Es gab eine Zeit, als ich mir fast jeden Abend gewünscht habe, meine Schwester würde entführt. Nicht, dass ich sie nicht leiden mochte oder ihr etwas Böses gewünscht hätte. Im Gegenteil, ich war verrückt nach ihr und hätte sie gerne gerettet, um es allen zu zeigen. Die Polizei würde zu meinen Eltern kommen und ihre Ratlosigkeit eingestehen. „Sie ist einer ganz üblen Bande in die Finger gefallen, die bereits für die Entführung mehrerer Staatsoberhäupter verantwortlich zeichnet. Sie agiert im Grenzgebiet zwischen Anatolien und der Elfenbeinküste (ich mochte diese beiden exotischen Wörter). Wir sind mit unserem Latein am Ende. Was uns bleibt ist Hoffen und Beten.“ Mich würde man völlig ignorieren, was sollte ich auch schon ausrichten gegen diese hartgesottenen Verbrecher! Doch jetzt war meine Stunde gekommen. Im Herzen so kalt wie der Stahl des Krummdolches, den mein Großvater einem molukkischen Nahkampfexperten an der Somme in letzter Sekunde aus der todbringend niedersausenden Hand entwunden hatte, und der jetzt an der nackten Haut meines Oberschenkels befestigt war, kletterte ich lautlos an der Dachrinne hinab und verschwand ohne auch nur das Knacken eines Zweiges durch den Garten, hinter dessen Mauer ich mich für einen möglichen Beobachter in Luft auflöste.
Die Dauer und die Verworrenheit der Handlungsstränge der Geschehnisse zwischen meiner Entmaterialisierung an der Gartenmauer meiner elterlichen Behausung bis zum unausweichlichen Aufspüren der Gangster im anatolisch-elfenbeinküstischen Grenzgebiet, wo ich alle, bis auf den letzten Mann meiner blutigen Rache zum Abschlachten vorwarf, war abhängig von meiner Müdigkeit. Manchmal schlief ich ein, bevor ich Feindberührung hatte. Manchmal ging ich dermaßen ins Detail, dass sich Mitleid mit den Gangstern rührte. Am Ende präsentierte ich stets einer verblüfften Polizei meine gerettete Schwester, der nicht ein Haar gekrümmt worden war. „Mein Junge, du musst nie mehr Geschirr spülen.“ Meine Mutter tat dieses Gelöbnis mit Überzeugungskraft.
Eine andere Einschlaf-Phantasie hatte etwas mit einer mir hörigen intelligenten Schimmel-Stute zu tun, mit der ich Abenteuer zu bestehen hatte, und die ich kurzerhand mit der Entführungsgeschichte verknüpfte. Bei der Vorbereitung zu Großtaten wirst du einsam, da kommt das verständige Tier gerade recht. Irgendwann, pubertären Regungen geschuldet, reichte meine Schwester als zu befreiendes Entführungsopfer nicht mehr aus. Ich musste Susi in meine formidablen Pläne einbeziehen. Blut ist dicker als Wasser, aber es gibt dickere Körpersäfte. Bald erschienen mehr und mehr rettenswerte Mädels, so dass ich kurzer Hand beschloss, das gesamte Abendland zu retten, um anschließend wie eine Biene von Blüte zu Blüte schwebend den Dank abzustauben. Urplötzlich war ich in der Lage, bei allen Frauen der westlichen Hemisphäre Dankesopfer abzuholen. Die Vorstellung, wie ich diese Dankbarkeit entgegen nehmen würde, ließ mich an manchem Abend erschöpft einschlafen, bevor ich dazu gekommen war, einen Kriegsplan zu entwerfen. Viel Zeit verbrachte ich mit der Zusammenstellung der Eigenschaften, die ich für einen solchen Kampf benötigen würde und meiner Bewaffnung. Unsichtbarkeit und die Fähigkeit, durch Wände zu gehen, waren Voraussetzungen, die für eine solche Bataille unentbehrlich waren. Zunächst ging ich in den Tresorräumen der Banken ein und aus, um das nötige Geld für die Ausrüstung zu beschaffen. Irgendwann, am Strand von Surabaya dösend, auf dessen Existenz mich das Hula-Hawaiian-Quartett aufmerksam gemacht hatte, überkam mich die Erkenntniss, dass Geld vollkommen unwichtig ist. Würde mir meine Mathelehrerin, Fräulein S., für alles Geld der Welt erlauben, neben ihrem Bett zu sitzen und ihr beim Ausziehen zuzusehen? Vergiss es! (Dachte ich damals). Die nächsten Tage konnte ich nicht früh genug ins Bett kommen, um mit meiner Tarnkappe das S.sche Schlafzimmer heimzusuchen. Es dauerte keine zwei Tage, bis ich mich zu erkennen gab und feststellen musste, sie war eine Schlampe, die alles mitmachte. Daraufhin stellte ich meine Besuche ein und nutzte meine Unsichtbarkeit, um alte Rechnungen zu begleichen. Die Spezialität unseres Deutschlehrers, der auf Lehramt nur studiert hatte, weil das Fach Sadismus überbelegt war, war der Vollspann-Arschtritt. Während der Ouarta hat er Axel so oft in den Arsch getreten, dass wir überzeugt waren, seine Kerbe habe sich für den Rest seines Lebens den Deutschlehrer-Mokassins angepasst. Jetzt ging ich hinter ihm durch die Fackelstraße und trat ihm in unregelmäßigen Abständen mit meinen alten Stahlkappen-Schuhen in den Arsch, bis ich deutlich das Abbrechen eines Sitzbeinhöckers wahrnahm. Nacht für Nacht ging ich die Liste durch und trat erst dann in die Mädchentoilette, um den neuesten Tratsch zu erfahren, als alle Schuldigen abgestraft waren. Ein wunderbares Gefühl, die Kehrseite der Beichte. Hier musste ich nicht bekennen, um die Absolution nach einer Bußleistung zu erlangen. Hier verteilte ich die Bußauflagen und erteilte Absolution aus Erschöpfung. Vielleicht macht Gott das genauso, er straft uns nicht weiter, weil er zu müde zum Weiterprügeln ist. Dies war eine kurze Phase, aus der ich in der Überzeugung für den Rest meines Lebens hervorging, ein unbesiegbarer Krieger zu sein.
Langsam wurde mir klar, den ganzen Mist mit der Zivilisationsrettung musste ich nicht auf mich nehmen. Ich kam auch so, als unsichtbarer Mauerdurchgänger in jedes Schlafzimmer. Von diesem Moment an wurde ich faul, mir fehlte die treibende Kraft, die Entdecker, Forscher, Weltverbesserer, Retter, Revolutionäre zu Großtaten vorwärts peitscht, weil mir kein Schlafzimmer verwehrt blieb. Mir wurde auch klar, dass Geld nur ein mieser Ersatz für Unsichtbarkeit ist.
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Di, 12/30/2008 - 13:35
Danke für die Kurzweil, eine gelungene Vorkonstruktion mit viel Ironie und passenden Metaphern. Im Schlussteil fehlt leider etwas der logische Zusammenhang.(Oder bin ich vieleicht etwa zu blöd?). Doch alles in allem gute Arbeit weiter so!
Mi, 01/21/2009 - 00:47
Michael,
Du bist sicher nicht zu blöd. Verantwortlich für das Verständnis von Kommunikation ist der Sender, nicht der Empfänger, also, meine Unzulänglichkeit. Sorry, siegbert