Man ändert sich nicht. Außer Fußballspielen habe ich mich nie für Sport interessiert. Ich hatte deswegen immer ein schlechtes Gewissen. Als Teenager glaubte ich, Langstreckenlauf gehöre unabdingbar zur Ausbildung eines Kriegers, der ich sein wollte. Das war vor dem Erscheinen von Warren´s „Der Langstreckenläufer“, was der Sache ihr schwules Image verpasste. Danach wollte ich meine schwächliche Muskulatur durch Gewichtheben aufbauen, was mich in die Arme der Ringer trieb, von wo ich folgerichtig über Karate (Handbruch), bei den Boxern landete, die mir in der zweiten Trainigsstunde das Nasenbein zertrümmerten. Spätestens da kamen Selbstzweifel auf, ob ich mich wirklich als Kämpfer stählen wollte, oder nur als latent machoschistisches Arschloch meine Triebe ausleben wollte. Machoschismus brauchst du, um zu gewinnen, sogar um nur zu überleben. Sie werden dir weh tun, dir deine Seele bei lebendigem Leib häuten und das Salz deiner Tränen in die Wunden streuen. Aber das muss man nicht vorher üben, das kommt früh genug. Jahrzehntelang habe ich nichts schwereres gehoben als einen Stein Bier.
Nach dem ersten Herzinfarkt, der zweiten Scheidung und dem dritten Alkoholentzug begann ich, gewappnet mit Ratgeberliteratur, mein Leben umzukrempeln. „Es ist nie zu spät.“ „Heute ist der erste Tag vom Rest deines Lebens“ und was die Buchhandlungen sonst noch an Einschlägigem hergeben. Als eingeübter Katholik, der nachbeichtlichen Neuanfang und Bußhandlungen verinnerlicht hat, kaufte ich eine sündhaft teure Mitgliedschaft in einer Fitness-Kette. Die Kostenneutralität war gewährleistet, da ich mein tägliches Bad nicht mehr zu Hause nehmen würde. Als Instant-Erfolgs-Junkie, der am liebsten sofortige Resultate sieht, war ich begeistert von einem Laufband, das ständig Meldung erstattet, wie viele Kalorien du gerade verbraten hast. Ich war jeden verdammten Morgen, an dem Gott, oder sonst wer, die Sonne aufgehen ließ, auf diesem verlogenen Marterwerkzeug. Wenn ein Kilogramm Fett etwa 9.000 kcal entspricht, hätte ich nach den ersten drei Wochen Laufband nur noch 36,7 Kilo auf die Waage bringen dürfen, anstatt der 94,6.Wer verarscht hier wen? Bei der Suche nach dem Lügner, Waage oder Laufband, schlug sich mein Spiegel eindeutig auf die Seite der Waage.
Von diesem Zeitpunkt an unternahm ich nichts mehr, wobei meine aktive Mithilfe an meiner Folterung notwendig gewesen wäre. Zwar sind auch Sauna und türkischem Bad basismachoschistische Grundströmungen nicht abzusprechen, aber irgendwie musste ich meinen Mitgliedsbeitrag wieder einfahren. Das heimische Bad wurde mit Tabu belegt. Meine Besuche im Fitness-Studio reduzierten sich in der Folge auf reine Körperpflege-und Hygiene-Aktivitäten: Sauna, Türkisches Bad, Duschen und Tschüss. Es gibt in diesen Club Herren Sauna, Damen Sauna und gemischte Sauna. Drei, also, denkst du. Doch nicht wirklich, die gemischte Sauna ist auch die Herren Sauna. Eine bodenlose Unverschämtheit. Ich will ums Verrecken keine wildfremden Frauen auf engstem Raum nackt um mich haben, die ich nicht selbst ausgezogen habe. Von meiner Prüderie abgesehen, das Beste an fremden Frauen ist das Phantasieren, wie sie in jedem einzelnen Stadium des Kleider-Ablegens aussehen. Jeder Blusenknopf beschleunigt die Atmung, wird der BH schwarz oder weiß sein? Andere Farben sind stillos und verwirren. Welches Signal will dir eine erwachsene Frau mit einem pinkfarbenen Paisley String Tanga mit auf den Weg geben? Welche Farbe haben die Brustwarzen, sind sie scheu und knospig oder dunkel fordernd mit großen Höfen. Nach einer halben Ewigkeit der Hauch einer Ahnung, ob du eine Kundin des Herrn Gillette vor dir hast oder ein Naturkind mit Wildwuchs. Ich will nicht, dass sie sich geheimnislos auf den Lattenrost hinflätzen wie zum Grillen gespreizte Hühner. Die glatt rasierten Venushügel präsentierend, die nach dem Aufguss schweißig glänzen, wie das Mösenhügelchen des Nachbarmädchens Rosalinde, dem ich im Walddorf als Sechsjähriger mit einer Speckschwarte, die ich später mit einem Stück Graubrot zusammen mit Heiner verspeiste, eingerieben hatte, was mir zwischen ihren Beinen interessant erschien. Ich will nicht auf die Schnelle, im Vorbeigehen, beurteilen, ob sie eine Labia-Reduktions-Operation benötigen, weil die inneren zu weit über die äußeren Schamlippen hinausstehen! Ich will meine Ruhe haben! Deshalb wollte ich vor dem Trubel da sein und war morgens der Erste. Zusammen mit der aufdringlichen Lydia. Lydia kreuzte auf, als ich an einem kalten Wintermorgen auf dem obersten Saunadeck angestrengt über nichts nachdachte. Ich wäre zufrieden gewesen, wenn sie den Mund gehalten hätte, wenn sie kokettiert hätte, hätte ich mich ihrer charmant erwehrt. Doch Lydia erschien jeden Morgen und machte mich sozusagen zur Tratschpartnerin h.c.. Sie war Krankenschwester, 54, ihr Freund, der sich auf der Abschussrampe befand so sicher wie eine Rakete auf Cape Canaverall, war rückfälliger trockener Alkoholiker und sie selbst hatte es mit den Hüften. Das Bücken fiel ihr schwer, das Gehen auch „Manchmal bin ich alles leid. Ich frage mich, wofür ich das alles mache. Die Jungen (Lydia hat drei Kinder aus vier Ehen) kommen nur, wenn sie was abstauben können, wenn das Auto kaputt und kein Geld für Reparaturen da ist, die Enkel brauchen ständig etwas, die wachsen aus ihren Klamotten, da brauchst du einen Geldschisser .“ Sie saß so nahe neben mir, dass ich fürchtete, von ihrem Schweiß getroffen zu werden. Ich hatte schon länger Angst, eine solche Nähe könnte durch Gewöhnung den Gebrauchswert meiner Fortpflanzungsmechanik einschränken. Eines Morgens, längst war mir ihr von Operationsnarben, Schwangerschaftsstreifen und Krampfadern gezeichneter Körper lieb geworden, weil sein Anblick mir die Selbstbefriedigung verschaffte, die ein getanes Werk der Barmherzigkeit hervorruft, erschien Lydia mit rasiertem Geschlecht. „Wieviel Mühe, wo sie es doch so im Kreuz hat“ dachte ich. Als ich anfing über Sinn und Zweck nachzudenken, habe ich den Fitness-Club fluchtartig verlassen und nie mehr betreten. Ich bin eben kein Sportler.