Es gibt Restaurants, in denen du dir vorkommst wie im Speisesaal eines Altersheims, wo eine affluente bürgerliche Mittelschicht mit bösem Vorsatz das Erbe der ungeliebten Verwandtschaft durchbringt. Hier herrscht antiquierte Gediegenheit in Eiche rustikal und Terracotta, die Wehmut nach einer Zeit hervorruft, die unwiederbringlich tot ist, deren Leiche aber noch nicht stinkt. Das Publikum mit Durchschnittsalter knapp über siebzig, zwängt keine vom Schlankhungern ausgemergelten, schrumpeligen Biafra-Glieder in die gerade angesagten Mode-Labels und trägt keine Baseball-Caps. Den Nachmittag hat keiner der anwesenden im Fitnessstudio verbracht und das Hüftgold hängt über der Brax- oder Bognerhose. Die Frisuren der Damen sind keinem Stilisten, sondern einem Friseur zuzuschreiben.
In das Weichfeld solch bürgerlicher Souverenität, frei von jedem kränkelnden Selbstzweifel, zieht es mich bisweilen in der Depressionsphase nach Nächten der Exzesse. Keine Ahnung warum, möglich, in der Hoffnung, das Gesunde könne ebenso ansteckend wirken wie das Kranke. „Verdammt, wo bin ich“, hatte ich mich am frühen Nachmittag gefragt. Aufgewacht in einem Schlafzimmer, das ich noch nie gesehen hatte. War ich über Nacht Alzheimerpatient geworden? Ich war allein in fremdem Bett, noch immer besoffen und alleine. Besser als Alzheimer. Schlimmer kann es nur kommen, wenn du, noch besoffen geweckt wirst, weil ein Ehemann nach Hause kommt. Das habe ich einmal in Polen erlebt und behaupte noch immer, ihr polnisches Entsetzen verstanden zu haben. Seit diesem traumatischen Erlebnis habe ich sprachtechnisch aufgerüstet: mój mąż jest totaj heißt „mein Ehemann ist hier“ in polnisch. Den selben Satz habe ich mir in allen wichtigen Kultursprachen und in Finnisch, sowie einigen Sprachen als willig bekannter afrikanischer Stämme und in verschiedenen Dialekten des indischen Subkontinents beigebracht. Denn gerade dort herrscht mehr Pingeligkeit unter den Saris als es die westlichen Anhängerinnen des Tantra-Yoga in ihren lasziven Illusionen wahrhaben wollen. Wenn du alleine in einem fremden Bett aufwachst, gibt es nur zwei Möglichkeiten: Du warst Premiumklasse und sie steht Schlange beim Bäcker für deine Frühstücksbrötchen. Oder du warst so lausig-miserabel-kotz-krottenschlecht, dass sie einen Spaziergang macht, um dir die Schande der Begegnung zu ersparen. Ihr Mitleid lässt es nicht zu, dass ihr Blick dir entgegenschleudert „und dafür hast du mir die Bettwäsche zerwühlt?“ Oder, Höchststrafe, ihr verständnisvoller Mund sagt „kann doch mal passieren, bei all dem Alkohol.“ Wie ein kalter Blitz zuckten Erinnerungsfragmente auf. „Das ist doch ein ganz Netter“, hatte die Unbekannte am Tisch gesagt. „Nenn´ mich Depp, Drecksau oder was du willst, aber niemals nett.“ Vielleicht hatte ich mit diesem großkotzigen Satz das Eintritts-Billett für dieses Schlafzimmer gelöst. Wo ich jetzt als Kafka-Käfer bewegungsunfähig auf dem Rücken liege. Bestimmt habe ich Schlappschwanz alles versaut. Ruckelnd kam der Projektor im Gehirn in Gang und spulte widerwillig rückwärts. Nur es hilft nichts. Männer sind nicht in der Lage, die eigene Leistung einzuschätzen. Es kommt nur darauf an, ob SIE, wie immer kompetent oder inkompetent sie sein mag, den Daumen hebt oder senkt. „Die anderen haben aber immer gesagt, ich sei toll – und die haben wirklich Ahnung.“ Das bringt dich nicht wirklich weiter, mein Freund! Gehen wir davon aus, dass du nicht zu der Arschlochabteilung gehörst, die zwar nicht fragt „wie war ich?“, aber immerhin krude genug ist, zu einem „war´s schön, Liebling?“ Das „Liebling“ kannst du dir sowieso sparen, ihr habt eine verdammte Nacht zusammen verbracht, zu deinem „Liebling“ macht sie das noch lange nicht.
„Jetzt hast du doch das karierte Hemd angezogen, das ist doch ganz zerknittert, ich habe dir doch extra das frisch gebügelte blaue an die Schranktür gehängt,“ vom Nebentisch ein Ehepaar, das seine Restlaufzeit auch mit einer amputierten Hand an den Fingern abzählen kann.. „Willst du Schnitzel oder den Räuberspieß?“ „Wenn ich dich angucke, vergeht mir der Appetit.“ „Ach, komm.“ „Nix, ach komm, mit dir muss man sich ständig schämen.“ „Es ist doch nur ein Hemd.“ „Für dich, ja. Über mich zerreißen sich die Leute das Maul. Noch nicht einmal ein ordentlich gebügeltes Hemd kriegt der arme Kerl.“
Mein Handy klingelt in diesem Moment „machst du das immer so, fortschleichen ohne Nachricht oder Lebenszeichen? Es war schwer deine verdammte Telefonnummer zu kriegen, ich wusste nicht einmal deinen Namen. War ich denn so miserabel? Mein Gott, mit dem Alkohol, ich kann´s auch besser. Dafür muss man aber erst einmal eine Chance kriegen. Wo bist du? Was machst du gerade. Das war nicht die feine englische Art, ich war extra Brötchen holen, bin dann aber beim Tischdecken nochmal eingeschlafen. Stell dir vor, ich lege den Kopf auf die Tischplatte und weg war ich, aus wie ein Licht...“
„Das kannst du mit mir nicht machen, schon solange ich denken kann, immer das Gleiche mit dir“, sagt die resolute Achtzigjährige am Nebentisch und schnappt sich im Hinausgehen ihre Gehhilfe. Er schlurft hinterher und wer Augen hat sieht, dieser Auftritt war keine Premiere.
„... dich im ganzen Haus gesucht. Sogar im Keller war ich, stell dir vor, als ob du in den Keller gehen würdest, was solltest du im Keller machen...“
„Liebling, die Verbindung wird immer schlechter, ich kann dich kaum noch hören. Ich sitze im Zug, ich glaube, ich habe dir heute Nacht von der Expedition zu den Fakawi-Indianern am Quellfluss des Nevermore erzählt, ich melde mich, müsste übernächstes Jahr zurück sein. Übrigens, bügelst du? Und, hey, du warst das Beste, was ich seit undenklichen Zeiten erlebt habe, wenn wir...“ ich krächzte noch etwas Unverständliches, wobei ich das Handy langsam weiter von meinem Mund entfernte, legte auf und nahm den Akku heraus.
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