Eins um das andere, als mache der Herr des Maimarktes schweren Schrittes die nächtliche Runde durch sein Jahrmarkt-Haus, erloschen die Lichter der Süßwarenstände. Die Fahrgeschäfte spielten keine Musik mehr, und die Losverkäufer waren zu müde zum Animieren. Die Mutigen, die keine Angst hatten, nicht zu gehen, wenn es am schönsten ist, drängten sich in der Lichtoase des Schwarzwaldhauses und versuchten, durch rituelles Trinken von Wodka-Feige, Pflaumen in Zwetschgenwasser und Himbeermus in Himbeergeist, das kleine kurze Glück zu konservieren. Wenn man nur lange genug wartete, wer weiß, vielleicht käme das große Glück vorbei, ließe sich festhalten, mit nach Hause nehmen.
Sie stand unbeteiligt mit starrem, abwesenden Blick am Rand einer kleinen Gruppe von Imbissverkäuferinnen. Sie langweilte sich nicht, denn sie war nicht da. Ihr Tief-Trauer-farbenes Haar spross wirr um ihren Schädel, zu Keratinfilamenten erstarrte, nach außen gewachsene Fortsätze ihrer gequälten Gedanken. Über ihren ausgemergelten flachbrüstigen Oberkörper hatte sie ein T-Shirt mit Skelettaufdruck gezogen. Ihre entzündungsroten Hände zeugten von Waschzwang. Ihre Zwänge und Neurosen hätten als Anschauungsmaterial für die Ausbildung mehrerer Jahrgänge von Psychoanalytikern ausgereicht. Ich sprach sie an, weil ich Stimmen von Freaks sammele. Wann immer ich Durchgeknallte, Abgereiste, sehe, verspüre ich einen Drang ihre Stimme zu hören und im Gedächtnis zu speichern. Nicht an Schädelproportionen oder Gehirnmorphologie, an der Stimme, glaube ich, kann man die erkennen, die nicht dazugehören, ihre Schlafkuhlen am Rande gebaut haben und nur zu Besuch kommen. Ihre Stimme war flach, träge im Ton, wie ein sommerlicher Dorfbach bei Niedrigwasser. Manchmal, wenn sie ein Thema interessierte, plätscherte sie, als würde sie über Steine glucksen. Wir redeten bis der Wirt meinte, irgendwann müsse Schluss sein. Sie stellte keine Fragen und hatte alle Antworten. Auch später hat sie nie eine Frage gestellt. Vielleicht war einer ihrer Abnormalitäten, dass ein genetischer Fließbandarbeiter vergessen hatte, ihrem Gehirn den Fragemodus einzusetzen. Für eine Weile dachte ich, Glück sei, keine Fragen zu haben. Den Gedanken verwarf ich jedoch bald wieder.
In jener Nacht, in der vollkommenen Dunkelheit ihres Schlafzimmers, drang sie in mich ein. Stürzte sich in mich mit einem Kopfsprung vom 3-Meter-Brett. Ich fühlte sie als wellenförmigen Schauer durch mich schwimmen. Dann hatte sie mein Gehirn erreicht und spielte darauf alle Melodien, die ich seit meiner Kindheit vergessen glaubte. Sie wusch meine Verderbtheit mit Tränen rein. Sacht nahm sie den Vorhang, der das heilige Geheimnis des Lebens verhüllt und ließ mich einen Blick werfen auf das Wunder, das zu leben mir in diesem Augenblick möglich erschien. Ich schämte mich für jeden Gedanken meines Lebens, der nicht gut war und spürte die unstillbare Sehnsucht nach nie Erreichbarem. Später in der Nacht wachte ich auf, orientierungslos in der absoluten Finsternis ihres Raums. Ohne Kontrolle suchte ich Richtung, stieß hart gegen die Wand, fiel über einen Tisch und verzweifelte bis sie das Licht anknipste und mich in ihren Armen barg. Ich gewöhnte mich während des Sommers an die Dunkelkammer ihres Schlafzimmers, der nie ein Lichtstrahl Hoffnung geben solte. Der Bach ihrer Stimme führte mehr Wasser und plätscherte labsamspendend. Ich kannte ihren Körper, den ich nie nackt gesehen hatte, wie meine Mundhöle. Über ihren Pobacken hatte sie zwei Grübchen, in die ich meine Daumen krallte und später meinen Kopf legte, wenn wir redeten. Von Liebe redeten wir nie, nicht in Bezug auf uns. Einmal, wir unterhielten uns über das Werkzeug Sprache, meinte sie, auch die Griechen, die das Wort „Liebe“ differenzieren können in Agape, Eros, Stoika und Philia, seien sehr beschränkt. „Fühlst du, dass jeder Blick, jede Berührung eine andere Liebe ist, wenn man damit anfängt kann man nie mehr aufhören, Wörter für Liebe zu finden. Liebe ist nur für uns selbst.“
Das nächste Frühjahr führte mir eine Blondine zu. Ihren üppig wogenden Körper bewegte sie in Licht-gesättigten Zimmern. Die Luft darin war so rein, als habe sie ein irrer Nero durch Boten-Stafetten von den Hängen des Anapurna bringen lassen. Ihre hinausgeschriene Begierde bestätigte mich und spornte mich an. Wenn ich zwischen Schweißkaskaden in ihre Augen blickte, sah ich, dort waren keine Antworten zu erwarten. Danach lag ich in den Kissen – sie war zu zappelig und hätte nie lange genug stillgelegen, um meinen Kopf auf ihren Hintern zu legen- und sah fösteln durch das riesige Fenster in die Verlassenheit des Himmels, an dem kaum wahrnehmbar Sterne aufleuchteten, als würde ich bei einer MPU den Sehtest machen. Ich habe Manhatten für bunte Glasperlen eingetauscht! Reue? Nein, ich habe gewusst, was ich verlieren würde. Morgen kommt nur um den Preis von Heute. Meinen gierigen Augen waren die flitternden Farben der Preis wert. Es ist der verfluchte Zustand Mensch, der immer unzufriedene. Es gibt nichts Neues, nur anderes, bis der Kreis durchlaufen ist.
Manchmal begegne ich ihr in der Stadt. Sie trägt ihr verschlossenes dunkles Zimmer in den Augen. Die Haare zerspantes schwarzes Metall, der Blick einer Seherin. Angesprochen hat sie mich nicht erkannt und mir in Französisch geantwortet. Knapp, unzuständig, ohne Verpflichtung einzugehen. Der Verlust traf mich um so schwerer, da ich ihn alleine tragen musste, sie bemerkte ihn nicht einmal. Ich trage Trauer in achtloser Menge. Der abgebrochene Pfeil der Vergeblichkeit beult mein Jackett aus, als trage ich Reichtümer.
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