Als er gegen 19.00 Uhr die Hotelbar in der Leipziger Innenstadt betrat, war Alfred Mischler unschüssig, ob er die fünfstündige Fahrt nach Hause noch antreten, oder, wie geplant, die Nacht im Hotel verbringen sollte. Die Verhandlungen waren flüssiger voran gegangen als geplant, und der Vertragsabschluss war eine Formalität, die der Verhandlungsführer der Gegenseite schnell hinter sich bringen wollten, um mit der Familie Abend essen zu können. Der einzige freie Platz am Tresen war zwischen einer nicht unattraktiven Brünetten und einem wesentlich älteren Mann, der seine Wampe auf den Oberschenkel liegen hatte. „Ist hier noch frei?“, fragte er. „Das ist Ihr Platz“, sagte die Brünette. Alfred Mischler war in Bezug auf Frauen kein Kostverächter. Er gehörte aber auch nicht zu der Notgeilenfraktion der Geschäftsreisenden. Das sind die Männer, die abends um sieben in die Hotelbar einlaufen und etwas zum Flachlegen suchen, um zehn in irgendeine Disco wechseln und vor denen sich, wenn sie nach erfolgloser Nacht um sechs Uhr morgens zurückkommen, die Reinemachefrauen hüten müssen, sich über den Putzeimer zu bücken.
Mit Ulla Hupprich, so hieß die Brünette, fühlte sich Mischler sofort wohl. Vom ersten Augenblick an stimmte die Mischung von Vertrautheit und Flirtdistanz. Er lud sie zum Abendessen ein, und als sie mit auf sein Zimmer kam, war dabei nichts Schlampenhaftes, es schien das Natürlichste und Folgerichtigste von der Welt zu sein.Im Bett ließ sie genug zu, dass er wusste, da war noch mehr möglich, aber nicht beim ersten Mal. Zunächst schrieben sie sich täglich E-Mails und sahen sie sich ein- zwei Mal im Monat, wenn er in Leipzig oder Umgebung zu tun hatte. Dann verbrachten sie regelmäßig die Wochenenden zusammen. Als er zum Marketing Director befördert wurde und nicht mehr draußen herum vagabundieren musste, zog sie zu ihm. Kurz darauf heirateten sie.
Die Eingewöhnung in die Routine des Ehelebens fiel leicht. Der Gesprächsstoff ging den beiden nicht aus und die ständige Anwesenheit des Anderen empfanden sie als angenehm. Alfred war recht häuslich. Er arbeitete zwar zehn bis zwölf Stunden, aber er trieb keinen Sport, nahm den Landfrauenvereinen nicht die Plätze im Theater weg und ging zu Gesellschaften nur, wenn es unumgänglich war. Einzig mittwochs versäumte er seinen Stammtisch nicht, den keiner der Beteiligten, die sich alle seit Kindheitstagen kannten, so bezeichnet hätte. Über Politik wurde nicht debattiert, alle hatten etwa deckungsgleiche Ansichten, die in Anmerkungen zu aktuellen Ereignissen deutlich wurde. Der eine hätte gerne die Kommentare arabischer Kabinette nach der Abreise einer Kanzlerin mit ihrem schwulen Ausenminister gehört. Was hat die Amerikaner geritten, sich einen Präsidenten zu wählen, den sie als Kind durch die Rassendiskriminierung traumatisiert hatten, fragte ein anderer.
Frauen waren in ihrem Kreis ein Thema, das höchstens am Rande gestreift wurde. In Sätzen wie „ich muss früher weg, meine Frau wartet“, oder „Lilo will eben unbedingt diese Treckingtour machen“, oder Elvira nervt mich ab, sie besteht darauf, dass ich zur Elternversammlung komme.“ Als Edwin Tromsen sich früher verabschiedete, weil er mit seiner neuen Freundin zum Essen verabredet war, wurde gesprächsweise erwähnt, dass er sie über eine Dating Platform kennengelernt hatte. „Hast du in der freien Wildbahn keine mehr abbekommen?“, frotzelte Alfred. „Das sind die Errungenschaften des Fortschritts“, gab Edwin zurück. „Das ist wie ein Jagdausflug nach Russland, wo die Hirsche in einem Gatter zusammengetrieben und von Hochständen aus zusammengeballert werden.“ Tajo, der Alfreds hitziges Temperament kannte, wollte schlichten: „Reg dich nicht auf, das ist ganz normal heute.“ „Das ist eben das Schlimme, die ganzen Dinge, die heute normal sind. Was sind das für Burschen, die sich in solchen Foren herumtreiben? Wie preist man sich selbst an als potenzielle Ware? Wie hast du das gemacht Edwin? Etwa: < Bestechend aussehender Enddreißiger mit riesigem Aufstiegspotenzial>, denn das hast du ja, bei deiner Position in der Firma ist nach oben noch ganz viel Platz.“ „Jetzt mach mal halblang, Alfred, Erwin hat nichts getan, als eine Frau getroffen“, sagte Tajo. „Klar, aber wie? Eine Frau die einen Brunftschrei in die Welt abgelassen hat, den zufällig er gehört hat. Er war ja nicht gemeint, sondern ein x-beliebiger Typ, er hat nur zufällig geantwortet. Das ist erniedrigend.“ „Mein Gott, wo ist der Unterschied, ob du jemanden im Restaurant kennen lernst oder im Netz?“ „Der Unterschied ist der, dass ich die Person sehe und kein Foto, das vielleicht dreißig Jahre alt ist oder überhaupt nicht von ihr stammt. Dass, wenn ich mit ihr Augenkontakt habe, sie mich meint und nicht irgend einen Vertreter meines Geschlechts. Dass ich das Prickeln habe, sie anzusprechen, auch mit der Gefahr eine Abfuhr zu kassieren. Ich höre ihre Stimme, sehe, wie sie sich bewegt, wie sie reagiert. Wie könnte ich mich in jemanden verlieben, der aus Gründen der Schreibökonomie Halbsätze mit Kürzeln schreibt wie ein Idiot? Warum bestellt er sich keine aus dem Katalog? Geizig, Edwin?“ „Du bist ein Arschloch, mit dir würde kein Hund aus einem Tierheim mitgehen, so fies bist du, Alfred.“ „Und du bist ein halbschwuler Feigling, du willst dich mit einem Klick zurückziehen können.“
„Jetzt reicht es aber, Alfred,“ polterte Jan vom anderen Tischende. „Die ganze Zeit habe ich gedacht das ist ein Scherz. Wieso willst du Edwin rund machen für etwas, was du genauso getan hast?“
„Sag mal, habt ihr alle den Verstand verloren? Ich war in meinem Leben noch in keinem Dating Portal.“, entrüstete sich Alfred. „Komisch, deine Ulla hat meiner Frau erzählt, ihr hättet euch bei „dreamcouples.de“ kennengelernt und euch in einer Leipziger Bar getroffen, da hätte es dann gefunkt. Vielleicht war das ja dein erstes Mal, ganz schön tollpatschig sollst du dich angestellt haben. „Ist hier noch frei?“ hast du angeblich gefragt.“
Alfred verließ das Lokal eine zehnminütige Gesichtswahrzeit später und checkte in einem Hotel am Halleschen Tor ein. Eine Woche später hatte er eine gemütliche Wohnung in der Dimpfelstraße angemietet. Drei Monate später trat er die Geschäftsführerstelle in Mexiko an, die für die Firma so schwer zu besetzen war. Bis die Anwälte alles geregelt hatten, dauerte es noch etwas länger.
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