Als Viktor Formwandler seinen Schniedel in die Kamera hielt, war er jung und brauchte das Geld. Der Aufforderung des Fotografen, zu lächeln, kam er nach, indem er die Mimik nordfinnischer Jugendlicher nachahmte, die sich rektal Alkohol getränkte Tampons für den besseren Kick einführen. Wäre er kunsthistorisch beschlagener gewesen und vorausschauender, er hätte mit einer Handauflegung viel Übles abwenden können. Während Giorgiones "Schlummernde Venus", Tizians "Venus von Urbino" und Manets "Olympia" lässig eine Handfläche auf das Dreieck legen, an dem ihre wohlgeformten Schenkel die Parallelität nicht mehr ertragen und sich sehnsüchtig vereinen, wählte Viktor, von Kunstgeschichte nicht angekränkelt, unbewusst die offene Haltung von Goyas "Die liegende Maja". Das sollte später Anlass zu Ärger geben. Dann nämlich, als der Fotograf, vielleicht aus Experimentierfreude mit den Möglichkeiten der neuen Medien, vielleicht aus Stolz auf sein Œvre, das Foto ins www stellte.

Als das Foto auftauchte, war Viktor zwar nicht mehr so jung, aber Geld brauchte er immer noch. Er war gerade vor einer resoluten Vermieterin geflohen, die die Unverschämtheit besaß, Miete von ihm einzuverlangen und ihn ob seiner Weigerung einer Manta-Moral bezichtigte: tiefer gelegt und Fuchsschwanz an der Antenne. Bei einer alternden Dame hatte er Kost und Logis als Gegenleistung für Hausarbeiten und gelegentliche Bereitwilligkeiten gefunden. Nun wurde er mit der Ungerechtigkeit der Welt konfrontiert. Ein Nacktfoto kann für ein Starlett der F-Kategorie einen Karrieresprung bis zum C-Promi bedeuten. Burt Reynolds begründete mit dem ausklappbaren Nacktfoto in der Cosmopolitan vom April 1971 sogar seinen Weltruhm – allerdings mit verdecktem Sahneschnittchen.

"Was Jupiter erlaubt ist, ist dem Ochsen noch lange nicht erlaubt" - im Falle des Viktor F. erwies sich die hüllenlose Fläzerei als nicht sehr Karriere-förderlich. Um die Wahrheit zu sagen, es war schlimm. Wenn er durch die Stadt ging und Bekannten begegnete, zuckte die ehedem sträflich untätige Hand zur Körpermitte. Grinst die Dame am Bankschalter beim Abholen seiner Harz-IV-Bezüge weil sie "es" gesehen hat? Das süffisante Lächeln des Schnösels in der Kaffee-Bar, ist es der Einsichtnahme geschuldet? Kicherten die alten Schabracken, weil ihm seine Aushälterin unter dem Tisch Geld zum Bezahlen zusteckte, oder hatten sie Internetzugang? Einmal im Leben hatte er es allen gezeigt – und doch war er unzufieden. Devastierend erwies sich sein Auftritt für seine Erfolgschancen im Jagdrevier für alte Damen. Wie das Schmalwild vor einem singend durch den Wald stapfenden Jäger in signalfarbiger Kleidung, huschten die Ausgehungerten von den Tanzflächen-Lichtungen. Ein bisschen Exklusivität muss sein, wer das Ding so rumzeigt, den nehmen wir nicht. Viktor sah sich mit Schrecken in eine langanhaltende Monogamie aus Mangel an Alternativen genötigt.

Ist die Aufregung bigott? Was wird deutschen Kameralinsen wirklich alles gezeigt? Früher kannten Insider Zahlen über die Anzahl der Nacktaufnahmen, die in Fotolaboratorien entwickelt wurden. Bei den Polaroid™ Aufnahmen konnte man getrost 20% für private Dokumentationen rechnen. Mit der Sofortbild-Kamera, die den peinlichen Gang zum Abholen ersparte, wurde Lieschen Müllers blondierter Irokesenschnitt im Schambereich ebenso verewigt wie Horst Mayers Fähigkeit, ein an einer Schnur befestigtes Zwei-Kilo-Gewicht ohne Zuhilfenahme der Hände hochzuheben. Der Liebhaber tropischen Bewuchses, der nur unter Heckenscheren-Einsatz begehbar wird, archivierte seine Trouvaillen auf diese Weise ebenso wie der Bewunderer kahl gewehter Wüstenhügellandschaften. Es steht zu befürchten, noch vieles Vergessene und vernichtet Geglaubte wird als Dachbodenfund auf die staunende Enkelgeneration überkommen und das Bild von "Omma" revidieren. Seit dem Einzug der digitalen Fotografie sind Dämme gebrochen. Der neuen, vermeintlich anonymen Technik öffnen sich auch früher Verschlossene. Doch genau hier liegt des Pudels Kern eingebuddelt. Was im festen Glauben an die ewige Anonymität geschossen wurde, taucht früher oder später auf wie das Monster von Loch Ness, um sich Luft zu machen, um zu prahlen, um früheren Besitz zu zeigen wie die ehemaligen ostpreußischen Großgrundbesitzer Fotos von Herrenhaus und Vierspänner bei Zigarre und Cognac in die Runde reichen. Es gibt die Theorie, wonach jedes digitale Nacktfoto irgendwann im Netz auftaucht. Wehe den Fotografierten. Drum besser wär's, wenn nichts entstünde!

Die Moral von der Geschicht, zeige deinen Schniedel nicht.