Es gab auf den ersten Blick keinen Grund, weshalb Gerd Obermann bei den Frauen keinen Erfolg hatte. Dennoch hatte sein Sexualleben nicht nur nicht den Umfang, den er sich gewünscht hätte, es fand überhaupt nicht statt. Dabei war er Mitte vierzig, vielleicht etwas kleiner als der Durchschnitt, dafür im Vollbesitz seiner Haare, die nicht einmal Grauspuren oder Zeichen baldigen Ausfalls aufwiesen. Seine Erscheinung wäre in der Rubrik „Herzenswünsche“ der Lokalzeitung treffend mit „gepflegt“ beschrieben gewesen. Er kleidete sich nicht stutzerhaft oder auffällig, unterschied sich jedoch garderobemäßig deutlich von Prekariatsangehörigen. Er war in der Buchhaltung einer namhaften Firma für ökologisches, artgerechtes Tierspielzeug beschäftigt - in leitender Funktion. Gut, vom Temperament her war er nicht der Typ des Alleinunterhalters bei Betriebsausflügen oder einer, über dessen Erlebnisberichte vom Wochenende die Kollegen in der Raucherecke sich montags die Schenkel klopften. Aber er konnte durchaus in frivole und abenteuerliche Stimmung kommen. Dann wechselte er vom üblichen Old Spice Rasierwasser zu einem Eau de Toilette von Dolce und Gabana. Seine Ansprüche an die Frauenwelt waren auf Rudimentäres beschränkt, mehr als Verfügbarkeit zu erhoffen, hätte er als Spielversuch außerhalb seiner Liga erachtet. Ansprüche, etwa an Haarfarbe, Hüftumfang oder BH-Größe waren ihm nicht zustehende Vermessenheiten. Gerd O. befand sich ständig im Zustand androgenen Notstandes. Früher war er verheiratet gewesen. Ob die Ehe ihm den Knacks beigebracht hatte, oder ob sich seine Frau scheiden ließ als sie bemerkte, wie bescheuert er war, hängt davon ab, wessen Darstellung man Glauben schenkt. Der Krieg um das Umgangsrecht mit seinen beiden Töchter, die ihn partout nicht sehen wollten, hat ihn in die Arme der Psychologie, und zwangsläufig der Soziologie, getrieben. Er vereinsamte, seine Bekannten schlugen die Mantelkrägen hoch und kauften sich Hüte, die sie tief ins Gesicht zogen, um nicht von ihm erkannt und belabert zu werden. Erleichterung für seine hormonelle Unterversorgung versprach er sich durch den Besuch verschiedener Gesprächskreise, die nahezu ausschließlich von Frauen frequentiert wurden. Unwissentlich durchlief er so die typische Ausbildung zum Frauenversteher. Ihm wurden die intimsten Details erzählt, er wusste welche Dame unter Regelkrämpfen litt, welche Tönungsspülung gegen das herauswachsende Altersblond genommen wurde, einige vertrauten ihm sogar ihre Vorlieben im Bett an.Dadurch war er ständig verliebt und ein einem dauerhaften fiebrigen Zustand der Überreiztheit. Nachdem sie ihn mit derartigem Intimwissen ausgestattet hatten, wäre natürlich keine der Frauen darauf verfallen, in ihm einen möglichen Bettpartner zu sehen, was er jedoch nicht verstand und sich ständig kurz vor dem Ziel seiner Wünsche wähnte. Was er sich davon versprach, war für Außenstehende so rätselhaft wie die Zukunftsträume eines 97-jährigen Lottospielers. Dann geschah etwas, was auch für den Testosteron überschwemmten Gemütszustand eines Gerd Obermann grenzwertigen Ausnahmezustand signalisierte: Er traf Olga, Kellnerin im Biergarten eines Ausflugslokals. Olga hieß nicht Olga, wir bedienen einfach Klischees, weil sie osteuropäischer Herkunft und ihr wirklicher Name unaussprechbar war. Bekleidet mit einem Rock, dessen Materialwert gegen Null tendierte, weil kaum Stoff aufgewendet worden war, und der, wenn sie sich beim Abräumen