Auf dem Zahnarztstuhl liegend, die Fingernägel schmerzhaft in die Handballen gegraben, alle Muskeln bis zur Belastbarkeitsgrenze angespannt, der Magen zum Knoten verkrampft, Ansammlungen kalten Schweißes in der konkaven Hohlrückenpartie, war es mir nur möglich, den natürlichen Fluchtreflex zu unterdrücken, indem ich ohne Unterlass die Heilige Apollonia mit Stoßgebeten drangsalierte und um allfälligen Beistand anbettelte. Nur sie, sie allein konnte wissen, welche Qualen ich gerade durchlitt, hat man ihr doch anno 249 in Alexandria sämtliche Zähne ausgerissen, bevor sie sich freiwillig in einen Scheiterhaufen stürzte. Vor diesem Schicksal hat mich nur die spartanische Ausstattung der Arztpraxis bewahrt, die den Patienten mangels Scheiterhaufen diesen heroischen Ausweg verbaut. Die Zahnärztin, die nur ihre eiskalten, mitleidslosen Augen über einem Gaze-Bandana sehen ließ, ein eindeutiger Verstoß gegen das Vermummungsgesetz und eine hinterhältige Vorsichtsmaßnahme, damit ich sie später nicht wiedererkennen und Rache für die zugefügte Pein nehmen könnte, wollte ich nicht anflehen. Sie sah nicht aus, als ob sie Pardon geben würde. „Hinter der fremden Backe schmerzt kein Zahn“, ein russisches Sprichwort, das in Flammenschrift auf ihrer Stirn zu lesen war. Als der Zahnstein entfernt war, rutschte ich vom Behandlungsstuhl, mehr tot als lebendig, schlug die entgegengestrecke Hand aus (jetzt wollte sie wieder mit mir gutsein) und machte die tief menschliche Erfahrung des vollkommenen Verlassenseins. Bibbernd, nackt, schutzlos ohne Verständnis oder Mitgefühl eines seelenverwandten Wesens in die unendlichen Weiten des Weltalls geworfen. Apollonia hatte nicht eingegriffen. Hatte sich als Frau mit der Zahnärztin handgemein gemacht. Mir fiel es wie Schuppen aus den Haaren: der Geschlechterkrieg war voll entbrannt, nicht einmal mehr auf Heilige konnte man sich verlassen.
Gut, vieles hat sich gebessert, sie gehen nicht mehr so dreist vor. Im Mittelalter agierten die Zahnreißer öffentlich auf Jahrmärkten und ließen sich sowohl vom Patienten als auch von den Zuschauern bezahlen. Obwohl, bei einigen Zeitgenossen würde ich schon einiges springen lassen, um bei einer Wurzelextraktion zuschauen zu dürfen. Quer durch die Geschichte zieht sich die von Zahnärzten gelegte Spur der Schmerzen. Die frühesten archäologischen Funde angebohrter Zähne datieren achttausend Jahre zurück. Den Etruskern banden sie die Zähne von Toten mit Goldbändern in den Mund. Organhandel ist ihre Erfindung, arme Ägypter ließen sich gegen Geld Zähne ausreissen, die zu Gebissen verarbeitet wurden. Ludwig XIV. rissen sie sämtliche Zähne aus. Dabei brachen sie ihm den Unterkiefer und rissen ein Loch in den Gaumen. Dadurch entstand eine Verbindung zwischen Mund und Nase, so dass dem armen Kerl das Essen oft aus dieser wieder herauskam. Da vergeht dir doch die Lust auf´s Sonnenkönigen. Was nützen dir die Heerscharen williger Weiber, wenn die sich nicht waschen, sondern über den Gestank parfümieren und die zahnlosen Münder hinter eigens erfundenen Fächern verstecken. Oder nimm die Mona Lisa, das Mädel wollte doch nicht geheimnisvoll lächeln, die hat sich geniert den Mund aufzumachen – bei dem Gebiss. Marie Antoinette hat auf den Felgen gekaut, als sie das Schafott bestieg. Ludwig II von Bayern, rabenschwarze Zähne, ertrunken auf der Flucht vor seinem Zahnarzt. Guck dir Bilder von George Washington an, immer mit verkniffenem Mund. Warum? Dem hat ein ganz geschäftstüchtiger ein Gebiss aus einem Flusspferdzahn, in den menschliche Zähne eingelassen waren, verkauft. Für sechzig Dollar, das war ein Haufen Zaster. Damals hättest du dafür mindestens zwei Ford Mustang bekommen. Das Ende vom Lied: Washington verließ stets nach kurzer Zeit öffentliche Bankette und schlug sich im Nebenzimmer die Wampe voll. Nicht nur am lebenden Objekt lässt sich verdienen. Nachdem sie die Gruft des Dichters Milton geplündert hatte, ließ die Grabräuberin Elisabeth Grant dessen Fans seine Zähne für sechs Pence sehen.
Also: Mit vermehrtem Eifer putze ich mir die Zähne, verwende Zahnseide, bete, zu Gott dass ich vor dem Zahnarzt verschont bleibe und hoffe, dass Gott ein Mann ist.