Gerhard und Horst hatten ihr samstägliches Ritual, das Regelmäßigkeit in ihren Wochenablauf brachte und auf das sie sehr ungern und nur aus wichtigem Grund verzichteten. Sie trafen sich immer gegen 11.00 Uhr, schlenderten über den Wochenmarkt, grüßten hier Bekannte, unterhielten sich dort kurz ohne sich festzureden und besuchten anschließend in variabler Reihenfolge einige Läden, bis sie sich zum Abschluss ihres Jour fixe gegen 13.00 Uhr zu einem Bier setzten.
Einer ihrer Besuche galt dem Zigarrenlädchen, das sich gegenüber der Stiftskirche in das niedrige Erdgeschoss eines uralten Hauses duckt, als geniere es sich, für seinen politisch nicht mehr korrekten Geschäftszweck eine ausgewachsene Geschosshöhe in Anspruch zu nehmen. Samstag für Samstag gaben sie hier ihren Quick-Tipp ab, ohne Hoffnung auf mehr als einen scherzhaften Wortwechsel mit der verwirrend attraktiven Verkäuferin. Allwöchentlich ließen sie ihre Wettscheine der Vorwoche von ihr überprüfen, um einen ihrer flapsigen Sprüche loszuwerden. Sie bezichtigten sich gegenseitig, sich das Rauchen anzugewöhnen, wenn es nicht die Möglichkeit gäbe, die Verkäuferin unter dem Vorwand des Lottospiels zu sehen. An dem fraglichen Samstag wurde das geheiligte Ritual unterbrochen, weil Horst durch einen unaufschiebbaren Termin verhindert war. Gerhard trat alleine in das Zwielicht des mit Zeitschriften, Rauchwaren und Zubehör vollgepfropften Ladens, an dessen Rückwand eine Glastür den Blick frei gab auf den in warmes, geheimnisvolles Licht getauchten Gewölbekeller, in dem der Humidor untergebracht war. Auf ihren Brillengläsern tanzten irrlichternde Lichtreflexionen, als sich die Verkäuferin ihm zuwandte und fragte, wo er denn heute seinen Freund gelassen habe. Der kommt nicht mehr, der hat doch letzte Woche gewonnen, das müssten Sie doch wissen. Wir reden von Ihrem Freund Horst Perscher? Sicher. Das glaube ich nicht, hat er viel gewonnen. Darüber möchte ich nicht reden, aber es war schon im niedrigen zweistelligen Millionenbereich. Die Herrin des Lottospiels senkte das Kinn auf die Brust und sah ihn mit spöttisch hochgezogenen Augenbrauen über den Brillenrand wortlos an. Wirklich, ohne Quatsch, bekräftigte er. Na, dann wünschen Sie ihm viel Glück, ihr war nicht anzumerken, ob sie es ernst meinte. Der Laden war mit Menschen vollgedrängt, die plötzlich Gesprächsstoff hatten. Jeder wollte auf einmal Horst Perscher kennen, einige nannten sogar seine Adresse. Sein vermeintlicher Lottogewinn war plötzlich Stadtgespräch.
Die Frankenweide war einst Wildbannforst. Sie ist das verlassene Herz des einsamen Pfälzer Waldes. Die steilen Höhenzüge der Wasserscheide wurde früher nur von verhärmten Beerensammlerinnen aufgesucht. Holzfäller, die an den Steilhängen schnell alterten, schlugen im Winter Holz, das sie im Frühjahr auf den Floßbächen, die in den tiefen Schnittwunden der Täler brausten, in die lichte und reiche Rheinebene flößten. Auf einer Bergkuppe, die nur nach mühseliger Kraxelei zu erreichen war, stand Horst in zirka sechs Meter Höhe auf einer Europalette, die in der Astgabel einer alten, windzerzausten Eiche als Plattform befestigt war. Aus dem weichen Frühnebelmeer ragten die Bergrücken des erwachenden Waldes in das Dämmerlicht der Frühe. Über seinem Mund klebte silberfarbenes Isolierband, seine Hände waren mit Handschellen auf den Rücken gefesselt. Ein langes Stahlseil, mit einem Kuhmaul an den Handschellen befestigt, verband ihn mit einem über ihm ragenden Ast. Die erste Nacht hatte er eng an den Baumstamm gedrückt verbracht, aus Angst abzugleiten. Er hatte sich vorgestellt, wie das Seil nach ein paar Metern seinen Fall bremsen und ihm die Arme ausreißen würde. Die drei Vermummten hatten ihn Samstag Nacht überfallen. Zwei Millionen wollten sie und wurden schmerzhaft böse, als er sagte, er habe keine Ahnung, worum es ginge. Einen Teil seines Lottogewinns, man werde ihn schon weich kriegen. Sie hatten ihn in einen Kombi gezwungen, etliche Kilometer vor Johanniskreuz waren sie von der B 48 nach Osten in den Wald abgebogen. Im Morgengrauen hatten sie stümperhaft sein luftiges Gefängnis gezimmert und ihn zum „Nachdenken“ zurückgelassen. Der Knebel war überflüssig, in dieser Waldverlassenheit hätte niemand sein Schreien gehört. Heute war Dienstag und er hatte sämtliche Qualen erlitten, auch die, die er sich nicht vorstellen konnte. Muskelkrämpfe, Durst, Verzweiflung und Angst in Überdosis. Zu einem Zeitpunkt hatte er sich das Stahlseil mit drehenden Kopfbewegungen um den Hals geschlungen und war bereit, der Tortur durch einen Sprung ein Ende zu bereiten. Gestern Abend war eine große Gelassenheit über ihn gekommen. Hatten ihn die ständigen Geräusche der Nacht anfangs noch geängstigt, glaubte er jetzt, das Rascheln einer Maus von einem unruhig schlafenden Bodenvogel unterscheiden zu können. Die Rufe des Waldkauzes riefen verschollene Kindheitserinnerungen an das Dorf zurück, lange bevor es Straßenlaternen gab, als er im Halbschlaf in den Armen des Vaters von einem späten Besuch nach Hause getragen wurde. Im verfallenden Scheunengemäuer des Berger Peter hatte damals der Kauz gerufen und der alte Peter starb keine zwei Wochen später. Zu dieser Zeit hatte man nächtens den Todesvogel vor dessen Fenster gehört: kommmit, kommmit, kommmit. Dort, wo er Elmstein vermutete, stieg die Sonne triefend aus dem Nebelhandtuch. Er ließ die Kettenglieder der Handschellen durch die Finger gleiten und betete den Schmerzensreichen Rosenkranz, der in seinem Gedächtnis gänzlich verschollen war und plötzlich aus der Erinnerung auftauchte. Der für uns Blut geschwitzt hat, der für uns gegeißelt worden ist, der für uns mit Dornen gekrönt worden ist, der für uns das schwere Kreuz getragen hat, der für uns gekreuzigt worden ist. Dann war er standhafter Kreuzritter im Lager der Sarazenen, der nie seinem Glauben abschwören würde. In Gedanken leistete er Abbitte bei allen, die er gekränkt und verletzt hatte. Gegen Mittag überkam ihn die heitere Gelassenheit der Vergebung und er fühlte, dass alles gut sei. Seit dem vergeblichen Flehen seiner Kindheit hatte er nicht mehr gebetet, doch als jetzt die Sonne blutbesudelt hinter dem Stüterhof abstürzte, spürte er verwundert die zarte Hand der Großmutter, die ihm die Hände sanft faltete und die Freude, sie endlich wieder zu sehen, trieb ihm Tränen der Dankbarkeit in die Augen.