Der Turm

Der Donnersberg ist 687 Meter hoch und sieht nach den ersten schwachen Schneefällen aus wie das stoppelige Kinn einer fahlen Altmännerleiche. Jetzt war Sommer und in einem der Dörfchen, die sich in seinen Ausläufern verkriechen, wurde ein Turmfest gefeiert.

Der Mantel

Horst war zwanghafter Tellerleeresser, Schuheauftrager und Kleiderverwerter.
„Iss deinen Teller leer, in Afrika hungern die Kinder,“ hatte ihn seine Großmutter drangsaliert. Dabei hatte sie ihm Bilder aus Illustrierten gezeigt, auf denen Negerkinder mit skelettartigen Gliedmaßen und aufgedunsenen Bäuchen zu sehen waren. Die Bäuche waren so prall wie der von Hasso, dem Schäferhund seines Freundes, der im Sommer verendet und erst nach einer Woche gefunden worden war. Die großen Jungs sagten mit Kennermine, er sei durch die Verwesungsgase so angeschwollen und behaupteten er sei mit einem Plopp-Geräusch geplatzt und die verflüssigten Innereien seien durch die Gegend gespritzt als sie Steine auf ihn warfen. Aber das glaubte er nicht. Einen kausalen Zusammenhang zwischen seinem Aufessen ungeliebter Speisen und der Linderung der afrikanischen Hungesrnot herzustellen versuchte er auch als Erwachsener nicht. An ihm sollte es jedenfalls nicht liegen, wenn Hungerhaken mit Schmerbäuchen durch die Sahelzone irrten. Es vermittelte ihm die vage Vorstellung, dass alles irgendwie zusammenhängt.

Ischenbai Akajew

Am Dienstag, den 12. Juni 1945 kurz nach dem Mittagessen wurde Hans Weller durch einen Feuerstoß aus einer Kalaschnikow erschossen. Ein stattlicher, gesunder Mann von 43 Jahren war er dem der Krieg dank seiner Spezis in der Partei nie näher gekommen als zur Besichtigung der Schäden der Bombennacht vom 28. September ´44, die den Kotten in Schutt und Asche gelegt hatte. Zwar in Parteifunktion, aber schon nicht mehr in Uniform, war er am Morgen des 20. März ´45 Zeuge des Abtransports von Oberst Böhm, der sich mit Veronal vergiftete, um den Befehl, die Stadt Kaiserslautern bis zum letzten Mann zu verteidigen, nicht ausführen zu müssen und dieser so die Zerstörung ersparte.
Der Schütze, Ischenbai Akajew, aus einem kleinen hinterkirgisischen Weiler in einem der Bergtäler nahe dem See Yssykköl, war am Sonntag zuvor in der Entourage eines russischen Verbindungsoffiziers in Wellers gediegene, von Zerstörung verschont gebliebene Backsteinvilla „Im Kamelienweg 32“ am nördlichen Stadtrand gekommen. Weller, mit seinem hoch sensiblen merkantilen Gespür, hatte den amerikanischen Kommandeur der Besatzungsgarnison und dessen russischen Aufpasser zu einem Essen eingeladen, und anschließend mit für alle Beteiligten lukrativen Vorschlägen aufgewartet. Das Begleitpersonal vertrieb sich unterdessen die Zeit im weitläufigen Anwesen.

Eine Lanze für das Vermummungsverbot

Auf dem Zahnarztstuhl liegend, die Fingernägel schmerzhaft in die Handballen gegraben, alle Muskeln bis zur Belastbarkeitsgrenze angespannt, der Magen zum Knoten verkrampft, Ansammlungen kalten Schweißes in der konkaven Hohlrückenpartie, war es mir nur möglich, den natürlichen Fluchtreflex zu unterdrücken, indem ich ohne Unterlass die Heilige Apollonia mit Stoßgebeten drangsalierte und um allfälligen Beistand anbettelte. Nur sie, sie allein konnte wissen, welche Qualen ich gerade durchlitt, hat man ihr doch anno 249 in Alexandria sämtliche Zähne ausgerissen, bevor sie sich freiwillig in einen Scheiterhaufen stürzte. Vor diesem Schicksal hat mich nur die spartanische Ausstattung der Arztpraxis bewahrt, die den Patienten mangels Scheiterhaufen diesen heroischen Ausweg verbaut. Die Zahnärztin, die nur ihre eiskalten, mitleidslosen Augen über einem Gaze-Bandana sehen ließ, ein eindeutiger Verstoß gegen das Vermummungsgesetz und eine hinterhältige Vorsichtsmaßnahme, damit ich sie später nicht wiedererkennen und Rache für die zugefügte Pein nehmen könnte, wollte ich nicht anflehen. Sie sah nicht aus, als ob sie Pardon geben würde. „Hinter der fremden Backe schmerzt kein Zahn“, ein russisches Sprichwort, das in Flammenschrift auf ihrer Stirn zu lesen war.

Mme Zink´s verweigerte Hommage

Von Natur aus sind wir Süßmäuler. Für eine glibbrige Honigwabe ließen sich die Urzeitkerle die Hucke von wilden Bienen vollstechen – und umgekehrt. Auch noch entwicklungsgeschichtlich viel später gewährte manches anständige Nachkriegsmädchen für eine Tafel amerikanische Schokolade Unanständiges. Süß bedeutet in unserer natürlichen Programmierung nahrhaft und reif; sauer hingegen unreif und gefährlich. In Zeiten des Überflusses, wenn alles normaler Weise Erstrebenswerte leicht verfügbar ist, wird das Außergewöhnliche, die Perversion, kultiviert. Ein Schisma geht durch die Gattung homo voluptarius, des Genussmenschen, und spaltet sie in zwei unversöhnliche Glaubensrichtungen, die unbarmherzige querelles croyance ausfechten: Hie die politisch eher linkslastige Toskana-Fraktion. Da die mehr bürgerlich orientierte frankophile Elsass-Fraktion. Gemein ist den Antagonisten das unumstößliche „Dogma vom trockenen Wein“. Versuche, sich dem Regime des comme il faut zu entziehen, tragen im besten Fall tolerantes, abschätziges oder mitleidiges Lächeln, im schlimmsten Fall die gesellschaftliche Ächtung ein. Beim Savoir-vivre hört der Spaß auf, über Geschmack lässt sich nicht streiten, den hat man zu haben.


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