Sonyas Verhältnisse waren außerordentich verworren. Zum einen lag das an ihrer ausgeprägten Entschlussfreude bei geringem Beharrungsvermögen, zum anderen an der Unmöglichkeit, das Ideal, das sie für sich anstrebte, mit ihren tatsächlichen Neigungen ein Einklang zu bringen. Trotzdem empfand sie ihre Situation als im Großen und Ganzen gut geregelt. Für ihre drei Söhne hatte sie vier verschiedene Väter. Sie weigerte sich, aus Gründen, die nur vermutet werden konnten, an der Aufklärung der Vaterschaft für ihren Ältesten mitzuwirken, so dass Volker Anhorn und Julian Zemper erbittert darum stritten – natürlich ohne die geringste Aussicht auf Klärung. Dem Jungen schade dies nicht, im Gegenteil, wenn man an die Geschenke zum Geburtstag und an Weihnachten denke, wo sich die beiden Väter durch den Umfang der Geschenke zu legitimieren suchten. Auch die Auswahl ihrer Männerbekanntschaften war nicht immer ganz astrein. Im statistischen Mittel waren sie altersmäßig angepasst, doch nur weil sie viel älter oder viel jünger waren. Nasser, aus begütertem Haus, musste Afghanistan in einer Nacht-und-Nebel-Aktion verlassen, nachdem bei einem Buzkashi, ein Sport, wo zwei Reiterhorden sich um einen Ziegenkadaver streiten, Sodomie-Gerüchte aufgekommen waren. Die Sache mit Bernd hatte das Zeug zu etwas Dauerhaftem. Sie lernten sich im Juni kennen, als er im Stadtpark neben einer Bank im Lotus-Sitz mit himmelwärts gewandten Händen in der Sonne meditierte, sein Palästinenser-Tuch ausgebreitet vor ihm, und Sonya ihm eine Euro Münze hinein warf.. Er protestierte und lud sie zu einem Lassi beim Inder ein. Der fünfzigjährige Bub war leicht zu durchschauen. Er protestierte gegen kleine Gaben, weil er große verlangte. Nein, ausnehmen ließ sich die sparsame Sonya so leicht nicht. Beim Feilschen um den Preis für ein Auto, war der Gebrauchtwagenhändler derart von ihrem Verhandlungsgeschick beeindtuckt, dass er ihr eine Stellung anbot. Am Ende reichte es zwar nur für einige Stellungen im Bett des Gebrauchtwagenhändlers, was aber preislich den Ausschlag für den Erwerb des Wagens gab.
Theo, Angestellter der städtischen Wohnungsbaugesellschaft, kam, um eine Schimmelbildung in der Fensterecke des Wohnzimmers zu begutachten und blieb knapp zwei Monate. Er hätte länger bleiben können, hätte er sich im Haushalt ein wenig nützlicher gemacht. Als Sonya nämlich kurz nach Weihnachten die Verpackungen auf dem örtlichen Wertstoffhof entsorgen wollte und sich von den Ein-Euro-Jobbern schikaniert fühlte, beschwerte sie sich beim Leiter, der sie zu einem Cafe einlud. Auf Theo´s Handy-Terror hin - er bezeichnete sie als Rabenmutter und drohte das Jugendamt einzuschalten, falls sie nicht unverzüglich zurückkomme - kehrte sie vier Tage später mit Georg, dem Papiermüll-Chef im Gefolge, nach Hause zurück. Georg warf Theo, der im Bewusstsein körperlicher Unterlegenheit wenig Gegenwehr leistete, aus der Wohnung. Die Aktion wäre völlig unspektakulär verlaufen, hätte Theo seine Tasche mitgenommen. Georg warf sie ihm, nicht einmal in wirklich böser Absicht, aus dem Fenster nach, sie streifte im Fallen unglücklich das Balkongeländer der Familie Lewandowski, riss auf und verstreute ihren Inhalt über mehrere Balkone und den gesamten Vorgarten. Bei dem Inhalt handelte es sich nicht, wie zu vermuten wäre, um Wechselwäsche und Körperpflege-Utensilien, sondern hauptsächlich