nein, nein, mein Lieber, das bleibt nicht in den Kleidern hängen, das prägt. Da ist nichts zu machen mit der Vernunft. Die sitzt im Gehirn ganz oben, die ist neu in der Entwicklungsgeschichte.

Smoke again, Sam!

Ich bin kein Raucher. Schon lange nicht mehr. Ich war einer der ersten, die das Zigarettenrauchen auf dem Altar der Ökonomie opfern mussten. Zu Beginn des volkswirtschaftlichen Niedergangs der Republik in den 90er Jahren des letzten Jahrhunderts, fand ich mich mit der Entscheidung konfrontiert: Rauchen oder Saufen. Beides zusammen konnte ich nicht mehr ausführen. Ich habe mich für das entschieden, was ich öfter tue und das Rauchen aufgegeben. Um die Grausamkeit eines solchen Entscheidungszwangs begreiflich zu machen, muss man wissen, dass ich meine Sozialisation in einer Zeit erfahren habe, als Rauchen ein Männlichkeitsritus und Statussymbol war. Nur wenn du rauchen konntest ohne zu husten, durftest du in der Schonung den begehrten Part des Doktors spielen. Mit fünf gab ich schon den Chefarzt, dem die einzige verfügbare Patientin des Viertels, die sechsjährige Helena, sich öfter zwecks ausgiebiger Untersuchungen anvertraute als irgend einem anderen der siebzehn niedergelassenen Ärzte, die teilweise schon sieben oder acht Jahre alt waren.

Alternde Alphas

Wenn ein neugewählter Pabst aus der Kapelle des heiligen Gregor heraustritt, wird ein Bündel Werg verbrannt und man ruft ihm drei Mal zu: „Sic transit gloria mundi – So vergeht die Herrlichkeit der Welt“. Die Beherzigung dieser Weisheit ist einem Sterblichen selten gegeben. Hoffart und Überheblichkeit bilden den Straßenbelag, auf dem das Alphatier an die Spitze klettert. Applaus brandet auf vom mittelmäßigen Publikum. Doch die Spitze ist klein und umkämpft, und das Spektakel des jähen Absturzes delektiert die Zuschauer mehr als das mühsame Emporklettern.

Galvanisiert

Die Natur verhält sich uns gegenüber sehr misstrauisch. Wenn sich eine Eigenschaft in der evolutionären Entwicklung als nützlich erwiesen hat, beraubt sie uns der Freiheit, diese nach eigenem Willen, mit dem es offensichtlich nicht von weit her ist, anzuwenden. Sie verankert sie statt dessen in unserem genetischen Code. Das Zusammenleben in unserer nach-steinzeitliche Gesellschaft verdankt viele Probleme und Auswüchse einer genetischen Codierung, die unseren Fell-bekleideten Vorfahren das Überleben sicherten, sich heutzutage aber störend auswirken. Egon kam die Sammelleidenschaft in ihrer Unterform des Trophäen-Sammelns in die Quere. Dabei machte es im Paläolithikum Sinn, wenn ein junger Mann die Zeichen seiner Siege sammelte und eine Kette mit Bärenkrallen, Wolfszähnen und sonstigen Körperteilen gefährlicher Tiere um den Hals trug. Es machte ihm stets bewusst, dass er ein Überwinder war und Gewinner setzen sich am Ende immer durch, es zeigte seinen Geschlechtsgenossen, wie gefährlich und den Mädels, was für ein Riesen-Typ er war. Die Aura des Siegers ist der halbe Sieg. In der Steinzeit war das Männerkettchen also eine nutzbringende Sache. Auch viel später noch, als das männliche Vermögen, ein guter Jäger zu sein, auf das Vermögen generell reduziert wurde, war die dicke Goldkette ein wirksames und aussagekräftiges Symbol.

Schwester Rosa

Leise, um die Aufmerksamkeit der Nachtschwester nicht zu erregen, schloss er behutsam die Tür zu Zimmer 11, Haus 9, Ebene 7 des Städtischen Krankenhauses hinter sich, schlüpfte durch die Stationstür, ohne den automatischen Türöffner zu betätigen, bestieg den Fahrstuhl eine Ebene tiefer und trat durch den Haupteingang in die desinfektionsmittelfreie Nachtluft, die ihm wider besseren Wissens ein Gefühl von Gesundsein vermittelte.
Er hatte zu lange gewartet, um hoch erhobenen Hauptes zu gehen. In dem verlassenen Einzelzimmer ließ er die ausgebreitete Schande, die unauslöschliche Scham in dem eingekoteten Bett zurück. Er konnte sich nicht bewusst erinnern, je in seinem Leben ins Bett geschissen zu haben. Gepinkelt, ja. Das war damals unendlich peinlich, weil es im Suff im Bett einer Bekannten geschah. Er war im Traum umhergeirrt, zuerst auf der Suche nach einer Toilette, dann nach einem unbeobachteten Eckchen. Doch jedes Mal tauchten Leute auf und störten ihn. Als er endlich einen Baum gefunden hatte, lehnte er sich mit der Stirn dagegen und ließ es einfach laufen. Er hörte auch nicht auf bevor er fertig war, als er durch die flüssige Wärme, die in die Kuhle seines Schoßes lief, aufwachte. Er lächelte milde bei der Vorstellung der ehemaligen Bekannten, die ihre Lover wahrscheinlich noch immer auf dem verpissten Bett empfing.


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