Auf dem Ostwind kam ein verstohlener Hauch von Meer, hauptsächlich von faulem Fisch, geritten. Weniger Salz, denn das Schwarze Meer, Tscherno more in bulgarisch, hat lediglich eine Salinität von etwa siebzehn Promille, das ist weniger als die Hälfte des Mittelmeers. Der müde Schein am östlichen Horizont waren die von den Wolken reflektierten Lichter von Warna. Im Norden türmte sich der träge Rücken des Balkans. Der Boden am Rande der kleinen Industriebrache war sandig und mit Flecken von hartstieligen Gräsern übersät wie die Felle der räudigen Hunde, die sie am Morgen in erbärmlichem Zustand in den Drahtverschlägen vorgefunden hatten. Die Tierschützer waren in einer zehnköpfigen Gruppe angereist. Das Gepäck überladen mit moralischem Anspruch, Enthusiasmus, wilder Entschlossenheit und Spendengeldern. Das Elend der Hunde sollte beendet werden! Yelina, ihre bulgarische Führerin und Übersetzerin sah sich die Hochglanzbroschüre mit deutscher Tierheimausrüstung an und meinte, „das ist schöner als unsere Kinderheime.“ Heike aus Berlin weinte als sie die eitrig verquollenen Augen der Tiere sah, die schwärigen Läufe, angeschwollen zu elefantöser Dimension, die offenen Wunden, in denen Maden sich wuselnd um Eiterbällchen balgten. Das Wasser, wenn es überhaupt welches gab, ein amorphes Algengeglibber. Der eigene Überlebenskampf der schlecht bezahlten Tierpfleger ließ kein Platz für Mitleid. Was wollten diese verwöhnten Westler? Normaler Weise würde man diese Viehcher zu Tode prügeln, dann wäre Ruhe. Die einzige Lebensberechtigung dieser stinkenden Meute war, dass sie ihnen das wenige Einkommen sicherten, das die Wärter vor einem Schicksal wie dem der Kreaturen schützte.
Die Tierschützer fuhren nach Warna, zurück in ihr Hotel mit Meerblick und redeten sich die Köpfe heiß. Florentine, Tierliebe mit zupackendem Tatenwillen verbindend, war für die radikale Lösung. „Mit diesen Leuten kann das nie funktionieren, bis das Tierheim neu aufgebaut ist, sind die Hunde tot. Die vielleicht überleben werden an der Pflege dieser Unmenschen krepieren.“ Tumult wie in den Kommunen der 68er entstand. Sie alle waren guten Willens, sonst wären sie nicht hier. Eddie saß stumm, seine Blicke folgten den klaren Schweißperlen, die sich an Florentines Wangenflaum mit aufreizender Langsamkeit ihren Weg bahnten. Sie waren so klar wie Gletscherwasser, so dass er glaubte, sie würden jeden Moment zu Eisperlen erstarren. Er hing an ihren Gesichtszügen, denen die Entschlossenheit und Kraft eingemeiselt waren, die er bei sich vermisste. Ihren Augen wich er aus, aus Furcht er könne sich verraten. Er zwang sich zur Disziplin und entwarf ein Haiku. Die kürzeste Gedichtform der Welt, aus Japan. Eigentlich Naturgedicht, muss es eine Jahreszeit enthalten und aus drei Zeilen mit 5-7-5 Silben bestehen. Du brauchst Konzentration und Disziplin, um in so beschränkter Form etwas zu sagen. Liebesgedichte sind Haikus nicht, aber er konnte es nicht verhindern:
Hingestreckt: Sommer
Berg und Tal dein Körperfluss
Schweiß deiner Lippen.
Ohne es je gefühlt zu haben, wusste er, dass Ihr Haar weich war wie der sündhaft teure Dachshaar-Pinsel den er in der Quarta für den Kunstunterricht kaufen musste und damit seine Oberlippe streichelte. Gibt es blonde Dachse? Er wollte, dass sie ewig so sitzen bliebe und redete, gleichgültig worüber und wenn sie den bulgarischen Zug Fahrplan aufsagen würde. So könnte er die Ewigkeit ertragen, im Anblick des Paradieses.
