Der Makler war jung und dynamisch; beides in einem Ausmaß, dass ihn die seriösere Klientel der Stadt mied. Den Erfolg suchte er durch Methoden zu zwingen, die er auf seinen Amerikareisen gesehen hatte. Hans hatte ihm den Auftrag erteilt, weil er seinen Vater kannte und es ihm peinlich gewesen wäre, jemand anderen zu beauftragen und er es ohnehin nicht besonders eilig hatte. Er bereute es, als der junge Mann an zwei Pfosten eine riesige Werbetafel im Vorgarten aufstellte. Durchgestilt, in gediegen daherkommenden Brauntönen gehalten, vermeldete es :“Wieder ein Haus durch Bauer Real Estate Inc. zu verkaufen.“ Dazu ein Konterfei des Jungtycoons, das konfirmandenhaft wirkte, dazu Geschäftsadresse, E-Mail Adresse, Telefonnummer, Faxnummer, Handynummer und Homepage, nur die Konfektionsgröße der Unterwäsche fehlte. Der Nachwuchsmakler war zufrieden. Nur den Garten könne man so nicht lassen. „Wir reden hier über mindestens fünfzehntausend Euro Abschlag, wenn Sie die verwahrloste Dschungellandschaft nicht beseitigen lassen.“ Er empfahl auch sofort eine Firma, die einem seiner Freunde gehörte, von dem er vermutlich für jeden vermittelten Auftrag einen satten Kickback einsackte.
Hans entschied sich, das Grundstück selbst auf Vordermann zu bringen, nicht nur wegen der Kostenersparnis. Er wollte, so sentimental er es auch empfand, Abschied nehmen. Er hatte das Haus mit Ulrike gebaut. Kurz nach der Hochzeit hatten sie angefangen. Die gesamte Freizeit, die Urlaube steckten in dem Rohbau. Es war die beste Zeit ihrer Ehe, vielleicht ihres Lebens. Er sah sie noch, wie sie mit dem Rüttler beim Betonieren der Erdgeschoßdecke die Fensterstürze bearbeitete. In ihren kurzen Hosen, so knapp, dass ihm die Blicke des Betonlasterfahrers körperliche Schmerzen bereiteten. Am liebsten hätte er ihm je einen Armierungsstahl links und rechts in die Augen gejagt. Blöde, geile Sau. Als er weg war trieben sie es im Stehen im Keller, während das überschüssige Zementwasser aus dem Beton durch die Schalung auf ihre schweißigen Körper tropfte. Er erinnerte sich genau, dass er damals gedacht hatte, die Evolution habe einen Fehler gemacht, weil sie dieses perfekte Wesen den Gesetzen der Sterblichkeit unterworfen hatte. Das war über ein Vierteljahrhundert her.
Das jetzt so urwaldmäßig wuchernde Grundstück war damals völlig kahl, kein Baum, kein Strauch, Löwenzahn, Rispengras, Greiskraut, Vogelmiere, Giersch und Co. hatten schon lange übernommen. Die Bepflanzung des Grundstücks folgte nicht gestalterischen Überlegungen, sondern pekuniären Zwängen. Birken von der Zufahrt des Flughafens Ramstein, Fichten von der Roten Hohl, zwei Trauerweiden aus dem Moosalbtal. Nichts, was eine verpflanzbare Größe und interessanten Wuchs aufwies, war vor ihnen sicher. Als der Bau fertig war, waren die Sommer nicht mehr so warm, die Winter schneeärmer und es wäre ihnen nicht mehr eingefallen, sich im Keller zu lieben. Es war nicht seine Schuld, schon garnicht ihre. Die Träume waren ramponiert vom Herumschleppen, vor Halberfülltheit hatten sie ihre Konturen verloren. Die Gewissheit, sich gegenseitig zu besitzen, nahm ihnen den Wert. Besitz ist nur halb so interessant wie das Streben danach. Nichts verunsichert mehr, als vermeintliche Sicherheit. Eines Tages wusste er, das Ende ist nahe. Sein Herz krampfte zusammen in Bedauern, als wenn an einem Morgen eines unvergänglich scheinenden Sommers plötzlich ein vager, aber unverwechselbarer Moderhauch des nahenden Herbstes auszumachen ist. Und er entdeckte dieses Wissen in ihrem Blick. Das kann nicht Alles gewesen sein. Da muss mehr sein. Die Trennung war nicht spektakulär, sie war nicht mit einem kasachischen Hütchenspieler durchgebrannt, oder hatte sich einem Messerwerfer als Assistentin angedient. Eines Tages stand ein Umzugswagen vor der Tür, geordneter Rückzug in die Etappe. Kein böses Wort. Sie winkte lächelnd. Nur einmal, zwei Wochen nach ihrem Auszug, nachdem die unerträgliche, Seelen fressende Einsamkeit ihn trieblos in das Bett ihrer Freundin Ernestine getrieben hatte, hatte sie ihn am Telefon als Sodomisten bezeichnet, der vor keiner Kuh zurückschreckt. Das war nun auch schon beinahe ein Jahrzehnt her. Das Haus, zu groß für ihn alleine und zu befrachtet, hatte er dennoch als Anker behalten. Mit den letzten Mietern hatte er Pech, alles war vergammmelt, der Garten hatte jahrelang keine Heckenschere oder Rasenmäher mehr gesehen. Vor dem Küchenfenster hatte sich Birken- und Pappelanflug, durchmischt mit Brennnesseln, ausbreiten können, den er mit der Astschere kappen musste. Mittendrin in diesem Gestrüpp, halb erstickt an Licht- und Luftmangel, kämpfte ein Mini-Röschen um sein Überleben. Er erinnerte sich ganz genau. Ein kleines Pflänzchen mit fünf durchdringend roten Blüten hatte er es nach Hause gebracht. Für mehr hatte das Geld nicht gereicht. Nach ein paar Wochen hatte das verkrüppelte Stäuchlein gekränkelt. Sie hatte spielerisch vorwurfsvoll festgestellt, „so schnell welkt deine Liebe“. „Wenn du dich längst nicht mehr an diese Pflanze erinnern wirst, wenn ihre ganze Gattung ausgestorben sein wird, werde ich dich noch immer lieben“. Sie hatte die mickerige botanische Abstrusität in Sichtweite des Küchenfensters in den Garten verpflanzt, ohne Hoffnung, dass es sich erholen würde. Als er das Rosensträuchlein freigeschnitten hatte, den Wildwuchs beseitigt, war es immer noch schmächtig, etwa vierzig Zentimeter hoch, gakelige Zweiglein, aber strotzend grün und gesund nach beinahe zwanzig Wintern im Freien. Die Woche, die er auf dem Grundstück werkelte, erfreute er sich an seiner Lebenskraft. Rasenschnitt war die letzte Aufgabe. Als er mit dem Rasenmäher über das Stäuchlein fuhr, krächelten die gehäckselten Ästlein ein wenig bevor sie im Grasfangkorb verschwanden.
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