Die Liebe war nicht dabei, als er mit Chris nach Landau fuhr. Das ist lange her. So wehmütig lange, dass die Zeit der Erinnerung schmeichelt und sie in Traumgewänder hüllt. An jenem Tag trat der neue US-Präsident, Richard Nixon, seine erste Auslandsreise an, in Köln trat Kardinal Frings von seinem Amt zurück und Peter Fonda trat anlässlich seines dreißigsten Geburtstags mit neuer Freundin vor die Presse. Es war der ungewöhnlich kalte 23. Februar des Jahres 1969, und niemand der Beteiligten hätte auch nur ahnen können, dass die Begegnungen dieses Tages in mehr als vierzig Jahren auf ganz banale Weise den Tod eines Menschen verursachen würde.
Sie hatten ein paar Mal miteinander geschlafen, nichts Aufregendes und schon gar nichts Verpflichtendes. Mit Beginn des Sommersemesters wollte Chris an der PH in Landau auf Lehramt studieren und bat ihn, dort mit ihr auf Zimmersuche zu gehen. Ihre Mutter verdiente die Brötchen und hatte die Hosen an, deshalb durfte sie Papas Karman Ghia benutzen. Ein Zimmer war schnell gefunden, und bevor die Spätwinterdämmerung über die Wingerte einfiel, saßen sie in einer Kneipe voller junger Leute. Es wurde viel gelacht, viel getrunken und er vernarrte sich in eine große Blondhaarige mit einem kaum wahrnehmbaren, faszinierenden Silberblick. Später, als die Nacht den Abend schon halb verdaut hatte, drängte Chris zum Aufbruch. Eifersucht entsteht auch ohne Liebe. Er wollte noch bleiben, der Augenblick war so schön. Irgendwann rammte sie ein Messer in seinen Stolz und sagte, ich fahre jetzt, dann kannst du zusehen, wie du zurück kommst. Sie hatte es nicht ernst gemeint, doch er sagte, du hast den Arsch so weit offen, dass du dein Auto darin parken kannst, wenn du denkst, ich verkaufe mich für eine Autofahrt.
Später wollte er zurück trampen, doch es schien, als seien die Straßen ausgestorben. Die Kneipe war inzwischen geschlossen, die Blonde längst gegangen, doch neben der Eingangstür entdeckte er ein Fahrrad, das nicht abgeschlossen war und machte sich auf den Weg ins Walddorf. Ein Verlorener, durch Kälte und den einsetzenden Kater noch einsamer, quälte er sich durch die Dunkelheit. Im Elmsteiner Tal dachte er an Aufgeben. Er fuhr die ganze Nacht durch und es bestand Verdacht auf bleibende Frostschäden, der sich nicht bestätigte.
Als er am 3. Juli 2010 nach dem WM-Viertelfinale Deutschland -Argentinien mit 1,8 Promille den Führerschein verlor, hatte er ein mittelmäßiges Leben hinter sich. Er wusste, dass er mit mehr Einsatz mehr erreichen gekonnt hätte, aber er war mit dem Ergebnis seines Aufwands zufrieden. Seine Ehe hatte ein viertel Jahrhundert gehalten, ansehnlich für eine Institution, die der menschlichen Natur widerstrebt. Die Kinder waren gut geraten und kamen bisweilen zu Pflichtbesuchen. Autofahren musste er nicht unbedingt, so kaufte er ein grasgrünes Mountainbike, das ihm nach weniger als einer Woche geklaut wurde. Diese Erfahrung machte er mit zwei weiteren Rädern. Dann erinnerte er sich an das Uraltfahrrad, das er in Landau geklaut hatte und das die Unfähigkeit seiner Eltern etwas wegzuwerfen, in einen alten Schuppen gerettet hatte. Allein, auch dieses Fahrrad wurde in seinem Vorgarten gestohlen. Nur: der Dieb wurde auf frischer Tat erwischt.
Das Fahrrad sollte seinem Eigentümer zurückgegeben werden, deshalb wurde er vorgeladen. Der Sachbearbeiter, ein Mann etwa seines Alters, befragte ihn auffallend detailliert über das Fahrrad, wie lange er es schon besitze, wo er es gekauft habe und Ähnliches. Es stellte sich heraus, dass das Fahrrad dem Polizeibeamten, der aus Landau stammte, vor Jahrzehnten dort vor einer Studentenkneipe gestohlen worden war, wo er es besoffen abgestellt hatte. Schon damals das Beamtengen in sich tragend, hatte er die Produktionsnummer notiert und all die Jahre aufgehoben. Nun erzählte er seinerseits, wie das damals war und dass er auf der Rückfahrt durch seine Strarrköpfigkeit beinahe erfroren wäre. Man verabredete sich im Cafe Krummel und der Polizist brachte seine Frau mit.
Er erkannte sie sofort - den Silberblick, und sie durchschaute ihn. In dem Raum explodierten zwei Feuerbälle, die sich gegenseitig auffraßen. Sie ließen sich nichts anmerken. Er rief sie am nächsten Tag an. Sie trafen sich am Hungerbrunnen und rissen sich die Klamotten vom Leib. Nichts wird langweiliger als ständige Verfügbarkeit. Deshalb trennte sie sich nicht von ihrem Polizisten und schürte die Gier durch künstliche Verknappung. Gemeinsam entdeckten sie Dinge, die sie alleine abstoßend gefunden hätten. Bald schreckte er nicht mehr vor der Plattitüde Die Frau meines Lebens zurück. In ihrer Gier verwundeten sie sich bis aufs rohe Fleisch. Da sie trotzdem ineinander sein wollten, steckten sie sich gegenseitig die Finger in die Ohren. Selbst kurze Autofahrten konnten sie nicht bewältigen, ohne sich zu vergewissern, dass der andere noch vollständig war, dass keine übelwollende Gottheit ein Abfallen oder Zuwachsen verursacht hatte.
Minou, ihre Hündin war immer dabei. Bei diesen kurzen Stopps, meist unmittelbar neben der Fahrbahn auf einem Waldweg oder einer Einbuchtung, hielt sie, über die Motorhaube gebeugt oder auf den Beifahrersitz gestützt, Minou´s Leine. An diesem verhängnisvollen Tag hatte sie Vorbehalte gegen seine Platzwahl auf einem Radweg neben einer stark befahrenen Straße. Er wollte sie nur foppen. Es war nur ein Spiel, als er, während sie stöhnend in das Auto gebeugt an ihrem Oberarm saugte, laut Guten Tag sagte, als grüße er einen Passanten. Sie schrak hoch, Minou riss sich los, sie folgte ihr auf die Straße und der Polo Fahrer hatte keine Chance.
Er trauerte den Sommer über. Im Herbst erntete er seine Verzweiflung und lagerte sie in der übervollen Vorratskammer seines Herzens. Im folgenden Winter verlor sich seine Spur in den weiten Wäldern des Elmsteiner Tals.