Während wir alle durchschittliche Leben führen, sondert das Schicksal, oder wie immer du die allmächtige Verteilerstelle nennen willst, die entscheidet, ob du in den Streichelzoo oder ins Versuchslaboratorium kommst, einige von uns aus der Masse ab und lässt ihnen eine Spezialbehandlung angedeihen. Manchmal mit erschreckend geringem Aufwand. Ewald saß in der Sexta direkt vor mir. Ich wusste, wie seine Fürze stinken, aber auch, wie ein Papier-Katapult, mit einem ordentlichen Einweckgummi geschossen, beim Auftreffen auf den schmalen Hautstreifen zwischen seinem Haaransatz und Hemdkragen, klatschte. Bis ich die Tertia wiederholen musste und ihn aus dem engeren Gesichtsfeld verlor, hätte man ihn als „vielversprechend“ einstufen können. Doch in keine Richtung auffällig. Es gab ein Mal einen Verdacht, der sich jedoch schnell zerstreute, er habe der kleinen Gruppe angehört, die beim Schulausflug in den Odenwald Feuerwekskörper in einen Bullenstall geworfen hatten. Falls er dabei gewesen sein sollte, fehlte ihm die Standhaftigkeit, dabei zu bleiben und sich das Resultat anzusehen.
Das Schicksal deutete mit dem Finger auf ihn, als er, bei einem Krippenspiel in der Jakobskirche vom ZDF gefilmt und während der „Heute“-Nachrichten für zwei Sekunden der Nation gezeigt wurde. Zwei Sekunden deutschlandweit sind als Grundstock für Berühmtheit in einer Kleinstadt für einen Vierzehnjährigen durchaus ausreichend. Unsere Mathelehrerin, deren lilafarbenen, Spitzen- besetzten Unterhosen aufblitzten, wenn sie sich auf das Pult schwang, hielt ihn mehrmals nach der Unterrichtsstunde zurück. Wir stellten uns vor, sie würde ihm all die Wonnen angedeihen lassen, die sich auszumalen unsere pubertierende Phantasie in der Lage war. Die Feinfühligen schwärmten von der Weichheit des straff gespannten lila Stoffes über dem sanften Hügel, den sie sich mit tierischer Behaarung nicht vorstellen wollten. Besonders für die Katholiken unter uns, die das Wunder der unbefleckten Empfängnis verdaut hatten, war es ein Leichtes, sich Fräulein S. ohne animalische Bebuschung vorzustellen.
Der Alltag eines Fernsehstars folgt anderen Gesetzmäßigkeiten als der von hoi polloi. Während wir nächtelang über den richtigen Anmachspruch grübelten, verbrachte er seine Tage damit, zu selektieren, welche der Schönheiten ihm ein Eis in den Dolomiten spendieren durfte. Unser von Kausalität und Lohn und Strafe geprägtes Denken glaubt zu wissen, dass nichts von Ungefähr kommt, wir haben verdient, womit wir konfrontiert werden. Nicht umsonst wurde Ewald ausgewählt. Der Teufel scheißt immer auf den größten Haufen, und wenn du wissen willst, was Männer für Frauen attraktiv macht: es sind andere Frauen. Und zwar ranghöhere. Das ist wie mit Klamotten. Wenn Erna Odmung zerrissene Jeans trägt, ist sie eine verlotterte Schlampe. Brittney Spears wird zur Trendsetterin. Wenn irgend eine angesagte coole Alte sich irgend ein Arschloch angelt, wollen ihn plötzlich alle anderen auch haben. Später, als seine Zynismus schon seine Erfolge übertraf, gab er gute Ratschläge. „Wenn du eine ganze Cique bumsen willst, hol dir die Anführerin, die anderen werden dich dann anbetteln. Vergiss aber nie die Hirarchie. Man muss auch mal sagen können, du bist noch nicht dran.“
Ich glaube, seine frühen Erfolge waren ihm eine große Last, weil immer Steigerung erwartet wird. Als wir anderen, mit achtzehn, neunzehn mit einer guten Unterhaltung durchaus gute Mädels in die Kiste bekamen, war er durch seinen Ruf immer zum Brillieren gezwungen. Von einem, von dem Exzellentes erwartet wird, ist Gutes enttäuschend. Zu dieser Zeit brachte er seinen Monorchismus ins Spiel. Er behauptete fest und steif, nur ein Ei zu haben. Das verursachte einen neu aufflammenden Ansturm. Alle wollen das Ungewönliche sehen und alle früheren Freundinnen wollten sich vergewissern, dass ihnen eine derart seltene Eigenschaft verborgen geblieben war. Ich schwör dir, da war die Hölle los. Ich habe selbst gehört, wie eine bettelte „lass mich doch nur mal drangreifen, das ist mir nie aufgefallen.“ „Da kannst du Mal sehen, wie scheiße du im Bett bist“ , meinte Ewald, das war aber keine Ablehnung, denn sie griff ihm trotzdem in den Hosenbund. Die Sache flog auf, als Monika seinen Trick entdeckte: sebstinduzierter Kryptorchismus. Dazu presste er ein Ei in die Bauchhöle, was schmerzhaft gewesen sein muss, denn wir gaben alle den Selbstversuch schnell auf. Er studierte Psychologie in Mainz und fiel nach einem Besuch bei seinen Eltern im Hauptbahnhof vor einen Zug. Beide Beine waren ab und der linke Arm. Für eine Weile war er wieder die Sensation der Stadt. Sein Zynismus richtete sich gegen ihn selbst „der Herr in seiner wunderbaren Vorsehung hat mir den Trinkarm gelassen“ oder „ein Rollstuhlfahrer stolpert nicht“. Doch er war nicht stabil genug, den neuen Ruhm gewinnbringend zu nutzen. Bestimmt hätte er aus seiner Einzigartigkeit Kapital schlagen können. Bestimmt hätten die Mädels gerne die Stümpfe berührt. Er aber verlegte sich aufs Trinken und wurde unangenehm. Um die zehn, elf Jahre habe ich ihn nicht mehr gesehen. Nein, ich glaube nicht, dass jeder bekommt, was er verdient, ich hoffe es jedenfalls nicht.
- Weblog von S.Münch
- Anmelden oder Registrieren um Kommentare zu schreiben
- 192 Aufrufe
Neueste Kommentare
vor 2 Jahre 9 Wochen
vor 2 Jahre 9 Wochen
vor 2 Jahre 10 Wochen
vor 2 Jahre 30 Wochen
vor 2 Jahre 37 Wochen
vor 2 Jahre 44 Wochen
vor 2 Jahre 47 Wochen
vor 3 Jahre 2 Wochen
vor 3 Jahre 2 Wochen
vor 3 Jahre 2 Wochen