Die Erinnerung an die Olymischen Spiele 1968 hat sie mir unvergesslich mit Zigarettenglut in meinen rechten Unterarm eingebrannt, ohne dass ich einen Mucks gemacht hätte. Auch später nicht, als alles vereitert war. Sie hieß Lola und sagte „so vergisst du mich niemals mehr“. Nein, wir haben uns nicht geliebt. Sie hat mich gebraucht, um das Leben am leidenden Objekt zu sezieren und ich hätte ohne sie nie den selbstzerstörerischen Grad meiner Unbeugsamkeit ausloten können. Wären wir auch nur ein wenig selbstsicherer gewesen, hätten wir uns gelangweilt. Lola war the real thing und ist der Grund für meine ab und an durchbrechende Vorliebe für Frauen, die eigentlich in psychiatrischen Institutionen untergebracht sein müssten. Seit mehr als dreißig Jahren lebt sie nun schon im Klinikum für Psychiatrie in Klingenmünster. Ich kann also sehr wohl unterscheiden zwischen langweiligen Frauen, die an ihrer Mittelmäßigkeit leiden und Exzentrik nur spielen, indem sie sich mit weißer Nase wie Berserker aufführen und wirklich durchgeknallten Mädels. Wir hätten uns nie treffen dürfen. Einzeln waren wir harmlos wie Wasserstoff und Sauerstoff, zusammen ergaben wir eine Knallgasexplosion.
Kaum hast du die Haustür ihrer Eltern aufgemacht, hat es schon nach Geld gestunken Zum achtzehnten Geburtstag bekam sie einen NSU Prinz. Damals war die Bastlerbücher-Reihe „Wie repariere ich meinen... “ populär. Wir wollten die Reihe um den Titel „Kamasutra für den NSU Prinz“ erweitern und machten ständig Feldversuche. Sie fuhr mich zum Stadtrand. Nachdem wir alle Stellungen durchgeturnt und neue zum Repertoire hinzugefügt hatten, die manchmal der menschlichen Anatomie abträglich und schmerzhaft waren, ließ sie mich die vierzehn Kilometer ins Walddorf zu Fuß gehen. Ich hätte sie nur ein einziges Mal bitten müssen, sie hätte mich immer gefahren. Sie wollte so gerne wichtig sein und ich hätte für meine Unabhängigkeit alles gegeben. Den täglichen vierzehn Kilometern postkoitaler Nachtwanderung verdanke ich Waden wie ein römischer Legionär.
Wir haben uns weh getan. Sie hat mir die moralische Unschuld genommen, von der ich dachte, ich hätte sie nicht. Als wir miteinander fertig waren, verspürte ich Phantomschmerzen. Damals habe ich das Leben überschätzt. Töten ist Mord, weil jedes Lebewesen nur ein Leben hat, das genauso kostbar ist, wie dein eigenes. Ich hätte kein Tier getötet und habe ernsthaft über die Lebensberechtigung von Pflanzen nachgedacht. Selbst Sackratten waren vor mir sicher. In Ketama habe ich mir Läuse eingefangen, die ich beim Baden vor dem Ertrinken rettete. Später wusste ich, es muss sie große Überwindung gekostet haben, alles, was sich bewegte in meinem Beisein zu töten, um mich zu verletzen. Als ich sauer war, weil sie grundlos eine Fliege tötete, schrie sie „Du kannst mich ja wegen einer Scheißfliege in den Wind schießen und eine Tierschützerin in einem verdammten Hundezwinger flach legen.“ Sie wollte nur geliebt werden, „trotz allem“.Wir hätten den Kreis unterbrechen können, nachdem mich ihre Schwester gegen ihren Willen eingeladen hatte und ich ihre Meerschweinchen und Hasen gesehen hatte. „Lola ist so zärtlich mit Tieren.“ Ich war dumm und nannte es die Vivesektionsabteilung. Sie schrie „Du bist so clever, ich rieche dein verfaultes Gehirn bis hier her.“ Beim Hinausgehen habe ich eines ihrer Meerschweinchen unter meinem Schuh zermatscht und die halbe Nacht geheult.
Ich wollte Weihnachten nicht feiern. Sie bestand darauf, zu meinen Eltern zu gehen. Mutter hat gekocht und gebacken wie für richtigen Besuch. Lola erschien angezogen wie ein Cowboy. So hatte ich sie noch nie gesehen und wusste, das würde nicht gut enden. „Ihr scheint gut miteinander auszukommen“ meinte Mutter, um überhaupt etwas zu sagen. „Wenn er nur nicht so schnell im Bett schlapp machen würde.“ Nachdem sie in der Soße einen Hauch Kernseife festgestellt zu haben glaubte und dem Spritzgebäck zu einem Schuss Petroleum zur Verfeinerung riet, empfahl Vater ihr, nachdem sie fragte, woher der penetrante Geruch käme, ob jemand sich die Hosen vollgeschissen hätte, in einer ihr angemesseneren Umgebung zu feiern,. „Und meinen Herrn Sohn nimmst du am besten gleich mit, das ist seiner körperlichen Unversehrtheit zuträglicher.“
Er solle seinen selbst produzierten Müll auch selbst entsorgen. „Er ist ein Furunkel, am Arsch der Gesellschaft das Sie gerne als Schönheitsfleck in ihr Gesicht transplantiert hätten.“ Ich ging, wollte aber nicht mit ihr gehen. Sie fuhr langsam neben mir her. „Komm rein, wir fahren nackt spazieren und darfst mit mir machen was immer du willst.“ Wir fuhren nackt durch den unberührten Neuschnee zur Waldhütte und brachen nackt durch ein Fenster ein. Wir kämpften ineinander bis die halb erfrorenen Füße bizzelten, die Socken durfte ich nicht anbehalten, "du bist nicht bei einer Nutte." Als ich ihr Versprechen einlösen wollte sagte sie „hast du kleine Drecksau wirklich gedacht, dass ich dich das machen lasse?“ Und ich musste ihr bei jedem Stoß den Namen einer meiner früheren Freundinnen ins Ohr sagen und sie wurde ruhiger und ich bemerkte, dass sie still, aber heftig weinte, als ihre Tränen in meiner gierigen Armbeuge erkalteten. Und ich sagte ihr mehr Namen. Als ich mit meinen ehemaligen Freundinnen durch war, nannte ich die Freundinnen meiner Freunde, dann versuchte ich mich an alle Mädchennamen in unserem Stammbuch zu erinnern, das im Schlafzimmerschrank meiner Eltern in dem ausziehbaren Geheimfach oben auf dem Doktorbuch lag. Sie lag regungslos, ihre Hoffnungslosigkeit strömte wie kaltes Wasser und manchmal denke ich noch heute, wenn mein Ego damals nicht ein so gefräßiges Tier gewesen wäre, wenn ich ihr ins Ohr geflüstert hätte, dass sie die Einzige ist, dass neben ihr nichts von Bedeutung existiert, wenn ich, des Rosenkranz-beten Kundiger, die Litanei der leeren Beschwörungshülsen der Liebe herunter geleiert hätte, vielleicht wäre das Leben gut geworden.
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