der Tische vorbeugte, sie durch eine sichelförmige Lachfalte am Übergang von den stämmigen Oberschenkel zu den prallen Pobacken als lustige Person auswies. „Le cul qui rie, der lachende Arsch“, wie ein Scherzbold nur halb im Scherz meinte. Gerd war hin und weg. Der seit Generationen in seiner katholischen Familie aufgestaute Drang zur Heiligenverehrung brach sich Bahn. Sein Leben hatte seinen Sinn gefunden. Unter Vortäuschung von Arztterminen oder anderen fadenscheinigen Ausreden, machte er sich von seiner Arbeit frei. Anfänglich war man in der Firma noch mitfühlend. Doch auch ökologisch orientierte Firmen haben keine unkaputtbaren Geduldsfäden. Seine Entlassung erfolgte zwangsläufig. In der Folge verbrachte er seine ganze Zeit in dem Ausflugslokal am östlichen Stadtrand. Er magerte zusehends ab, weil er auf das beschränkte Speiseangebot des Biergartens angewiesen war. Zudem hatte er in Olgas Gegenwart einen Klos im Hals, was ihn am Essen und Sprechen hinderte. Dass Olga seinen Gemütszustand nicht bemerkt hätte, ist unwahrscheinlich. Wahrscheinlicher hielt sie ihn für einen Schlappschwanz und sah für sich keinen Vorteil in einem näheren Kennenlernen oder gar einer romantischen Liaison. Sie rundweg um eine Verabredung zu bitten, wäre ihm wie Altarschändung vorgekommen. Er brachte sich die Grundlagen der polnischen Sprache bei, die er in kurzer Zeit genügend beherrschte, um kleine, frühlingshauchzarte Gefühl anklingen lassende Gedichte verfassen zu können, die er wie zufällig auf dem Tisch zurückließ. Viel später erst erfuhr er, dass sie weder Polin noch dieser Sprache mächtig war. Er erlernte mit professioneller Hilfe die Biegetechnik der Thonet-Stühle-Herstellung und nutzte sie, um einen knorrigen Rebstock in Herzform zu zwingen.Unter Aufbietung sämtlicher versteckter floraler Liebesandeutungen, deren Bedeutung er dem zweibändigen Werk von Xaver Schellhaas-Kerber „Sag es mit Blumen – florale Liebesbotschaften“ entnommen hatte, schmückte er das knorrige Herz mit Grünzeug. Mittels nahezu unsichtbarer Nylonschnur brachte er zur unmissverständlichen Krönung eine rote Baccara Rose in der Herzmitte in die Schwebe. Zusammen mit einem Billett, in dem er anfragte, ob er hoffen dürfe, deponierte er das fragile Konstrukt auf dem Balkon ihrer Wohnung. Da derart dralle Fahrgestelle die alten Bären anziehen wie Honig, war er nicht der Einzige, der sich um die Gunst der oststämmigen Dame bewarb. Seine Mitbewerber gingen unverblümter und handgreiflicher zur Sache. So war es kaum verwunderlich, dass einer von ihnen, auf Olgas mit tiefer, Blutwellen auslösender slawischer Stimme gestellte Frage „hasst du gemaaacht Holzherz“ mit „Ja“ antwortete. Nun wähnte sich Olga am Ziel ihrer ost-westlichen Kandidatenwahl, die Heirat mit dem falschen Romantiker, der sie schon auf der Hochzeitsreise verprügelte, fand kurz später statt. Gerd gab sich für eine Weile der Trunksucht hin, ja man munkelte, es seien auch härtere Drogen im Spiel gewesen. Inzwischen ist er längst über dem Berg, hat wieder Arbeit, stellt sich sogar besser als vorher; die Sache ist auch Jahre her. Eigentlich wäre sie nicht erwähnenswert, wenn Gerd nicht unlängst vor dem St. Martin mit Olga, mittlerweile geschieden, mit drei Plagen, fett wie eine schwangere Atombombe und die Haare so ölig, dass sie damit Salat anmachen könnte, gesehen worden wäre. Man munkelt, sie sei bei ihm eingezogen.
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