Schmächtig war er, Horst, als Kind. Befallen von der Ängstlichkeit der Armen, die die eigene Kraft fürchtet. Von ängstlichen, ich-schwachen Eltern von jeder Art potentiell Regress verursachendem Spiel ferngehalten, war er ein Muster von Anpassung. „Wenn du Schaden verursachst, müssen wir ihn bezahlen, dabei kann das ganze Haus drauf rutschen,“ schärfte ihm seine Mutter ein. Steinewerfen? „Dabei können Fensterscheiben zu Bruch gehen“, beim Fußballspielen auch. Hockey spielen mit Glückskleedosen? „Wie schnell ist ein Bein gebrochen!“ Zurückschlagen, wenn ihn die Rabauken auf dem Schulhof drangsalierten? „Die legen sich auf unsere Kosten ins Krankenhaus.“ Mit Pfeil und Bogen schießen? „Ein Auge ist schneller ausgeschossen als du gucken kannst und du zahlst bis an dein Lebensende.“ Als er eingeschult und so dem mütterlichen Regimentsbereich entzogen wurde, geschah dies nicht, ohne dass man ihm ein paar prägende Verhaltensmaximen einer Pädagogik-Sonderbeilage des „Christlichen Pilgers“, Presseorgan des Bistums Speyer, entnommen, mit auf den Weg gab: 1. „Bei allem was du machst, frage dich zuerst, was würde deine Mutter dazu sagen“ Und schlimmer noch: 2. „Denke immer daran, dass die anderen Kinder auch Mütter haben, die sie lieb haben!“ Auf diesem Substrat katholizistischer Schuldkultur (der liebe Gott sieht alles) gedieh die mütterliche Aussaat an Neurosen bei dem Messdiener Horst wunderbar. In seinem Zimmer stand eine „Muttergottes Gnadenspenderin“, die ihm Zuflucht war, wenn seine irdische Mutter ihn durchprügelte. Im Mai schmückte er die Gipsfigur mit dem blauen Mäntelchen mit Veilchen oder bläulichem Wiesenschaumkraut. Dabei legte er eine Sicherheit bezüglich der farblichen Abstimmung von Blumen und madonnalichem Gewand an den Tag, dass sein freigeistiger Vater der Befürchtung Ausdruck verlieh, sein Sohn sei schwul, zumindest halb-schwul. Das ganze Mariengedöns hätten die Katholen erfunden, um die psychiatrische Kliniken von Patienten-Nachschub-Sorgen zu befreien. „Wenn Norman Bates kein Katholik war, fresse ich einen Besen mitsamt der Putzfrau,“ sagte er immer. Die Befürchtungen wegen des Schwulseins waren unbegründet, aber die exzessive Madonnenverehrung sollte nicht ohne seelischen Niederschlag bleiben, eine eindeutige Fixierung war die Folge. Seine erste Erektion erlebte Horst im Marienmonat Mai. Er war eben dabei, in einer rhodonitfarbenen Vase Ackerwinde, blaue Akeleien, blaue Clematisblüten, Wiesenstorchenschnabel und Tränende Herzen zu einem huldigenden Bouquette zu arrangieren, als er, die Madonnenfigur drehend, zum ersten Mal entdeckte, dass sich unter dem Faltenwurf ihres Mantels eindeutig die Kontur des rechten, vorgestellten Oberschenkels abzeichnete.
