Die Römer brannten entlaufenen Sklaven ein „F“ für „Fugitivus“, d.h. „Entlaufener“ in die Stirn, damit alle gewarnt waren, nach dem Motto „wer es einmal tut, versucht es wieder.“ Ich kenne etliche Personen, denen man ein „Ä“, wie „Ärger“ zum Wohle ihres Umfeldes in die Stirn brennen sollte. Miriam ist eine davon. Kennengelernt habe ich sie, als ich noch Freunde hatte. Georg hat sie angeschleppt, zehn Minuten später hat sie den ahnungslosen Christian gebumst, der deshalb von der ganzen Clique als Kameradenschwein geächtet wurde. Dabei hat sie dir den Hosenlatz aufgemacht, schneller als du Mercedes Benz sagen konntest. Miriam ging aus fast jedem Anlass an fast jede Hose. Wenn sie sich freute, wenn sie traurig war, wenn sie Angst hatte, wenn sie dankbar war. Bei jeder Gefühlsregung, und Miriam war eine gefühlvolle Frau, griff sie nach dem nächstbesten Hosenlatz. Man konnte den Eindruck haben, es handele sich um eine Art Begrüßungsritual, wie das Nasenreiben bei einigen Naturvölkern. Bevor er sich versah, war mein bester Freund, Fabian, auch schon von Miriam begrüßt worden und hatte sich unsterblich verliebt.
Nun, wo die Liebe hin fällt, entsteht meist ein Bombentrichter. Theoretisch gibt es in der Liebe zwei Möglichkeiten: sie hält für immer oder geht irgendwann vorbei. In der Praxis ist nur die Existenz einer dieser Varianten glaubhaft verbürgt. Ich hatte die Stärke der Gefühlskrankheit bei Fabian unterschätzt. Jeder kann sich einmal in eine Schlampe verlieben. Wenn er es bemerkt, hat er sich zwar blamiert und lächerlich gemacht, geniert sich eine Weile und dann ist aber wieder gut. Nicht so bei Fabian, der überzeugt war, mit einer Nachfahrin der keuschen Susanne zusammen zu sein und seinen Freundeskreis eliminierte, der offensichtlich nur aus eifersüchtigen, verderbten Lumpen bestand. Nein, ich war nicht bereit, meinen Freund ins offene Messer laufen zu lassen und knöpfte mir Madame vor „wenn du glaubst, hinter Fabians Rücken wie ein Karnickel herumbumsen und ihm Hörner wie einem alten Kafferbullen aufsetzen zu können, hast du dich geschnitten.“ Meine Ansprache schien die gewünschte Wirkung zu haben. Ich blieb als einziger der alten Freunde übrig. Sie zogen in eine gemeinsame Wohnung und ich war nicht nur geduldet, sondern fühlte mich willkommen. Entgegen meiner Überzeugung, wonach zwischen Mann und Frau keine Freundschaft bestehen kann, weil er ihr früher oder später in´s Höschen will, empfand ich ein derartiges Gefühl für Miriam. Wir tauschten unsere Anschauungen über Gott und die Welt aus und bestärkten uns. Manchmal, wenn Fabian zu tun hatte, besuchten wir Museen in der Umgebung. Wir waren im Städel als 1972 nach einer großen Spendenaktion Max Beckmanns „Synagoge in Frankfurt“ angekauft und der Öffentlichkeit vorgestellt worden war. Wir machten uns im Reiss-Engelhorn-Museum ein Bild von der Farbenpracht klassischer Statuen, die ursprünglich keineswegs in ödem Marmorweiss gehalten waren. Vor allem aber lasen wir die selben Bücher. Nachdem wir in „Krieg und Frieden“ über Clausewitz gestolpert waren, tat sich eine uns unbekannte Welt auf. „Vom Kriege“ war keine Spießer-Literatur. Marx, Engels, Lenin, alle Revolutionäre (und Revoluzzer wären wir so gerne gewesen) haben davon geschwärmt. „Krieg beginnt mit der Verteidigung des Angegriffenen.“ Das ist einer der Sätze, die Neid erwecken, weil man sie nicht selbst formuliert hat. Oder: „Solange man seinen Gegner nicht bezwungen hat, läuft man Gefahr, selbst bezwungen zu werden.“ Das ist Philosophie, Apophtegma und banaler Gemeinplatz in einem. Sie verschlang kopfnickend die These, dass Verteidigung die überlegene Kampfform ist, weil sie weniger Kräfte verbraucht. Aber Verteidigung nicht als statisches Abwarten eines gegnerischen Schlages, sondern als eigenes Agieren und Manövrieren. Der Verteidiger bleibt in der Defensive, bis die Kräfte des Angreifers erlahmen. An diesem „Kulminationspunkt des Sieges“, geht der Verteidiger in die Offensive und beendet siegreich den Krieg.
Ich hatte in Hamburg zu tun, Fabian keine Zeit. Miriam wollte mitkommen, was mir lieb war, denn ich wollte am selben Tag zurück. Meine Angelegenheit verzögerte sich, wir mussten übernachten. Warum nicht im Doppelzimmer, es waren die Siebzigerjahre und mir würde im Traum nicht einfallen, die Freundin eines Freundes anzugraben. Ich schwöre dir, ich habe die Alte nicht angerührt. Zwei Tage nach unserer Rückkehr warf Fabian mich raus. Philister nannte er mich, als ich protestierte, und zeigte mir ein Polaroid-Foto: ich, nackt im Bett in Hamburg. Wenn ich weiter argumentiert hätte, dass da nie was war, dass ich immer nackt schlafe, und seine Schlampe mir wahrscheinlich die Decke weggezogen hat, hätte ich mir wahrscheinlich einen Satz heiße Ohren eingehandelt. „Dann werde glücklich mit deiner Hobby-Nutte.“ Das wollte er auch nicht. Miriams Plan ging nicht ganz auf. Auch Clausewitz sagt ja, dass ein Krieg sich ab dem Zeitpunkt jeder vorherigen Planung entzieht, wo der erste Schuss gefallen ist. Fabian hatte Miriam schon vor mir aus der Bude geschmissen. Für mich war die Sache abgehakt, ich hatte einen Freund verloren, aber wenigsten konnte die Schlampe ihn nicht mehr an der Nase herum führen. Nach etwa zwei Monaten teilte mir Miriam mit, sie sei schwanger. Mir verging das Lachen, als ich Anwaltspost erhielt. Fabian versicherte an Eides statt, dass ich zum Zeitpunkt der Zeugung mit Miriam zusammen war. Es wurde ein Foto mit mir in eindeutiger Pose, nämlich nackt, mit träumerisch geschlossenen Augen, vorgelegt. Meine stockkonservativen Eltern bestanden auf Heirat. Als ich meinem Vater erklärte, dass ich nichts damit zu tun hätte, wandte er sich angewidert ab. Ein Mädel so anzuschmieren sei wohl das Letzte. „Aber das reicht dir nicht, du musst immer noch einen drauf setzen, wann willst du endlich erwachsen werden und Verantwortung übernehmen?“ Ich musste um ihre Hand anhalten. Glaube nicht, dass sie gleich annahm. Meine Eltern waren dabei, sie kam ganz dicht an mein Ohr, streichelte verzeihend über schütteres Haar und flüsterte: "Dmusst noch viel lernen, wenn du deinen Lehrer lehren willst." Unser Leopold ist inzwischen sechsunddreißig, er hat eine gute Stelle bei der Stadt und meinen frühen Haarausfall. Er plant, sich im Frühjahr eine eigene Wohnung zu nehmen.