Nun kauerten sie hinter einem Müllberg, der auf freiem Feld aufgewachsen war, als sei er eine Frucht dieses desolaten Landes, in dem Vernünftiges nicht gedeihen konnte. Sie durchschnitten die Drahtverhaue, um die Hunde zu befreien. Das ging nicht ohne einige Bisse ab. Verständlich, die Hunde konnten nicht wissen, das dies die Rettung war und die Menschen auf der anderen Seite des Zauns die Guten der Welt repräsentierten. Die Hunde liefen ziellos in die Nacht. Am Morgen, als die Tierschützer ängstlich am Flughafen eincheckten, machte sich ein kleiner Miliztrupp aus der nahen Garnison auf den Weg und erschoss die Streuner.
Mir sagte sie später, längst hatte sie sich neuen Projekten zugewandt und Eddie träumte den Traum der einzigen unwiederbringlich verpassten Liebe, dass es besser für die Hunde gewesen sei, im Kugelhagel zu sterben als dieses entwürdigende Leben in den Verschlägen zu fristen. Hoffentlich würde sie mir nie die Entscheidung abnehmen, wann es für mich besser wäre zu sterben. Sie ist soviel jünger als ich und so entschlossen und ohne plagende Zweifel. Sie kämpft zurzeit gegen die Kalbfleischproduktion. Florentine lehnt eine Sache nicht ab, ohne sofort eine Liga dagegen zu organisieren. Ich selbst habe noch nie Kalbfleisch gegessen, weil ich finde, man sollte keine Babies schlachten. Ich kenne und respektiere die Einwände gegen meine Ansicht. Du sollst überhaupt nicht töten, die Vorstellung, Kadaver zu essen erregt meinen Ekel. Aber was soll ich tun, was ich schon immer in meinem Unterbewusstsein gewusst habe, haben Wissenschaftler nun zweifelsfrei nachgewiesen: auch Pflanzen haben Gefühle und kommunizieren, vor allem ihre Ängste. Was soll ich also essen? Wir saßen angestrengt angeregt diskutierend im „Bellini“. Die Speisekarte überflogen wir flüchtig, wir hatten wenig Hunger hatten viel zu erzählen, weil wir uns lange nicht mehr gesehen hatten. Sie hatte schon zwei Prosecco, ich zwei Pernod, als wir dem Kellner den Gefallen tun und endlich bestellen wollten. „Ich nehme den Milchlammrücken an Tomatenschaum mit Zucciniwürfel“, sagte sie. Meine Backenmuskeln verließ die Spannung und meine Kinnlade klappte herunter. „Habe ich das jetzt wirklich gehört? Du bist doch gegen Kälberschlachten.“ „Das ist kein Kalb, sondern Schaf und Vorhaltungen lasse ich mir schon gar nicht machen. Also, fuck off!“
Ohne Florentine wäre mein Leben unkomplizierter und langweiliger.
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So, 04/05/2009 - 17:51
Lieber Siegbert,
ich bin wirklich, ja wie soll ich es beschreiben - mir fehlen fast die Worte,
und das kommt selten vor - ergriffen? Kommt dem nahe, was ich ausdrücken
möchte.
Deine drei neuen Geschichten sind unglaublich und anders, als das was ich
bisher von Dir gelesen habe!
Diese Geschichten geben mir und sicher, oder hoffentlich, auch anderen zu denken!
Unglaublich dicht, ernsthaft, trotzdem mit dem Dir eigenen Humor; mit Tiefgang,
ohne zu moralisieren, und doch den Finger in der Wunde -
Siegbert, wirklich unglaublich!
Ich bin Dein Fan - das steht fest!
Dir wünsche ich ein frühlingshaftes Wochenende
alles Liebe für Dich
Sigrid