Im zarten Alter von vierzehn Jahren empfand Gudrun ihre Jungfäulichkeit als derart demütigend, dass sie ihr Hymen, das Zeichen männlicher Ablehnung, von ihrer fingerfertigen Freundin auf der Toilette des „Rialto“ entfernen lassen wollt. Keine der beiden hatte eine Vorstellung, wie das Ding aussehen sollte. Sie gingen davon aus, dass der Normalfall die in Wirklichkeit nur ganz selten auftretende Hymenalatresie darstellt, wobei das Hymen die gesamte Vaginalöffnung verschließt. Was als angestrengte Aufgabe begann, endete, obwohl kein Blut floss und kein Einreißen feststellbar war, für beide Seiten derart angenehm, dass man den Versuch mehrmals wöchentlich in ruhigerer Umgebung wiederholte. Der ernsthafte und erfolgreiche Angriff auf ihr annular ausgebildetes Jungfernhäutchen sollte noch eine ganze Weile auf sich warten lassen. Obwohl sie selbst glaubte, sich willfährig, beinahe promisk, zu gebärden, kamen ihre Signale bei dem anderen Geschlecht als einschüchterndes, überhebliches Gehabe an. Das lag, glaube ich, an ihrer wahnsinnigen Schönheit. Ich werde nicht den bescheuerten Versuch einer Beschreibung machen. Stelle dir einfach die schönste Schwarzhaarige mit dunkler Haut vor, die deine Phantasie hergibt und du kennst Gudrun.
Gudrun verfügte neben ihrer atemberaubenden Schönheit über weitere Besonderheiten, die ihr zu ihrem Glück im Weg standen: Ihre Intelligenz, das beinahe vollkommenen Fehlen von Mimik und ihre angenehme, aber modulationsarme Stimme. Ihre Schönheit schüchterte alle Männer bis auf Hallodris und Egomanen ein. Ihr starrer Gesichtsausdruck ließ sie selbst dann desinteressiert und hochmütig erscheinen, wenn sie Hingabe und Zerfließen meinte, und ihren beängstigend analytischen Aussagen konnte die Monotonie ihrer Stimme nicht die Kälte des Mörderstahls nehmen. Sie hatte über den Marmorlöwen vor dem Palazzo Veccio in Florenz gelesen. In der Renaissance hatten besiegte Feldherren die Wahl, dem Löwen den blanken Arsch zu küssen oder einen Kopf kürzer gemacht zu werden. Sie stellte sich mit wohligem Erschauern vor, wie die bärtigen Haudegen, ihre theatralischen Uniformen in Fetzen, die wirren Augen Mitleid, Vergebung und Gnade heischend, die sie selbst den einstigen Opfern lachend verweigert hatten, sich gedemütigt mit zitternden Händen an den Hinterbacken des Florentinschen Löwchen abstützen, als wollten sie diese wollüstig auseinander ziehen, und einen Kuss in die Mitte setzten. Sie erinnerte sich aber auch an die Bewunderung der Tertianerin für das unbeugsame Rom, das stets bereit war, seine ganze Existenz in die Waagschale zu werfen, um auch kleine Siege zu erringen. Wie erbärmlich waren die von Florenz gedemütigten, ehemals großsprecherischen Feldherren, die mit gesenkten Köpfen ohne Wiederkehr aus dem Bild der Geschichte schlichen im Vergleich zu den Römern, die die Schmach des Kaudinischen Jochs über sich ergehen ließen. Von dem Samniten Gaius Pontius besiegt, wurden sie gezwungen, unter einem Joch hindurchzukriechen. Doch sie kamen zurück, und rissen den Samniten den Teil ab, der dem Löwen in Florenz später geküsst wurde. In Verküpfung dieser beiden Vorkommnisse, formulierte Gudrun einen Lehrsatz für ihr Leben, der an Weisheit ihr Alter bei weitem übertraf: Es kommt immer darauf an, mit wem du es zu tun hast! Und als Folgerung: Ob eine Entscheidung gut oder schlecht war, siehst du erst am Ende und das Ende bestimmst du.
Ich hätte ihren Männern gewünscht, sie hätten sie ernster genommen, Inhalt in der mit Selbstzweck verwechselbaren Verpackung erkannt. Ich meine, es ist ja nicht so, ich habe ja alles mit meinen eigenen Augen gesehen, die ganzen Jahre über. Wir waren Nachbar, sie und ich, seit immer, wie unsere früh verstorbenen Eltern, in deren Häuser wir zurückblieben. Ich alleine, sie mit ihrem angeheiratetes Geschmeiß, das sie jedes Mal einziehen ließ.. Auf meinen Rundgängen habe ich den Verrat gesehen, die abgedunkelten Fenster, wenn die Ehemänner alleine waren, die Heimlichkeiten, als könne man ein Auto verstecken, eine Garage hat doch auch Fenster. Eine Gartenhecke ist doch keine Schallschutzwand, ich bin alt, aber nicht taub, das Plätschern des Gartenteichs übertönt doch nicht Schwüre, die so banal sind, dass sie nicht einmal als Meineid ernst genommen werden. Ein so alter Mann wie Ehemann Nr. 5 (er ist der erste, dem ich einen Namen gegeben habe: Coco, wegen derem gleichnamigen Parfüm, die anderen hatte ich nur durchnummeriert) darf doch junge Mädchen nicht in den Arm nehmen, als könne er sie behüten bis ans Ende ihrer Tage. Nr. 2 hatte eine Isländerin im Haus, den ganzen Monat lang, den Gudrun in Limpopo im Auftrag ihrer Firma zubrachte. Die Schamlose hat Stöckchenwerfen mit dem Dalmatiner gespielt, den er Gudrun zu siebenundzwanzigsten Geburtstag geschenkt hatte und in ihrem Kimono auf der Terasse gefrühstückt. Ganz zu schweigen von den Pool Parties, wenn Gudrun auf Reisen war. Dickbusige Frauen mit Hüften wie Kehrkurven und meist rasierten Schamhügeln wüteten manchmal so, dass der Pool Reiniger zerbrochene Sektflöten von Beckenboden entfernen musste. Ich habe alles gesehen. Auch die Verzweiflung in den Augen ihrer Geliebten am Morgen. Ihre Rage, wenn sie Koffer aus der Dachluke warf, Männerkleidung aus dem Fenster bugsierte oder, wenn deren Träger verschwunden waren, in großem Autodafé neben den Komposthaufen verbrannte. Ich habe den Dalmatiner gesehen, wie er mit aufgeschlitzer Bauchdecke , mit heraushängenden Darmwindungen auf dem Rasen lag. Ich habe die Salzsäure Behälter gesehen, deren Inhalt sie in den Pool gekippt hatte, bevor sie verreiste. Ich stand unter ihrem Fenster, als sie den Brief erhielt und schrie: „Vorbei ist, wenn ich es sage. Du musst viel lernen, wenn du deine Lehrerin lehren willst.“ Ich war später Leumundszeuge für sie. Die Zeit der Untersuchungshaft war schlimm, absolutes Besuchsverbot. Seit einigen Jahren leben wir allerdings ganz geregelt. Ich besuche sie zwei Mal im Monat, bringe ihr Bücher, sie liest gerade Zenon von Kiton, Zeitschriften, besonders über Kochen. Sie kreiert eigene Rezepte, die ich dann koche. Ich erzähle ihr immer, wie es geschmeckt hat (manchmal lüge ich). Es geht uns gut. Wir haben Pläne.