um eine Sammlung übelster pornografischer Magazine von der Art, die in Sex-Shops, wie du und ich sie frequentieren, nicht einmal unter der Ladentheke erhältlich sind. Was sage ich, ein ordentlicher Sex-Shop-Betreiber wäre schockiert, wenn er um die Existenz von solchem Schweinkram auch nur wüsste. Aus der aufgeplatzten Tasche dotzten Silikon-Nachbildungen menschlicher Körperteile in mönströser Übertreibung wie Flumi-Bälle über den Plattenbelag des Eingangsbereichs. Die einzigen Wäschestücke waren aus Leder verfertigt und Nieten-besetzt, augenscheinlich für den Alltagsgebrauch nicht wirklich verwendungsfähig. Das Einsammeln des Tascheninhalts dauerte, obwohl (oder weil) einige Mieter mithalfen, sehr lange und geschah auch nicht vollständig ohne Schwund. Der vierjährige Sohn der Rieders aus dem ersten Stock machte vier Wochen später die Sandburg seines Freundes mithilfe eines Hartgummi-Artefakts platt. Seine Großmutter entriss es ihm schwer atmend, mit hochrotem Kopf und steckte es, nachdem sie sich nach allen Seiten umgesehen hatte und nur Kinder anwesend waren, in die Innentasche ihres Mantels. Wir brauchen nicht um den heißen Brei herumzureden, war für Sonya kein Bleiben mehr in dieser Wohnung.
Als ich Sonya nach ihrem Umzug bei mir im Treppenhaus traf, hatte ich eben meinen Job als Aushilfskraft beim Grünflächenamt verloren und wartete auf eine Antwort auf meine Bewerbung als Über-Kopf-Schweißer auf einer Bohrinsel vor der Küste Norwegens. In meiner Verzweiflung schrieb ich Briefe „Zwei, die Verbannung nur und der Verbannte sind hier“ und hoffte auf die Unkenntnis des Adressaten der Anthologia Latina. Abgemagert an der Seele, weigerte ich mich, von der Leidenschaft in Anspruch genommen zu werden. Ich verhinderte nicht, dass sie bei mir einzog – mit den drei Plagen. Ich turnte das mir abverlangte Sex-Programm stoisch, mit viel Apathie, ab, weder zu meiner noch zu ihrer Freude. Als ich mich weigerte, mehr Affekt in unsere Beziehung zu bringen, indem ich mich nackt mit Brennnesselbündel schlagen ließ, geriet unsere Beziehung in eine Krise. Sie sei des Herumzigeunerns müde, wolle wissen, wo sie hingehört, eine Perspektive haben, einen vertrauten Körper beim Einschlafen und Aufwachen spüren, wissen, wer abends das Essen isst, das sie mittags gekocht hat, kurz, ich war als ihre letzte Liebe auserkoren.
Das hielt ich ihr vor, als sie mit diesem ungeschlachten Bodybuilder auftauchte, der mich meiner Wohnung verwies. „Was ist mit deiner Sehnsucht nach Stetigkeit, deinem angeblichen Verlangen nach einem geregelten Leben, dem Ende des Vagabundierens von einem Mann zum anderen?“ Ihre Augen waren umflort, wichgezeichnetes, verliebtes Lächeln umspielte ihre Mundwinkel, als sie antwortete „Heiner geht noch.“ Du siehst, ich habe nicht immer im Obdachlosenasyl gelebt.
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Do, 03/12/2009 - 19:24
Habe in der kostenlosen Zeitschrift "Willi" Ihren Text "Mit eigenen Augen" gelesen. Finde ihn literarisch und sprachlich sehr gut und anspruchsvoll. Erinnert mich - wenn ich mich recht erinnere - sprachlich etwas an Bodo Kirchhoff. Oder täusche ich mich da?
Bitte weiter so, denn gute Texte braucht das Land!
Gruß Zarathustra-4
Di, 01/20/2009 - 16:02
supi
Sa, 01/24/2009 - 21:44
Wie versprochen .... Keiner .... Deiner .... oder eher Heiner .... *schmunzel*. Ich bin für Linsensuppe !