The naked truth

Als Viktor Formwandler seinen Schniedel in die Kamera hielt, war er jung und brauchte das Geld. Der Aufforderung des Fotografen, zu lächeln, kam er nach, indem er die Mimik nordfinnischer Jugendlicher nachahmte, die sich rektal Alkohol getränkte Tampons für den besseren Kick einführen. Wäre er kunsthistorisch beschlagener gewesen und vorausschauender, er hätte mit einer Handauflegung viel Übles abwenden können. Während Giorgiones "Schlummernde Venus", Tizians "Venus von Urbino" und Manets "Olympia" lässig eine Handfläche auf das Dreieck legen, an dem ihre wohlgeformten Schenkel die Parallelität nicht mehr ertragen und sich sehnsüchtig vereinen, wählte Viktor, von Kunstgeschichte nicht angekränkelt, unbewusst die offene Haltung von Goyas "Die liegende Maja". Das sollte später Anlass zu Ärger geben. Dann nämlich, als der Fotograf, vielleicht aus Experimentierfreude mit den Möglichkeiten der neuen Medien, vielleicht aus Stolz auf sein Œvre, das Foto ins www stellte.

Sommertraum

Sag mal, hast du schon einmal erlebt, wie eine einzige Begegnung zwischen zwei Menschen ein Leben trifft und pulverisiert, wie ein Kometeneinschlag? Wie nichts mehr bleibt, wie es einmal war, Wichtiges trivial wird, die Werteskala wie unter seismischem Druck zerbröselt, alles bisherige armselig erscheint? Nein? Sei froh!

Horst war unaufmerksam und geistesabwesend. Nicht die Unaufmerksamkeit, die sich nach 18 Ehejahren ohnehin einschleicht und zum Normalzustand wird und mit routiniertem Ritual überspielt wird. Es war mehr. Sie saßen auf der Restaurantterrasse. Der Rückzug der Gluthitze des Tages war wie das Wegziehen einer feucht-heißen Decke. Sie schenkten Schweigen aus Rotweinflaschen in geduckte Gläser. Maria hatte Angst. Angst vor dem Aufflackern von Jugend in seinen Augen. Angst vor dem Wiederaufflammen erloschen geglaubter Leidenschaft, die nicht ihr galt. Vor Träumen, in denen sie nicht vorkam. Vor seinem umflorten, in die längst als Werbungskosten der Vergangenheit abgeschrieben geglaubte Zukunft gerichteten Blick. Vor dem Zeitpunkt, wenn er sprechen würde was sie nie zu hören gehofft hatte.

Von Wölfen und Geparden

"Gallia est omnis divisa in partes tres...- Gallien ist in seiner Gesamtheit in drei Teile geteilt...", beginnt Caerars, bei Schülern so gefürchteter, "De bello Gallico". Mit den menschlichen Charaktereigenschaften verhält es sich einfacher. Sie sind lediglich zweigeteilt. Es werden Wälzer zum Thema Menschenkenntnis geschrieben, eine Seminarindustrie nährt sich an ihrem mageren Busen, und Journalisten zahlen mit ihrer Hilfe das Studium ihres Nachwuchses. Dabei verhält es sich mit der Menschenkenntnis wie mit der Intelligenz. Kaum jemand bringt die Einsicht auf, in minderem Maße damit gesegnet zu sein. Die Evolution hat uns mit einem Automatismus ausgestattet, indem wir bauchgefühlsmäßig wenige Sekunden nach dem Kennenlernen unseren Gegenüber mögen oder ablehnen. Was über diesen archaischen Reflex hinausgeht, müssen wir uns mühsam erwerben, ohne es in der Praxis sonderlich gut anwenden zu können. Alfred Adlers Standardwerk "Menschenkenntnis" lässt uns ebenso im Stich wie einschlägige Focus-online-Tests. Ich persönlich komme mit einem simplen zweigliedrigen Ordnungssystem ganz gut zurecht: Ich teile, die Menschheit in Geparde und Wölfe.


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