Am Dienstag, den 12. Juni 1945 kurz nach dem Mittagessen wurde Hans Weller durch einen Feuerstoß aus einer Kalaschnikow erschossen. Ein stattlicher, gesunder Mann von 43 Jahren war er dem der Krieg dank seiner Spezis in der Partei nie näher gekommen als zur Besichtigung der Schäden der Bombennacht vom 28. September ´44, die den Kotten in Schutt und Asche gelegt hatte. Zwar in Parteifunktion, aber schon nicht mehr in Uniform, war er am Morgen des 20. März ´45 Zeuge des Abtransports von Oberst Böhm, der sich mit Veronal vergiftete, um den Befehl, die Stadt Kaiserslautern bis zum letzten Mann zu verteidigen, nicht ausführen zu müssen und dieser so die Zerstörung ersparte.
Der Schütze, Ischenbai Akajew, aus einem kleinen hinterkirgisischen Weiler in einem der Bergtäler nahe dem See Yssykköl, war am Sonntag zuvor in der Entourage eines russischen Verbindungsoffiziers in Wellers gediegene, von Zerstörung verschont gebliebene Backsteinvilla „Im Kamelienweg 32“ am nördlichen Stadtrand gekommen. Weller, mit seinem hoch sensiblen merkantilen Gespür, hatte den amerikanischen Kommandeur der Besatzungsgarnison und dessen russischen Aufpasser zu einem Essen eingeladen, und anschließend mit für alle Beteiligten lukrativen Vorschlägen aufgewartet. Das Begleitpersonal vertrieb sich unterdessen die Zeit im weitläufigen Anwesen.
Ischenbai Akajew, hätte er etwas zu sagen gehabt, wäre mit den Deutschen anders umgesprungen. Er war nicht tausende von Kilometern aus der Steppe gekommen, um im Garten eines der Verlierer zu warten. Nachdem er etliche Zigaretten geraucht und das Päckchen Kaugummi gegessen hatte, das ihm ein schwarzer Amerikaner zugesteckt hatte, dessen gute Absichten er mittlerweile stark in Zweifel zog, da ihm das Zeug wie ein Stein im Magen lag, begab er sich auf Erkundungsgang. Er war fest entschlossen, irgend etwas mit nach Hause zu nehmen, das seinen Erzählungen daheim Glaubwürdigkeit verleihen und ihm das Gefühl geben würde, die Strapazen hätten sich gelohnt.
Die großen Schrauben in den Wänden, aus denen Wasser kam, übten auf den Mann aus der Steppe eine unbeschreibliche Faszination aus. Der Auflauf vor seiner Hütte, wenn es hieße „bei Ischenbai kommt Wasser aus der Wand“, unvorstellbar. Im Garten der Villa Weller war eine solche Schraube an die Hauswand montiert. Sie glänzte wie pures Gold und hatte die Form eines Hahns. In einem unbeobachteten Moment versuchte Ischenbai den Hahn aus der Wand zu reißen und wurde vom Hausherrn überrascht. Ob aus leutseliger Stimmung nach viel versprechenden Gesprächen, Burbon und Zigarren oder aus Angst vor der Entschlossenheit, mit der sich der Kirgise des Wasserhahns zu bemächtigen versuchte oder gar nur aus dem Wunsch, sich einen Spaß auf Kosten der Sieger zu erlauben, jedenfalls stellte Weller den Abschlusshahn im Keller ab, schraubte den Messinghahn aus der Außenwand und überreichte ihn dem überglücklichen Ischenbai, der drauf und dran war, seine Meinung über die Deutschen zu revidieren.
Redliches Bemühen war ihm nicht abzusprechen. Ischenbai Akajew hatte den ganzen Montag an allen erdenklichen Wänden erfolglos seine Wasserschraube zur Aufnahme ihrer Bestimmung zu bewegen versucht, bevor er mit dem flammenden Zorn des Betrogenen seine Maschinenpistolengarbe auf Hans Weller abfeuerte.
Diese Geschichte von missverstandenem Ursache- und Wirkungszusammenhang kommt mir immer wieder in den Sinn. Wenn ich z.B. „Klimadiskussionen“ höre. Was ist schlimmer, die Viehzucht mit 18% der CO 2 Produktion oder der motorisierte Verkehr (14%). Welche Kraftwerksart hat die zweifelsfrei belegten Klimaschwankungen früherer Zeit ausgelöst? Wie seriös sind Rückschlüsse aus 100 Jahren Wetterbeobachtung? Wo ist das Waldsterben, wo das Flüssesterben? Macht Bier dumm oder lässt es Männern Brüste wachsen? Ist der Leber schädigende Effekt von Rotwein signifikanter als der Infarkt präventierende? Verursacht Oralverkehr tatsächlich Zungenkrebs? Es scheint dem Menschen Bedürfnis zu sein, sich ständig in Gefahr zu sehen, als sei Zufriedenheit der einzige unter allen Umständen zu vermeidende Zustand. Ich bin sicher, inzwischen hat Ischenbai Akajew in seiner zu einem Haus gewachsenen Hütte fließendes Wasser. Ich bin aber auch sicher, glücklicher hat es ihn nicht gemacht.