Nachts kannst du die Uhr nach ihm stellen. Alle zwei Stunden erwacht er aus breiigen Morastträumen. Um sein Bett herum stehen mehr leere Flaschen als im Leergutlager einer Großkneipe. Er trinkt mit geschlossenen Augen. Drüben antwortet der heißere Krammetvogel den traumwirren Rufen des Pestgeiers. Er will den Wohnblock nicht sehen, der seinen Hinterhof bedroht. Am Grau, das durch seine Lider dringt, erkennt er , ob es schon gröbelt; sein Zimmer geht nach Osten. Giselher ist Spiegeltrinker. Manchmal, an der Tagesscheide, blitzt Verständnis auf und er glaubt, die Zusammenhänge des Lebens verstanden zu haben, aber er kann das Wissen nicht festhalten. Der Verlust macht ihn unsäglich traurig. Manchmal liegt er in seinem Kinderbett, auf dem Hof scharren glucksige Hühner und Mutter hantiere in der Küche. Bald ist Frühstück. Durch das geöffnete Fenster strömt der süßliche Duft der Krummetmahd; der Wald hallt wider von unbeschwertem Lachen. Die Borden leiern, wenn Mutter vorsichtig an seinem Zimmer vorbeischleicht, um ihn nicht zu wecken. Er zieht den Alkohol um seinen schlotternden Körper wie eine flauschige blaue Decke.
Mutter ist seit zwanzig Jahre tot. Um sieben, im dunstigen Herbstlicht, steht er vor der Suppenküche der Franziskaner. Zwei Brötchen und Kaffee. Sein Geregeltes, kleinbürgerlich bis in die Gosse. Ich hasse ihn, versoffene Sau, weil er sein Leben nicht auf die Reihe kriegt, oder zumindest vortäuscht. Ich hasse meine Eltern, die mir einen unauslöschlichen, dummen Code eingeprägt haben: Arme Menschen sind gut. Noch keiner ist durch Armut ein besserer Mensch geworden. Ich hasse die rührselige Geschichte von den armen Holzfällerkindern aus einem Kinderbuch, die ich nicht loswerde. An Heilig Abend verlieren sie das letzte Brotgeld im Schnee. So armselig, dass selbst das Schicksal Erbarmen zeigt. Aber das wirkliche Schicksal ist erbarmungslos. Ich hasse ihre Hütte am Waldessaum, aus deren Fenster ein warmes, rührseliges Hoffnungslicht scheint. Hasse mich selbst, weil ich mich einspannen lasse wie ein Weichei. Der Fuhrmann selbst hat die Karre im Dreck längst aufgegeben. Warum soll ich in die Speichen greifen? Wer will hier was wem warum und wie beweisen? Ich beneide ihn, weil er so gnaden- und mitleidslos konsequent gegen sich selbst vorgeht. Sich kein Pardon gewährt, sich überrollt wie ein Panzer.
In der ARGE. Knurren und Zerren über den Schreibtisch hinweg um Zustehendes. Die Sachbearbeiterin ist jung und kämpft nicht aus Pflichtbewusstsein, sondern aus Bosheit. Sie trägt eine dicke Brille und macht das Fenster auf, weil Giselher zum Gotterbarmen stinkt. Nach Fusel, nach altem Schweiß mit Kopfnote Kot. Eigentlich stehe ich auf ihrer Seite. Sie macht es mir leicht, sie nicht zu mögen. „Alkoholismus ist eine Krankheit,“ sage ich blödsinnig. Das hat politisch korrekt gesessen, jetzt sind der Sesselfurzerin die Räume eng gemacht. Ich kämpfe um Giselhers Stütze, obwohl ich ihn ins verschärfte Arbeitslager stecken würde. Beinahe hätte ich ihm die Hand auf den versifften Ärmel gelegt, auf dem eingetrockneter Rotz wie eine Schneckenspur schimmert, als ich sein „Arschloch“ hochkommen spürte. Stattdessen fahre ich ihn kurz an, was die ARGE-Tusse als Parteienverrat ansieht und sich lächelnd einschleimen will. Keine Rotzspur auf meinem Gewissen! Ich bin zu subtileren Beleidigungen fähig. Nicht justitziablen. Die Maschen des Sozialsystems sind eng geknüpft, nur die Stärksten können entkommen. Die mit Wartenden vollgepferchten Flure bedrücken mit ihrer Einsamkeit der Schicksale.Wie er dasitzt, zappelig, ungezähmt durch Regelmäßigkeit, mit den Händen flirrend wie eine Wespe im Paral-Todeskampf. Was tue ich hier? Bin Samariter nicht, noch Kommunist. Meine gesellschaftspolitischen Ansichten sind festgefügt, ich scheitere lediglich am Einzelschicksal, wenn die Theorie ein Gesicht bekommt. Ohne Ellenbogen kommst du nicht weit. Wie bist du hier gelandet?
Nun holt er Fotos aus der Brusttasche und Briefe und Geschichten aus den Ecken der Erinnerung. „Komm nach London“, hatte er ihr geschrieben, „wenn Big Ben Mitternacht schlägt, werde ich meinen Kopf in dein Haar vergraben.“ Später. „Ich bin versetzt, nach Paris, mit Lohnerhöhung und Gewinnbeteiligung, ich bin es Leid, alleine zu sein, im Jardin des Tuileries werde ich deinen Namen in den Rasen mähen.“ Er brach in Prag. Er hätte alles für sie getan und kam zurück. Zwei Kinder später putzte sie mit seiner Zahnbürste das Klo, so fett war der Hass geworden. Wenn du aufhörst zu siegen, verlierst du. Sie wussten, dass sie ohne einander Leben konnten, das tötete die Liebe.
Ich setze mich ihm gegenüber, der Gestank nicht auszuhalten. Was den Menschen, zumindest in seiner kultivierten Ausprägung, vom Tier am wesentlichsten unterscheidet, ist eine olefaktorische Unverträglichkeit der eigenen Gattung. Das bei Hunden und anderen Säugern zu beobachtende ausgiebige Beschnüffeln ist für den Kulturmenschen nur mit Hilfe einer Duftindustrie möglich. Abgesehen von gelangweilten, underfucked Vorstadtschlampen, die von schweißtriefenden, penetrant riechenden, muskelbepackten Monteuren träumen. Oder Napoleon, der seiner Josephin schrieb: „Je reviens en trois jour, ne te lave pas. Ich komme in drei Tagen zurück, wasche dich nicht.“
Während ich mir vorstelle, wie sich zwei Hunde beschnüffeln und sich angeekelt schüttelnd abwenden, wird seine Nummer aufgerufen. Sein Scheck ist fertig. Wir trennen uns, er muss jetzt was trinken, drüben im Bahnhof. Auf dem Heimweg bin ich durcheinander, irgendetwas lief schief und ich habe keine Ahnung, wie es zu richten wäre.