Sie kommen zurück. Aus München, Berlin, Paris, Zürich, Filderstadt, New York, Schottland oder einem kleinen Kaff in Australien, das auf keiner Karte zu finden ist. Sie kommen zurück, getrieben von einem nicht benennbaren Instinkt der Sehnsucht.Manche verließen die Stadt als kraftstrotzende, unbändige junge Überflieger, unter deren brachialem, unzähmbarem Tatendurst man die Nähte der zu engen Heimat bersten zu hören glaubte. Manche schlichen fort mit eingezogenem Schwanz, konnten Erwartungen nicht erfüllen, Hürden nicht überwinden, hofften auf ein leichteres Umfeld in der Fremde. Und manche gingen, weil es das Schicksal einfach so entschied, folgten Männern oder Frauen, nahmen Versetzungen an, die den Weg zurück versperrten. Irgendwann fanden sie sich so weit draußen, dass sich die Umkehr nicht mehr zu lohnen schien angesichts der lockenden Gestade auf der anderen Seite. Einige hat man zwischendurch gesehen, wenn sie die Eltern besuchten, Unaufschiebbares erledigten oder im Urlaub vorbeikamen, weil es auf dem Weg lag. Anderen wird man wieder vorgestellt und sucht in dem gefurchten Mienenfeld ängstlich nach den bekannten jungen Gesichtszügen von einst.
Die einen kommen schwer beladen von dem Beutezug des Lebens in der Fremde an das friedliche Feuer der Kindertage. Hatten Erfolg in der Ferne und schmecken im Alter dessen Schalheit. Weise Männer und Frauen, die längst eingesehen haben, dass sie die Welt nicht verändern konnten und froh sind darüber. Vor dem Hintergrund plätschernder Brunnen kann man mit ihnen verständig über Belangvolles reden. Weil sie nicht hier sein konnten, haben sie sich über die Entwicklungen in der Heimat informiert, haben sich mit unserer Geschichte befasst. Wissen genauestens über die viereinhalbtausend Jahre alten Funde der Bandkeramiker am Blechhammer Bescheid, kennen die Ausgrabungen von Rössener Kulturfunden am Kalkofen, erzählen Anekdoten von der Hochzeit Richards von Cornwall im Jahr 1269 in unserer Stadt. Geraten ins Schwärmen über die Schlacht von Morlautern vom 28. und 29. November 1793, die in die Militärgeschichte einging, kommentiert von Blücher, als beispielhaft von Clausewitz bemüht, bei der der Herzog von Braunschweig den Revolutionsgeneral Hoche besiegte , obwohl diesem die doppelte Anzahl von Truppen zur Verfügung standen. Ich höre ihnen gerne zu, den Heimkehrern, wenn sie erzählen, wie 1804 Napoleon selbst nach Kaiserslautern kam, in dem Gebäude der heutigen Tanzschule Metzger wohnte und das Schlachtfeld besichtigte. Bei dieser Gelegenheit bat ein Apotheker, eine baufällige Kapelle an der Stiftskirche abreißen zu dürfen. Dort erbaute er seine 1809 eröffnete Apotheke, schmückte sie zu Napoleons Ehre mit dessen Adler und nannte sie Adlerapotheke. Ich wusste nicht, dass Friedrich Engels eine Nacht im Kantongefängnis eingelocht war, das damals in der Mühlstraße 25 untergebracht war. Trotzdem gefiel ihm der Kaiserslauterer Lifestyle ausnehmend gut: man habe „fidele pfälzische Schoppenstecher zu Beamten ernannt.“ Oder: „Die Massen geistigen Trankes, die verzehrt wurden, überstieg alle Berechnung.“ So ernst war die Revolution gar nicht gemeint. Allerdings hat Hermann Löns, der ständig besoffen war, weniger gute Erfahrungen mit der Kaiserslauterer Toleranz gemacht. 1892 wurde er von der „Pfälzischen Presse“, die ihre Redaktion in der Fruchthallstraße hatte, etwa dort, wo das alte Gondrom-Gebäude steht, wegen seiner Trunksucht entlassen.
Die anderen kommen mit leeren Händen, sind misstrauisch geworden durch Misserfolg und versuchen, ihren Zynismus als Weltläufigkeit zu verkaufen. Sie haben so lange in fremden Sprachen und Dialekten gesprochen, dass ihrem Wort nicht mehr zu trauen ist. Sie setzen sich neben dich ohne zu fragen, ob es dir recht ist. Sie klagen über die Provinzialität in die sie gezwungen sind, die nach dem Leben in der Großstadt unerträglich sei. Sie machen sich lustig über Vernissagen in Autohäusern und Ausstellungen in Kundenhallen. Lästern über unser Theater als Belustigungsstätte donnersbergischer Landfrauenvereine. Jeder zweite Satz beginnt mit „in Berlin haben wir...“ oder „damals, in New York...“. „Verdammt noch emol, warum bische dann net mit em Arsch in New York geblib, wanns so schää war?!“, bin ich versucht zu fragen, unterdrücke es aber aus Höflichkeit – oder, ehrlicher, aus Konfliktscheu. Ich kenne den Grund schon: Kalt war es geworden in den fernen Städten, wo sie nie heimisch geworden waren, wo sie Menschen Freunde nannten, nur weil sie denselben Golfplatz besuchten. Wo sie Tage lang die Straßen durchwandern konnten, ohne ein bekanntes Gesicht zu treffen. Wo die Bäume andere Formen hatten und nicht auf Pfälzer Buntsandstein wuchsen, vom Humbergturm bewacht.
Ich liebe diese Stadt, wo ich an jeder Ecke mit einem Bekannten plaudern kann, wo mir Manfred über den Martinsplatz zuruft „komm, trinken mer ääner“, wo ich weiß, in welchem Biergarten um wieviel Uhr die Sonne steht oder schon Schatten ist, wo ich die wunderbaren Mädels von einst bei ihren Metamorphosen zu Matronen oder Damen beobachten durfte, wo ich beim Italiener am nächsten Tag bezahlen kann, wenn ich meine Brieftasche vergessen habe, wo ich nur die Augen schließen muss, um das Karstadt-Gebäude verschwinden zu lassen und den Fackelbrunnen mit dem großen Parkplatz wieder vor mir zu sehen, wie vor vierzig Jahren, wo der Weltschmerz süß wie Kinderängste durch vertraute Gassen streicht und wo Andy Kuntz zu seiner Musik inspiriert wird und nicht weggehen würde, selbst wenn die Amberger ihm freie Unterkunft auf Lebenszeit, anstatt für eine Woche, bieten würden. Aber das Lob des Daheimgebliebenen ist gering zu veranschlagen; die größten Komplimente machen die zurückgekehrten verlorenen Söhne und Töchter, eben durch ihre Heimkehr - scheiß auf Berlin, Paris und alle australischen Käffer!