Die Natur verhält sich uns gegenüber sehr misstrauisch. Wenn sich eine Eigenschaft in der evolutionären Entwicklung als nützlich erwiesen hat, beraubt sie uns der Freiheit, diese nach eigenem Willen, mit dem es offensichtlich nicht von weit her ist, anzuwenden. Sie verankert sie statt dessen in unserem genetischen Code. Das Zusammenleben in unserer nach-steinzeitliche Gesellschaft verdankt viele Probleme und Auswüchse einer genetischen Codierung, die unseren Fell-bekleideten Vorfahren das Überleben sicherten, sich heutzutage aber störend auswirken. Egon kam die Sammelleidenschaft in ihrer Unterform des Trophäen-Sammelns in die Quere. Dabei machte es im Paläolithikum Sinn, wenn ein junger Mann die Zeichen seiner Siege sammelte und eine Kette mit Bärenkrallen, Wolfszähnen und sonstigen Körperteilen gefährlicher Tiere um den Hals trug. Es machte ihm stets bewusst, dass er ein Überwinder war und Gewinner setzen sich am Ende immer durch, es zeigte seinen Geschlechtsgenossen, wie gefährlich und den Mädels, was für ein Riesen-Typ er war. Die Aura des Siegers ist der halbe Sieg. In der Steinzeit war das Männerkettchen also eine nutzbringende Sache. Auch viel später noch, als das männliche Vermögen, ein guter Jäger zu sein, auf das Vermögen generell reduziert wurde, war die dicke Goldkette ein wirksames und aussagekräftiges Symbol.
Als in den 60er Jahren des letzten Jahrhunderts die Völkerwanderungswelle nach anderthalb Jahrtausenden aus dem Mezzogiorno zurück brandete, und die Türken zweihundertsiebzig Jahre nach der erfolglosen Belagerung einfach mit dem Zug Wien überrollten, wurden nicht nur raffinierte kulinarische Genüsse in die behäbige deutsche Kulturlandschaft gespült. Es erreichte auch Brackiges das Land. Die Bärenklauenkette, die ihre Potenzsymbolik auf die schwere Goldkette übertragen hatte, prangte nun in ihrer dritten Ausformung, dem durch die Technik der galvanischen Vergoldung demokratisierten, für jedermann erschwinglichen, Goldkettchen auf schwarz behaarten Männerbrüsten. Bei den Italienern ist aus ihrer Zeit des Konkurrenzkampfes mit dem byzantinischen Ostrom ein Hang zum Pomp und Ostentation hängen geblieben, und die Osmanen wurden was sie erobert hatten nicht mehr los. Egons Brust war zwar schmächtig und blond beflaumt, doch das panzergliedrige Goldkettchen, das aus dem drei Knöpfe weit geöffneten Hemd mit Lidokragen funkelte, zeitigte bei Edith die erhoffte Wirkung. Um die Einzigartigkeit ihrer Beziehung zu manifestieren, schenkte sie ihm einen durchbohrten Swarowski-Stein in Herzform, den er mit Draht an seiner Kette befestigte. Als sie ihn verlassen hatte, und er sich mit Eva tröstete, die ihm nichts bedeutete, kaufte er einen viel größeren Zirkon, um die Edith´sche Exklusivität zu zerstören und trug das Hemd bis zum Bauchnabel geöffnet. Die Kette musste irgendwann um eine Schleife erweitert werden und war so schwer, dass er sie wie eine Amtskette nur noch zu besonderen Anlässen tragen konnte. Eines Tages war seine Zynismus-gedüngte Überheblichkeit so groß, dass er behauptete, Frauen seien alle gleich, es spiele keine Rolle, mit welcher man zusammen lebe. Mit seinem Freund Peter wettete er, dass er die Frau des einhundertsten Steins heiraten werde. Er führte an, bis in die jüngste Zeit seien bei uns Ehen durch die Familien bestimmt worden und noch heute habe der größte Teil der Menschheit bei der Partnerwahl kein Mitspracherecht, ohne dass die Qualität der Ehen, was ohnehin ein Widerspruch in sich sei, leide. Der Einsatz war eine Kiste Champagner und den einhundertsten Stein knotete er für Anna an die überladene Kette.
Man könnte an dieser Stelle mit dem Märchenerzählen beginnen und ein gerne genommenes Happy End vorbereiten, indem man behauptete, Egon habe mit Anna die Frau seiner Sehnsüchte gefunden und ein glückliches Leben geführt. Aber so war es nicht. Die beiden verletzten sich, gingen fremd, hatten Ehestreite, dass die Nachbarn ihren Vermietern Mietminderungen androhten und zeugten zwei Kinder. Ihr Sexualleben war nicht die Offenbarung, dafür bewahrte sie die Abwesenheit von Extremen davor, den gegenseitigen Respekt zu verlieren. Durch langweilige Abende, die sie lieber in anderer Gesellschaft verbracht hätten, durch wirtschaftliche Schwierigkeiten, die sie zu überwinden hatten und durch eigene und Krankheiten der Kinder fanden sie zueinander. Da alles im Leben weitergeht, wenn man nicht aufgibt, florierte und wuchs die Firma, die sie gemeinsam gegründet hatten und sie lebten im Kleinen Glück. Das Kleine Glück ist in geschichtlich ruhigen Zeiten ohne Krieg und große wirtschaftliche Verwerfungen fast umsonst zu haben – und vor allem dauerhaft. Das Große Glück ist von den Weltenläuften unabhängig und immer sündhaft teuer. Es existiert nur als Spiegelung des Großen Unglücks, als Resultat eines existenzgefährdenden Vabanquespiels und ist flüchtig wie Edelgas. Da sie vom Lebensalter der 68er Generation zuzurechnen waren, hielten sie sich auch für antiautoritär, obwohl sie mit ihren Altersgenossen den Weg ins Establishment gegangen waren und die Weltanschauung ihrer Jugend kastriert und fettgefüttert hatten. Ihre vermeintliche Libertinage begründeten sie mit dem gelegentlichen Rauchen eines Joints, der in erster Linie sexuelle Stimulans war. An einem solchen Abend, wo die Weltoffenheit und das Rebellentum der Anti-Vietnam-Demonstrationen nach ein paar Joints greifbar war, erzählte Peter von der vor dreißig Jahren verlorenen Wette und wie recht Egon mit seiner Theorie der Austauschbarkeit der Lebenspartner hatte. Er wusste, dass er eine kleine Schweinerei beging, was er aber wirklich anrichtete, war nicht gewollt. Die Scheidung war mehr als schmutzig, auch dreckig beschreibt es nicht ausreichend . Steuerfahndung, geplünderte Konten, falsche Anzeigen, kurz, das große Programm wurde abgespielt und als sich der Pulverdampf verzogen hatte blieben nur Verlierer übrig. Dabei hätte es so ein schönes Happy End werden können.