Die Pubertät erwies sich als schwierig. Er konnte den neu erwachten Bedürfnissen nicht nachgeben, weil er ständig von einem alles-sehenden Gott beobachtet und durch ein immer kontrollierendes mütterliches Wertesystem beurteilt wurde. Es ist schwer, einen Schwanzvergleich auf der Schultoilette zu veranstalten, wenn Gott und deine Mama zuschauen. Dazu kam noch seine Ungeschicklichkeit. Obwohl er sicher war, die mütterliche Zustimmung zu der Aktion nie zu erlangen, war er auf die Linde vor dem Haus der Grubers geklettert, von wo aus man, konnte man den Aussagen der Gleichaltrigen glauben, Frau Gruber beim Ausziehen zusehen konnte. Bevor er etwas gesehen hatte, fiel er aus drei Meter Höhe und brach sich den rechten Arm und zwei Rippen. Im Freibad ließ er sich mit einem Spiegel erwischen, den er mit Heftpflaster an einem Haselnussstock befestigt hatte, als er in die Umkleidekabine der prallbusigen Nachbarin guckte. Aber da war es schon zu spät. Er hatte das Furcht einflößende riesige schwarze drahtbürstenhaarige Pelztier entdeckte und einen Schock fürs Leben eingefangen. Er machte noch einen einzigen Versuch in diese Richtung und griff dem willigen Evchen in die Unterhose. Was er dort vorfand, erinnerte ihn an den Reitunterricht, wenn er den Pferden Zucker auf flacher Hand reichte. Er war ernüchterte, die vermuteten dunklen Geheimnisse, am Treffpunkt weiblicher Oberschenkel waren eine Mähr wie Weihnachtsmann, Osterhase und Klapperstorch, von der er sich beim Erwachsenwerden trennen musste..
Es dauerte lange, sehr lange, bis Horst sich durch ständiges Zuwiderhandeln der mütterlichen Bewertung entzogen hatte. Er konnte früher buchstäblich keiner Fliege etwas zuleid tun, weil sie Mütter hatten, die sie liebten. Jetzt war nichts mehr vor ihm sicher, was eine Mutter in der Nähe hatte. Er köpfte mit der Motorsense die Kücken einer Gans, die ihn einmal drohend angeschnattert hatte. Tötete Hundewelpen, um den mütterlichen Schmerz zu beobachten. Tiermütter, die ihre Jungen verstießen faszinierten ihn.
Das Glück kam spät zu Horst, dem ehemaligen Messdiener, der sich in der Gemeindearbeit engagierte. Bei einem Grippenspiel in einem Behinderten Heim. Er war damals schon über vierzig. Dünya war fünfzehn, Türkin, mongolid und von der Mutter in das christliche Heim abgeschoben. Diese hatte einen guten Mann verlassen und mit einem Hallodri ein Kind bekommen, das nun büßen musste. Dünya spielte Maria und Horst führte Regie. Als er sie neben der Grippe platzierte, zeichnete sich unter dem Faltenwurf ihr rechter Oberschenkel ab und erlöste ihn, als habe er sein ganzes Leben auf diesen Moment gewartet. Am Tag von Dünyas Volljährigkeit heirateten sie. Im hinteren Zimmer ihrer Wohnung ist eine Lourdes-Grotte aufgebaut. Peu á peu, so wie das Geld reicht, schaffen sie neue Umhänge und Mäntel an und vervollständigen die Marienkleidung durch Alben, Wimpel, Weihel, Schleier etc., ganz nach Art der Nonnentracht. Zwei bis drei Mal pro Woche steht Dünya für eine halbe Stunde in der Grotte. Die Hände hat sie vor der Brust gefaltet und das rechte Bein ein wenig, nur ein kleines bisschen, vorgestellt. Aus dem Hintergrund der Grotte leuchten tröstlich winzige Halogen Lämpchen wie ferne Galaxien. Inzwischen geht es nicht mehr so mit den Knien, deshalb hat Horst neuerdings eine gepolsterte, mit rotem Samt bezogene Betbank, auf der er kniet. Der blaue ist noch immer sein Lieblingsmantel. „Ave Maria, gratia plena“, flüstert er der Unbefleckten zu. Und sie antwortet wie er sie gelehrt hat, ganz weich kommen die Worte aus ihrem runden Gesicht und ihre Mandelaugen strahlen mit unlösbarem Geheimnis: „Noli me tangere.“ Nie sollst du mich berühren.
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